Aus den Gedanken gerissen #1

Ab und an habe ich kleine Szenen im Kopf, die zu keiner Geschichte passen und daher auch nirgends zugehörig sind. Ich entscheide mich nun immer öfter dazu, diese einfach aufzuschreiben. Auch wenn sie so beliebig sind. Vielleicht gefällt ja das ein oder andere.

 
„Hör mir zu.“ Seine raue Hand umklammerte meinen Arm. Ich versuchte, mich loszureißen, aber auch jetzt noch hatte er mehr Kraft als ich. „Ich bitte dich. Hör mir zu.“ Es hatte keinen Sinn, mich weiter zu wehren, doch ich wollte nicht hören, was er mir zu sagen hatte. Nicht jetzt. Nicht so. Seine Hände berührten meine Schulterblätter. Sanft. Ich konnte seinen Atem hören. Er war mir näher als jemals zuvor. Meine Kehle schnürte sich zu, doch ich zwang meine Stimme fest und klar zu klingen.

„Egal, was du mir zu sagen hast, kannst du mir auch morgen Abend sagen.“

Er schwieg. Eine Ewigkeit, so kam es mir vor. Er streichelte meine Schultern. Ich konnte seinen Blick erahnen, ohne ihn zu sehen. Die Augenlider niedergeschlagen, ein Lächeln um die Lippen, halb traurig, halb amüsiert.

„Ich will es dir jetzt sagen“, sagte er leise. Erlaubte seiner Stimme das unsichere Zittern, welches ich meiner versagt hatte. „Vielleicht gibt es kein Morgen für mich.“

„Sag das nicht. Es wird gut gehen.“ Es war die blinde Verzweiflung, die so stoisch aus mir sprach. Er wusste das. Der Griff um meine Schultern wurde fester, zwang mich, mich ihm zuzuwenden. Ich konnte die Angst aus meiner Stimme verbannen, doch meine Augen konnten die Lüge nicht vor ihm verbergen.

„Die Ärzte geben mir eine 50 zu 50-Chance, dass die OP gut verläuft. Es kann so viel passieren.“ Sein Lächeln. Dieses Lächeln, das mich wahnsinnig machte. Das ehrliche, blanke Lächeln, das er so selten zeigte. Es machte mir noch mehr Angst. Auch mein energisches Kopfschütteln konnte meine Tränen nicht mehr zurück halten. Ich konnte seine Finger auf meinen Wangen spüren, seine Stirn an meiner.

„Es tut mir so leid“, hauchte er mir entgegen.

„Nein, hör auf, ich will es nicht hören.“ Ich wollte ihn wegstoßen und krallte mich doch fester an ihn. An ihn, den großen Mann, den Fels, der immer Halt versprach und nun in seinen Grundfesten erschüttert hier vor mir stand. Irgendwo zwischen Leben und Tod.

„Es tut mir Leid. Ich liebe dich, weißt du?“

„Lass das, bitte.“

„Ich liebe dich.“

„Hör auf.“

„Nein, ich muss es dir sagen. Ich will es dir sagen, so oft ich noch kann.“ Er zwang mich, ihn anzusehen, seinem flehenden Blick standzuhalten. „Ich liebe dich.“

„Hör gefälligst auf, dich zu verabschieden.“ Ich schrie ihn beinahe an, warf mich ihm entgegen und schluchzte hemmungslos gegen seine Brust. „Hör auf, dich zu verabschieden …“

Eine Weile standen wir so da. Ich versteckte mein verheultes Gesicht in seinem Shirt, er seines in meinem Haar. Ich fühlte, wie wir beide zerbrachen.

„Ich liebe dich auch.“ Meine Stimme war noch belegt, als ich an der Tür stand und zu ihm zurückblickte. Er wirkte so fehl am Platz auf diesem kahlen Krankenhausbett, doch er strahlte inmitten der Scherben, die gerade noch sein Leben waren. Und ich stand plötzlich mitten drin. Aber nein, nicht plötzlich. Langsam hatten sich unsere Leben verbunden. Wir hätten es beinahe nicht bemerkt. Bis jetzt. Meine Lippen legten sich auf seine. Ich weiß nicht, wieso ich noch einmal in seine Arme zurückgefallen war, in seinen Scherben tanzte. Ich wollte es nicht nach Abschied aussehen lassen, doch wenn es einer sein würde, wollte ich ihn unvergesslich machen. Wollte nichts bereuen. Als wir uns voneinander lösten, trafen sich unsere Blicke noch einmal und verloren sich ins Unendliche.

„Bis morgen“, flüsterte ich und strich ihm über die Wange.

„Bis morgen“, flüsterte er, warf sich ins Ungewisse und entließ mich in die Zeit. Ins Morgen.

Verloren

Ich habe meine Sprache verloren.

Es ist nicht so, dass ich nicht mehr schreiben möchte. Ich möchte, ich will – muss sogar, wenn ich ehrlich bin. Aber je mehr ich einfach drauflos schreibe, desto mehr erkenne ich, dass ich meine Sprache verloren habe. Das Gefühl für Worte, Schwingungen von Sätzen. Irgendwo zwischen dem ganzen Chaos, das sich aktuell mein Leben nennt, hat es sich still und leise von mir entfernt. Ohne Abschiedsgruß und Lebewohl.

Was geblieben ist, sind die Selbstzweifel, wenn ich Sätze lese, die ich mir dennoch abgerungen habe. Obwohl ich schon beim Aufschreiben spürte, dass es nicht richtig ist. 

Dialoge so hölzern und undynamisch, dass sie selbst für die gescriptete Realität von RTL zu platt wären.

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich in letzter Zeit nicht lese. Gar nicht. Meine Bücher sind alle bereits in (viele) Kartons gepackt und warten darauf, dass unser Haus fertig gebaut und eingerichtet wird. 

Vielleicht, wenn das alles vorbei ist, kommt ja meine Sprache wieder zu mir zurück? Wenn ich den Duft der alten und neuen Seiten wieder atmen und meine Gedanken zwischen den schier unendlichen gedruckten Zeilen spazieren führen kann? Ich möchte mich wieder selbst kennen lernen. Meine Stimme wiederfinden. Mich als Autorin wiederfinden. 

Ich vermisse mich.

Frühlings Erwachen



Regennasse Fensterscheiben

wasserperlenbehangen

kalt

an meiner heißen Stirn

sanftes Regentropfenklopfen

hallt in meinen Ohren


Lauer Frühlingssonnenstrahl

ich sehne dich herbei



Lodernd in meiner Brust

der Drang nach neuen

Taten

gefesselt noch, verschlossen

verbrennt er langsam, stetig

seine Ketten


Raus will ich

raus aus dieser Enge



Den trüben Staub langer

viel zu langer Winternächte

abwerfen

und Wind und Sonne

und Gras und Erde

wieder sehen, fühlen, schmecken


Kein Kuss brennt heiß genug,

um mich zurückzuhalten



Die glühende Stirn

gelehnt an regennasser

Scheibe

das sanfte Klopfen

in meinen Ohren

ein nicht zu ertragenes Schreien


Ich will sie zerschlagen

und herausbrechen ins Freie

Ein Hoch auf die Sue!

Nein, der Titel ist kein Sarkasmus, ihr lest richtig. Im Gegensatz zu den meisten anderen Bloggern und Autoren, die sich mit dem Thema beschäftigten, möchte ich heute ein Lobeslied auf die Mary Sue singen. Und bevor ich gesteinigt werde, möchte ich erklären, wieso ich der Meinung bin, dass die Mary Sue besser ist als ihr Ruf.

Was ist die Mary Sue?

Nicht jeder kann etwas mit diesem Begriff anfangen, deshalb eine kurze Erklärung vorneweg. Die Mary Sue ist in Kreisen von Hobbyautoren (vornehmlich aus dem Fanfiction-Bereich) die Synthese von Perfektion und Schrecken. Sie ist der Charakter, den alle lieben. Sie ist schön und klug, macht selbst die finstersten Antagonisten wieder zu menschlichen Wesen, mit einer wunderschönen Singstimme, selbstgeschriebenen Gedichten und gottgegebenem Talent in allen Dingen. Ohne Fehl und Tadel schwebt sie als Überheldin durch die Geschichten. Ihre einzigen Schwächen sind eine geradezu niedliche Tollpatschigkeit, ein zu großes Herz und ein gar zu besonders-bildhübsches Äußeres (das meist auf besondere Eigenschaften oder eine edle Herkunft deutet).

Kurz: Die Mary Sue ist der Inbegriff der vollkommenen Charakterlosigkeit. Sie ist zu schön, zu besonders, zu gut. Sie ist einfach unrealistisch.

Und nicht nur weibliche Charaktere sind davon betroffen. Das männliche Pendant ist Gary Stu, dem jede Frau zu Füßen liegt und der auch aus der ausweglosesten Situation zu entkommen weiß.

Das klingt alles furchtbar langweilig. Und meist ist es das auch. Mary Sues erkennt man oft schon am Namen und am Äußeren ganz am Anfang einer Geschichte. In den ersten Seiten wird sie in gähnender Inhaltslosigkeit vorgestellt, wie sie vor dem Spiegel steht und ihr gar „unbesonderes“ Dasein beschreibt. Mit Haaren, das in sanften Wellen über ihre schmalen Schultern fließt wie ein Bach aus Milch und Honig, smaragdgrünen Augen, die ihre Farbe je nach Stimmung in einen tiefen Bernsteinton ändern können und einem feinen Gesicht, das selbst die Feenkönigin Titania wie eine alte Vettel erscheinen lässt.

Okay, okay … ich höre schon auf. Ebenso wie die meisten Geschichten, in denen diese Art von Charakter vorkommt, werden meine Beschreibungen nicht besser, sondern nur noch unrealistischer und kitschiger.

Wie kann man also ein Lobeslied auf eine solche Ausgeburt der Charakter-Klischee-Hölle singen wollen?

Die Begründung ist ganz einfach: Weil es gut tut, eine Mary zu schreiben!

Ja, ihr habt richtig gehört. Es tut gut. Und derjenige, der noch nie dabei war, eine Mary in seine Geschichte zu schreiben, werfe den ersten Stein.

Meist ist die Mary in Fanfictions von Teenagern zu finden, die sich selbst in einer perfekten Fassade mit ihrem Lieblingscharakter verkuppeln. Es sind Dinge, die niemals passieren werden und wir wissen das alle. Auch die Teenager wissen das. Aber ja, auch ich habe so mit dem Schreiben angefangen. Ich habe mich in das Harry Potter-Universum geschrieben in der Art, wie ich gerne sein wollte. Schön, tough, intelligent, besonders. Und es hat mir geholfen, diese Fantasien zu Papier zu bringen. Es hat meinem 14-Jährigen Ich Spaß gemacht und darum ging es mir.

Nichts anderes soll die Mary Sue bringen: Spaß am Schreiben.

Und ab und zu erschaffe ich noch immer Mary Sues, da bin ich ganz ehrlich. Wenn ich eine stressige Woche auf der Arbeit hatte und mies drauf bin, spinne ich mir im Kopf Geschichten zurecht, in denen ein perfektes Ich bestimmte Situationen durchläuft und es entspannt mich ungemein. Heute würde ich diese Geschichten auf keinen Fall zu Papier mehr bringen. Die Energie, die ich dafür aufwenden müsste, stecke ich lieber in meine richtigen Projekte. Und ich muss diese Geschichten auch nicht noch einmal lesen (und schon gar nicht anderen zugänglich machen, oh Gott, diese Peinlichkeit!).

Also breche ich heute eine Lanze für die Mary Sue, denn wir brauchen sie. Als Maßstab, wie ein tiefgründiger Charakter NICHT aussehen sollte. Aber auch für unser eigenes Wohlbefinden, für das Ausleben manch privater Fantasie, auch wenn die niemand anders erfahren wird. Als die strahlende Schönheit, der alle Männer erliegen, an Tagen, in denen wir uns fühlen, wie der Blob. Als Gary Stu, der uns als strahlender Ritter aus jeder noch so undenkbar aussichtslosen Lage befreit (ja, ich gucke euch an Kirk und MacGywer und wie ihr Helden alle hießt). Und als Dark Mary, wenn wir jemandem alles erdenklich schlechte, übelste und grausamste antun möchten, was uns im Kopf herumspukt.

Danke Mary, dafür, dass du dich immer für jeden noch so furchtbar dämlichen, unrealistischen Bockmist hergibst und dabei nichts von deiner strahlenden Schönheit verlierst!

Vielen Dank für all die wunderbaren, schrecklichen und hochpeinlichen Momente, von denen niemand jemals etwas wissen sollte.

Danke Mary!

Hauptsache Bohème

Wenn ich bei meiner Großtante Frida zu Besuch bin, weiß ich, dass sich unsere Gespräche irgendwann um das Thema Literatur drehen. Tante Frida hat ein ganzes Zimmer, das an allen Wänden bis hoch zur Decke mit Regalen ausstaffiert ist. Und diese sind vollgestopft mit Büchern verschiedenster Art. Von Marx und Engels über Thomas Mann und Günther Grass bis Rosamunde Pilcher ist fast alles vertreten, was ihr und ihrem Mann in den vergangenen Jahrzehnten lesens- oder wenigstens besitzenswert erschien. Da sich bei meinen Großeltern und meinen Eltern ähnlich große Ansammlungen an Büchern befinden, wuchs ich also im Paradies bibliophiler Menschen auf. Aber nur mit meiner Tante Frida kann ich mich so schön über Bücher und Literatur allgemein unterhalten und streiten.

Zum Beispiel, wenn ich ihr früher vorgeworfen habe, nie eines ihrer Bücher von Edgar Allen Poe auch nur angefasst zu haben, sich dafür aber beim Rewe um die Ecke wieder einen dieser unsäglichen Groschenromane gekauft hatte. Ich zitierte ihr „Der Rabe“, den ich mit 16 auswendig konnte, und sie hörte mir geduldig bis zum Ende zu. Dann schüttelte sie lächelnd den Kopf, sagte „Mit so’m Schauerzeuchs kann ick nix anfang’“ und widmete sich wieder ihrem Schmöker. Dann saß ich da und fragte mich, ob sie überhaupt verstanden hatte, was ich ihr da vorgetragen hatte. Es war Poe, es war „Der Rabe“. Die Sehnsucht, die Trauer, der sich anschleichende Wahnsinn. Ich war hingerissen. Sie ebenfalls. Von einem Heftchen mit einem Titel wie „Der Prinz und die Pferdewirtin“ oder ähnlichem. Und dieses Bild wollte einfach nicht konform gehen, mit den Diskussionen über Heinrich Böll, Shakespeare oder Frank Wedekind, in denen wir uns stundenlang verstricken konnten. Denn nein, sie las nicht nur solche Groschenromane. Früher einmal, hatte sie alles gelesen, was heute Rang und Namen hat. Schon als Mädchen hatte sie Faust verschlungen, Lady Macbeth hassen gelernt und ihr erster Schwarm war ausgerechnet Günther Grass. Heute mag sie seichte Geschichten, in denen nichts Unvorhergesehenes passiert. Deshalb mag sie die Groschenromane lesen.

Ich lese keine Groschenromane. Ich lese generell selten das, was man gemeinhin unter Unterhaltungsliteratur versteht. Die Liebesromane in ihren gerade modernen himmelblauen Covern, die zahlreich in der Auslage der Buchläden gestapelt sind. Meist sind es nur ein paar wenige Autor*innen, die diese Titel im Akkord produzieren, mit den immer gleichen Rahmenhandlungen, Figurenkonstellationen und Enden. Bei der einen traurig, bei der nächsten witzig und bei der letzten pornös. Mir fehlt bei diesen Büchern der Anspruch. Der Tiefgang. Tante Frida lacht und fragt mich, was das für mich bedeutet und ich denke nach.

Was genau macht anspruchsvolle Literatur eigentlich aus? Der Blog Buchrevier beschäftigte sich mit diesem Thema vor einiger Zeit und ich musste lange über den Artikel nachdenken. Denn obwohl ich viele der darin vertretenen Auffassungen genauso sehe, gibt es einige Standpunkte, denen ich nicht folgen kann. Vor allem was Sinn und Notwendigkeit einer Handlung betrifft. Buchrevier schreibt, der Plot sei nicht wichtig. Dass gute Literatur nicht zwingend einen Plot brauche, eine ausgiebige Handlung sogar den Tiefgang einer Geschichte quasi eliminiere. Ich kann mir denken, welche Art von Geschichten der Artikel damit zur Seite stellen möchte. Jene Geschichten, die eine einfache Handlung erzählend wiedergeben mit mehr oder weniger schmückenden Worten, ohne Abzweigung, von A bis Z. Doch ist das Gegenteil dieser Geschichten tatsächlich jener Tiefgang und Anspruch, den ich mir von Geschichten wünsche? Oder sind es nicht jene Romane, die in der besten Bloggermanier zusammenhanglose Alltagssituationen zugrunde haben und diese dann mit pseudophilosophischem Geseiere auf 250 Seiten aufplustern? Ist das dann Tiefgang? Ist das dann ein gutes Buch? Mir persönlich sagen solche Romane, in denen sich eine Version des Autors als literarisches Ich über die Belanglosigkeiten seines Lebens in ausgeschmückten halbpoetischen Wortschwallen auslässt, genauso wenig zu, wie die eindimensionalen Liebesschnulzen. Denn wirklichen Tiefgang, wirkliche Intelligenz, wirkliche Nachhaltigkeit lassen solche Bücher genauso vermissen. Man mag seine Gedanken die ersten 50 Seiten schweifen lassen, man mag philosophieren, sich mit dem Protagonisten kurzfristig identifizieren, wie er in der ewigen Gleichgültigkeit vor sich hinschwimmt. Aber bleiben diese Gedanken bestehen? Wenn ich heute über Frank Wedekinds „Lulu“ oder Heinrich Bölls Geschichtensammlung „Wo warst du Adam?“ nachdenke, dann kommen in mir Gedanken und Gefühle hoch, dann kann ich mich nicht an einzelne schöne Sätze, aber an die Gesamtheit der Handlung erinnern. An Momente aus den Geschichten, die mich beeindruckt oder bewegt haben. Zum Beispiel als Lulu ihren Dr. Schön dazu bringt seine Verlobung endgültig aufzulösen und ihm den Brief diktiert, den er schreiben soll und ich spüren konnte, wie er hin- und hergerissen ist zwischen seiner Obzession und seinen gesellschaftlichen Verpflichtungen. Oder als Ilona singt und Filskeit in seinem Rassenwahn sein ganzes Magazin in sie hinein feuert, weil er ihren christlichen Glauben und ihre jüdische Herkunft in seinem Kopf nicht in Einklang bringen kann. Weil es seine Überzeugungen negiert. Ich kann noch heute spüren, wie sein irrationaler Hass mit jeder Note mehr und mehr in Wahnsinn umschlägt. Ich erinnere mich kaum an einzelne Sätze oder Formulierungen, aber an die Handlung und die Gefühle, die sie in mir noch immer auslöst, ohne, dass ich die Bücher in den letzten 5 oder mehr Jahren auch nur aufgeschlagen habe. Es ist hier Handlung, diese ist jedoch nicht eindimensional, billig oder vorhersehbar. Sie projiziert mehr als nur eine Geschichte. Keines dieser „schönen“ Bücher konnte mir das bisher geben, was beispielsweise diese beiden Bücher konnten.

Überhaupt habe ich das Gefühl, dass moderne Literatur, die viel besprochen und gelobt wird, zu sehr darauf bedacht ist, möglichst intelligent zu sein. Darüber tritt auch die Handlung in den Hintergrund. Da wird von 20-Jährigen aus gutem Hause über die Schwere des Lebens lamentiert, verpackt in hübschen Wortgerüsten, die aber nur auf wackeligen Füßen stehen. Aber es ist schick, wenn man wie zufällig über ein polygames Paar schreibt und es ist normal, dass alle Beteiligten dabei in ihren Depressionen zergehen und ihre Therapeuten hassen, denn was wissen die schon? Und es ist schick, sich im Drogenrausch in die Spree zu erbrechen, während einem der 50-Jährige Unternehmer das Koks aus der Arschritze schnupft. Und man empfindet nichts, denn es ist normal, wenn ein 50-Jähriger Koks aus deinem Arsch schnupft und es ist schick, nichts dabei zu empfinden. Weil es wichtiger ist, sich darüber Gedanken zu machen, wann der Bio-Supermarkt um die Ecke am nächsten Tag aufmacht, das ist schick und ganz normal in dieser Generation. Denn jeder darf leben, wie er es für richtig hält, alles wird als normal angesehen, solange man es in schöne Worte verpacken kann, dass es schick wird. Und mit diesen schicken Worten wird diese Normalität auf einen Podest gehoben. Sie wird so krampfhaft normal gemacht, dass man sich fragt, ob der Autor es überhaupt aus der Überzeugung heraus geschrieben hat, dass es normal ist oder ob er es nicht als extraordinär ansieht und nur um bohème zu wirken, soll es normal sein. Und der angebliche Tiefgang ist dann auch nur oberflächlich, denn die Normalität ist so plakativ, dass sie keinen Interpretationsspielraum mehr zulässt. Alles soll politisch einwandfrei und korrekt sein, dass keine wirkliche Auseinandersetzung, Reflexion und Diskussion mehr möglich ist,

Und dann füllen sich die Feuilletons wieder mit Lobeshymnen und unbarmherziger Kritik gleichermaßen. Und alle scheinen sich einig, dass dies die Literatur ist, die man gelesen haben sollte und sei es nur, um sie zu zerreißen und sich gegen die dargestellte Normalität zu stellen, die nicht normal ist.

Und Tante Frida lacht mich aus, weil ich mich darüber aufrege, wenn man mich mit diesen Autor*innen in einen Topf wirft, nur weil wir derselben Generation entstammen. Und ich merke, wie ich mich selbst in diesen Banalitäten verliere, indem ich mich darüber aufrege. Sie erklärt mir, dass ich diese Bücher nicht gut oder gar anspruchsvoll finden muss, aber jeder Mensch legt seine Messlatte eben anders an und jeder Mensch liest anders. Manch einem reichen schöne Worte, um ihn zum nachdenken zu bewegen, manch einer braucht mehr oder gar weniger. Manch einem reicht es schon, sich in einer angenehm seichten Geschichte zu verlieren, deren Ausgang so wunderbar vorhersehbar ist, dass man das Buch mit dem Gefühl abschließen kann, dass es definitiv abgeschlossen ist. Manch einer braucht Stoff, der ihm noch jahrelang Grund zum Grübeln gibt, wo vermutlich nur der Autor selbst weiß, was er mit seinem Werk tatsächlich ausdrücken wollte. Und es ist in Ordnung, dass die Ansprüche an Anspruch nicht einheitlich sind. Denn auch das wäre langweilig. Zum Beispiel hätte ich dann keinen Grund mehr, darüber zu diskutieren, ob oder ob kein Tiefgang in einem Buch versteckt ist.

Wenn Tante Frida heute in der Kaufhalle vor dem Regal mit ihren Groschenromanen steht, lese ich ihr manchmal die Titel vor, denn sie vergisst immer ihre Brille zu Hause. Dann erzählt sie mir, anhand des Titels, was wahrscheinlich in dem Buch passieren wird. Ich erkläre ihr, dass es nicht von literarischer Qualität spricht, wenn die Handlung so vorhersehbar ist. Gute Bücher klingen nach, sagt sie, und auch all diejenigen, die sie gelesen hat damals, klingen noch nach. Doch nun, mit fast 80, fühlt sie sich wohler, wenn sie Dinge einfach beenden kann. Sie lacht mich an und kauft das Buch.

Entspann dich, Mutter

Vor ein paar Tagen stieß mich eine Freundin via Twitter auf diesen Artikel in der „Welt“. Ich wusste nicht, ob ich den Kopf schütteln oder lachen sollte. Ich entschied mich für letzteres. Das ist besser für das Wohlbefinden.

Kurzum geht es in dem Beitrag (ich mag es nicht einmal „Artikel“ nennen, das klingt so journalistisch) darum, dass die 30-Jährige Verfasserin darüber lamentiert, dass sie einen scheinbar abstrakten Kinderwunsch hat – aber nicht Mutter sein will. Mutter sein heißt für sie nämlich die Aufgabe ihres kompletten Lebens, aller ihrer Interessen, ihres Berufes, ihres Sozial- und Liebeslebens und all ihrer Träume, Hoffnungen und Wünsche. Und das alles „nur für ein Lächeln“.

Gleich im ersten Satz vergleicht sie ihren sogenannten Kinderwunsch mit der Angst vor dem Tod. Also wohl endgültig, für immer und definitiv nicht positiv. Ein Kind als Symbol für das Ende ihres Lebens. 

Sie schreibt über die „regretting motherhood“-Bewegung. Über all die klugen, erfolgreichen Frauen, deren Leben vollkommen ruiniert war durch die Geburt ihrer Kinder. Und sie geht offenbar vollkommen selbstverständlich davon aus, dass es ihr ganz genauso gehen wird. Ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass es auch die schönen Momente der Mutterschaft gibt, die erfüllenden, sieht sie ausschließlich das Schlechte.

Überall sind sie. Frauen, die auch gedacht hatten, bei ihnen würde alles anders, aber dann wurde mit dem Kind alles ganz genau so, wie „Mutter“ eben für mich klingt. „Mutter“ ist ein hässliches Wort, hinter dem eine Frau steckt, die über noch viel hässlichere Wörter nachdenken muss, wie Breikost-Einführung oder Ökotest-Tests und natürlich: „Afterbabybody“. Ein Kind ist ein 24-Stunden-Job. Bezahlt wird er mit einem Lächeln. Dem des Kindes wohlgemerkt, die Mutter bekommt Mundwinkelfalten.

Quelle: Friese, Julia; Die Welt, 12.05.2016, online unter: http://www.welt.de/vermischtes/article155283055/Wenn-dann-will-ich-lieber-Vater-sein-als-Mutter.html

Und sie geht sogar noch weiter:

Denn eine Mutter ist gestresst. Mit wenig Atem erteilt sie Befehle, vor allem an den Mann. Tagsüber arbeitet er. Sie beneidet ihn. Sie sagt es nicht laut. Sie sagt, dass sie Mundwinkelfalten, Migräne und einen Afterbabybody hat, also wirklich keine Lust auf Sex, denn du weißt schon, Schatz, da ist dieses Muttersein und die Viertel Halbtagsstelle als „Mami-Bloggerin“.

Quella: aaO

Wir fassen also zusammen:

Mütter sind unglückliche Wesen, die den ganzen Tag zu Hause hocken, schlechtgelaunt den Nachwuchs hüten, aufgrund körperlicher Komplexe keinen Sex haben und neidisch auf den arbeitenden Vater des Balgs sind. Und die einzig akzeptierte Beschäftigung ist die der „Mami-Bloggerin“.

Es ist klar, dass hier übertrieben wird, aber dennoch frage ich mich gerade ernsthaft, ob die Autorin eine Mutter hat (wenn nicht, tut mir das Leid), ob die ein solches Leben geführt hat (dann tut mir die Mutter Leid) und ob es in ihrem Umfeld wirklich nur solch gut betuchte Paare gibt, bei denen es reicht, wenn ein Elternteil allein arbeitet. Und was haben Mütter vor der Erfindung des Blogging gemacht? Wandfarbe beim Trocknen zugesehen?

Und ich stelle fest, dass ich offensichtlich seit fast fünf Jahren Nicht-Mutter bin.

Gut, ja. Einen schönen Körper habe ich nicht mehr. Das liegt aber zugegebenermaßen an mir und meiner Unlust an sportlicher Betätigung. Das sieht bei anderen Müttern ganz anders aus – man muss es nur wollen.

Aber ansonsten? 

Als mein Kind ein Jahr alt war, habe ich wieder angefangen zu studieren. Zugegeben, nicht für meinen Traumjob, aber das hätte ich auch ohne Kind nicht, weil mir die wirtschaftliche Sicherheit dann doch wichtiger war, als der abstrakte Wunsch nach Selbstverwirklichung, die mir dann auch niemand garantiert hätte und an der ich selbst schon zweifelte.

Das Liebesleben ist meines Erachtens Privatsache, aber sagen wir es so: Sex gehört für mich zu einer gesunden Beziehung gleichermaßen wie Kommunikation, gegenseitiger Respekt und Vertrauen. Er ist also essentiell. Klar, gleich nach der Geburt ist Sex nicht drin, selbst nach einem Kaiserschnitt nicht, da Risse (auch innere Mikrorisse) etc pp erst verheilen sollten, um Infektionen zu vermeiden. (Und man hat zugegebenermaßen keinen Bock nach solch einer Strapaze)

Neidisch auf den arbeitenden Vater? Ich habe 3 Jahre duales Studium hinter mir, wobei ich täglich 2-4 Stunden im Zug gesessen habe – nur für eine Tour. Dann Uni, dann nach Hause, dann Kind, Lernen … Pfft. Ich hatte gar keine Zeit neidisch zu sein. Und mittlerweile stehe ich mitten im Vollzeitjob (40h/Woche) und habe demnach auch wichtigeres zu tun, als mich um einen Mami-Blog und Ökotest-Tests zu kümmern.

Und selbst als ich das erste Jahr zu Hause war, habe ich mir darum keine Gedanken gemacht. Ich habe mich in keinem Mami-Forum angemeldet, war nicht in der Öko-Stillgruppe und habe, wenn ich nicht weiter wusste, meine Mutter oder den Kinderarzt um Rat gefragt. Ansonsten habe ich auch einfach nach Bauchgefühl entschieden. Nicht nach Ratgeber. Ich habe nicht gestillt, Brei zugefüttert, als Knirpsi von der Flasche nicht mehr satt wurde und mit Töpfchentraining begonnen, als Kind allein frei sitzen konnte. Und es war mir so herrlich egal, was andere dazu meinten.

Ich habe übrigens auch weiterhin meine Hobbys. Ich schreibe, lese, zocke zwar nicht mehr so viel, aber regelmäßig und habe nicht vor, damit aufzuhören. Im Gegenteil. Je älter mein Kind wird, desto mehr Freiheiten habe auch ich wieder. Denn Kinder bleiben nicht ihr Leben lang 2 Jahre alt (habe ich mir sagen lassen).
Natürlich will ich die negativen Seiten des Mutterseins nicht negieren – die gibt es. Ein Lächeln entschädigt nicht für aufgeplatzte Oberlippen, schlaflose Nächte, Wutanfälle, Nörgeleien usw. Gerade am Anfang hat man kaum Schlaf, ständig Kotzflecke auf dem Pulli und – was wohl das andauerndste und schwierigste ist – man muss mit seinen Unsicherheiten klarkommen. 

Da hat mir meine Oma (RIP) den besten Rat von allen gegeben: „Entspann dich.“

Damit meinte sie natürlich nicht, dass ich mich nicht um mein Kind kümmern sollte. Sie wollte damit sagen: Scher dich nicht um die anderen, die machen auch nicht alles richtig. Sei die beste Mutter, die du sein kannst, ohne dass du ganz aufhörst du selbst zu sein. 

Eine unglückliche Mutter kann kein glückliches Kind großziehen.

Den Ratschlag befolge ich bis heute. Ich liebe mein Kind, bin für es da, wann immer es mich braucht, wische seine Kotze weg (und kotze hinterher nicht selten selbst, weil ich das absolut widerlich finde), tröste es, wenn es traurig ist und stecke mich durch Kuscheleinheiten an, wenn es krank ist. Ich begleite es, schubse es in die (hoffentlich) richtige Richtung und lasse es dann seine eigenen Erfahrungen machen. 

Aber ich nehme mir dafür heraus, Zeit für mich zu reservieren. 

Und es hilft auch ungemein, wenn man dem Vater die Aufgaben nicht befiehlt, sondern ihn auch machen lässt. Kein Vater findet es gut, wenn die Mutter alles überwacht, kommentiert und berichtigt, was er tut. Das nennt sich dann gleichberechtigte Erziehung und Aufgabenteilung. Tut dem Kind übrigens auch gut, wenn der andere Elternteil kein austauschbarer Pappkamerad, sondern gleichberechtigter Ansprechpartner ist. 
Die Autorin des Artikels hat von gleichberechtigter Erziehung allerdings wohl noch nichts gehört und möchte daher die „klassische Vaterrolle“ einnehmen. Den ganzen Tag arbeiten und das Kind nur abends und am Wochenende sehen. Wenn sie dann dafür auch in Kauf nimmt, für immer und ewig Alleinverdienerin zu sein, Sklave eines wohlbezahlten Jobs, der ihr aber vielleicht in einigen Jahren doch nicht mehr so gefällt, sie aber definitiv nicht raus kann, weil ihr Gehalt ja das einzige ist, was die Familie vor der Armut bewahrt … Okay. Auch dieser Druck ist nicht angenehm.

Abgesehen davon, dass das ein äußerst antiquiertes Familienbild ist und man auch berufstätig und Mutter gleichzeitig sein (echt, das geht!), zwingt einen niemand dazu, ein Kind zu bekommen. 

Ja wirklich. 

Die Autorin schreibt zwar, dass sie diesen Kinderwunsch hat, aber eigentlich schreit ihr gesamter Gedankengang: „Hilfe, ich bin 30, alle um mich herum haben Babys. Babys sind niedlich, ich will auch was Niedliches, aber keine Verantwortung übernehmen! Kinder passen nicht in mein Lebenskonzept!“

Dann sollte man halt keine Kinder kriegen. Man kann für die kurzweilige Kinderdosis ohne weitergehende Verantwortung auch eine Freundin fragen, ob man mal einen Nachmittag mit ihrem Balg in den Zoo soll (die Mama dankt es) und sich statt eines Lebewesens, das von einem abhängig ist, lieber eine Topfpflanze anschaffen. 

Niemand ist gezwungen ein Kind in die Welt zu setzen und niemand sagt, dass Muttersein für alle Frauen die absolute Erfüllung sein muss. Wenn man also meint, ein Kind passt nicht ins Leben, dann zwängt da auch kein Kind rein.

Mein Bruder plus Lebensgefährtin sind beide Mitte 30 und haben kein Kind, weil sie keins wollen. Sie möchten lieber zu zweit bleiben. Schlimm? Absolut nicht (außer, dass ich niemals Gelegenheit haben werde, mich für Nerven zerreißende Geschenke an mein Kind zu „revanchieren“).
Aber sich über „regretting motherhood“ Gedanken zu machen, obwohl man kein Kind hat … Ungelegte Eier und so … Es zeigt vor allem: man will kein Kind kriegen, weil man sein Leben wie jetzt weiter führen will.

Das ist vollkommen in Ordnung. Dann macht aber bitte kein Drama daraus und stellt nicht alle Mütter als klinisch tot dar. Das sind wir nämlich nicht. 

Mütter sind Frauen, Geliebte, Freundinnen, Töchter, Arbeiterinnen, Schreiberinnen, Kreative, Reaktionäre, Träumerinnen, Realistinnen, einfach alles, was auch jede andere Frau – jeder andere Mensch – ist, nur eben auch Mutter.
~ELW