Frühlings Erwachen



Regennasse Fensterscheiben

wasserperlenbehangen

kalt

an meiner heißen Stirn

sanftes Regentropfenklopfen

hallt in meinen Ohren


Lauer Frühlingssonnenstrahl

ich sehne dich herbei



Lodernd in meiner Brust

der Drang nach neuen

Taten

gefesselt noch, verschlossen

verbrennt er langsam, stetig

seine Ketten


Raus will ich

raus aus dieser Enge



Den trüben Staub langer

viel zu langer Winternächte

abwerfen

und Wind und Sonne

und Gras und Erde

wieder sehen, fühlen, schmecken


Kein Kuss brennt heiß genug,

um mich zurückzuhalten



Die glühende Stirn

gelehnt an regennasser

Scheibe

das sanfte Klopfen

in meinen Ohren

ein nicht zu ertragenes Schreien


Ich will sie zerschlagen

und herausbrechen ins Freie

Ein Hoch auf die Sue!

Nein, der Titel ist kein Sarkasmus, ihr lest richtig. Im Gegensatz zu den meisten anderen Bloggern und Autoren, die sich mit dem Thema beschäftigten, möchte ich heute ein Lobeslied auf die Mary Sue singen. Und bevor ich gesteinigt werde, möchte ich erklären, wieso ich der Meinung bin, dass die Mary Sue besser ist als ihr Ruf.

Was ist die Mary Sue?

Nicht jeder kann etwas mit diesem Begriff anfangen, deshalb eine kurze Erklärung vorneweg. Die Mary Sue ist in Kreisen von Hobbyautoren (vornehmlich aus dem Fanfiction-Bereich) die Synthese von Perfektion und Schrecken. Sie ist der Charakter, den alle lieben. Sie ist schön und klug, macht selbst die finstersten Antagonisten wieder zu menschlichen Wesen, mit einer wunderschönen Singstimme, selbstgeschriebenen Gedichten und gottgegebenem Talent in allen Dingen. Ohne Fehl und Tadel schwebt sie als Überheldin durch die Geschichten. Ihre einzigen Schwächen sind eine geradezu niedliche Tollpatschigkeit, ein zu großes Herz und ein gar zu besonders-bildhübsches Äußeres (das meist auf besondere Eigenschaften oder eine edle Herkunft deutet).

Kurz: Die Mary Sue ist der Inbegriff der vollkommenen Charakterlosigkeit. Sie ist zu schön, zu besonders, zu gut. Sie ist einfach unrealistisch.

Und nicht nur weibliche Charaktere sind davon betroffen. Das männliche Pendant ist Gary Stu, dem jede Frau zu Füßen liegt und der auch aus der ausweglosesten Situation zu entkommen weiß.

Das klingt alles furchtbar langweilig. Und meist ist es das auch. Mary Sues erkennt man oft schon am Namen und am Äußeren ganz am Anfang einer Geschichte. In den ersten Seiten wird sie in gähnender Inhaltslosigkeit vorgestellt, wie sie vor dem Spiegel steht und ihr gar „unbesonderes“ Dasein beschreibt. Mit Haaren, das in sanften Wellen über ihre schmalen Schultern fließt wie ein Bach aus Milch und Honig, smaragdgrünen Augen, die ihre Farbe je nach Stimmung in einen tiefen Bernsteinton ändern können und einem feinen Gesicht, das selbst die Feenkönigin Titania wie eine alte Vettel erscheinen lässt.

Okay, okay … ich höre schon auf. Ebenso wie die meisten Geschichten, in denen diese Art von Charakter vorkommt, werden meine Beschreibungen nicht besser, sondern nur noch unrealistischer und kitschiger.

Wie kann man also ein Lobeslied auf eine solche Ausgeburt der Charakter-Klischee-Hölle singen wollen?

Die Begründung ist ganz einfach: Weil es gut tut, eine Mary zu schreiben!

Ja, ihr habt richtig gehört. Es tut gut. Und derjenige, der noch nie dabei war, eine Mary in seine Geschichte zu schreiben, werfe den ersten Stein.

Meist ist die Mary in Fanfictions von Teenagern zu finden, die sich selbst in einer perfekten Fassade mit ihrem Lieblingscharakter verkuppeln. Es sind Dinge, die niemals passieren werden und wir wissen das alle. Auch die Teenager wissen das. Aber ja, auch ich habe so mit dem Schreiben angefangen. Ich habe mich in das Harry Potter-Universum geschrieben in der Art, wie ich gerne sein wollte. Schön, tough, intelligent, besonders. Und es hat mir geholfen, diese Fantasien zu Papier zu bringen. Es hat meinem 14-Jährigen Ich Spaß gemacht und darum ging es mir.

Nichts anderes soll die Mary Sue bringen: Spaß am Schreiben.

Und ab und zu erschaffe ich noch immer Mary Sues, da bin ich ganz ehrlich. Wenn ich eine stressige Woche auf der Arbeit hatte und mies drauf bin, spinne ich mir im Kopf Geschichten zurecht, in denen ein perfektes Ich bestimmte Situationen durchläuft und es entspannt mich ungemein. Heute würde ich diese Geschichten auf keinen Fall zu Papier mehr bringen. Die Energie, die ich dafür aufwenden müsste, stecke ich lieber in meine richtigen Projekte. Und ich muss diese Geschichten auch nicht noch einmal lesen (und schon gar nicht anderen zugänglich machen, oh Gott, diese Peinlichkeit!).

Also breche ich heute eine Lanze für die Mary Sue, denn wir brauchen sie. Als Maßstab, wie ein tiefgründiger Charakter NICHT aussehen sollte. Aber auch für unser eigenes Wohlbefinden, für das Ausleben manch privater Fantasie, auch wenn die niemand anders erfahren wird. Als die strahlende Schönheit, der alle Männer erliegen, an Tagen, in denen wir uns fühlen, wie der Blob. Als Gary Stu, der uns als strahlender Ritter aus jeder noch so undenkbar aussichtslosen Lage befreit (ja, ich gucke euch an Kirk und MacGywer und wie ihr Helden alle hießt). Und als Dark Mary, wenn wir jemandem alles erdenklich schlechte, übelste und grausamste antun möchten, was uns im Kopf herumspukt.

Danke Mary, dafür, dass du dich immer für jeden noch so furchtbar dämlichen, unrealistischen Bockmist hergibst und dabei nichts von deiner strahlenden Schönheit verlierst!

Vielen Dank für all die wunderbaren, schrecklichen und hochpeinlichen Momente, von denen niemand jemals etwas wissen sollte.

Danke Mary!

Hauptsache Bohème

Wenn ich bei meiner Großtante Frida zu Besuch bin, weiß ich, dass sich unsere Gespräche irgendwann um das Thema Literatur drehen. Tante Frida hat ein ganzes Zimmer, das an allen Wänden bis hoch zur Decke mit Regalen ausstaffiert ist. Und diese sind vollgestopft mit Büchern verschiedenster Art. Von Marx und Engels über Thomas Mann und Günther Grass bis Rosamunde Pilcher ist fast alles vertreten, was ihr und ihrem Mann in den vergangenen Jahrzehnten lesens- oder wenigstens besitzenswert erschien. Da sich bei meinen Großeltern und meinen Eltern ähnlich große Ansammlungen an Büchern befinden, wuchs ich also im Paradies bibliophiler Menschen auf. Aber nur mit meiner Tante Frida kann ich mich so schön über Bücher und Literatur allgemein unterhalten und streiten.

Zum Beispiel, wenn ich ihr früher vorgeworfen habe, nie eines ihrer Bücher von Edgar Allen Poe auch nur angefasst zu haben, sich dafür aber beim Rewe um die Ecke wieder einen dieser unsäglichen Groschenromane gekauft hatte. Ich zitierte ihr „Der Rabe“, den ich mit 16 auswendig konnte, und sie hörte mir geduldig bis zum Ende zu. Dann schüttelte sie lächelnd den Kopf, sagte „Mit so’m Schauerzeuchs kann ick nix anfang’“ und widmete sich wieder ihrem Schmöker. Dann saß ich da und fragte mich, ob sie überhaupt verstanden hatte, was ich ihr da vorgetragen hatte. Es war Poe, es war „Der Rabe“. Die Sehnsucht, die Trauer, der sich anschleichende Wahnsinn. Ich war hingerissen. Sie ebenfalls. Von einem Heftchen mit einem Titel wie „Der Prinz und die Pferdewirtin“ oder ähnlichem. Und dieses Bild wollte einfach nicht konform gehen, mit den Diskussionen über Heinrich Böll, Shakespeare oder Frank Wedekind, in denen wir uns stundenlang verstricken konnten. Denn nein, sie las nicht nur solche Groschenromane. Früher einmal, hatte sie alles gelesen, was heute Rang und Namen hat. Schon als Mädchen hatte sie Faust verschlungen, Lady Macbeth hassen gelernt und ihr erster Schwarm war ausgerechnet Günther Grass. Heute mag sie seichte Geschichten, in denen nichts Unvorhergesehenes passiert. Deshalb mag sie die Groschenromane lesen.

Ich lese keine Groschenromane. Ich lese generell selten das, was man gemeinhin unter Unterhaltungsliteratur versteht. Die Liebesromane in ihren gerade modernen himmelblauen Covern, die zahlreich in der Auslage der Buchläden gestapelt sind. Meist sind es nur ein paar wenige Autor*innen, die diese Titel im Akkord produzieren, mit den immer gleichen Rahmenhandlungen, Figurenkonstellationen und Enden. Bei der einen traurig, bei der nächsten witzig und bei der letzten pornös. Mir fehlt bei diesen Büchern der Anspruch. Der Tiefgang. Tante Frida lacht und fragt mich, was das für mich bedeutet und ich denke nach.

Was genau macht anspruchsvolle Literatur eigentlich aus? Der Blog Buchrevier beschäftigte sich mit diesem Thema vor einiger Zeit und ich musste lange über den Artikel nachdenken. Denn obwohl ich viele der darin vertretenen Auffassungen genauso sehe, gibt es einige Standpunkte, denen ich nicht folgen kann. Vor allem was Sinn und Notwendigkeit einer Handlung betrifft. Buchrevier schreibt, der Plot sei nicht wichtig. Dass gute Literatur nicht zwingend einen Plot brauche, eine ausgiebige Handlung sogar den Tiefgang einer Geschichte quasi eliminiere. Ich kann mir denken, welche Art von Geschichten der Artikel damit zur Seite stellen möchte. Jene Geschichten, die eine einfache Handlung erzählend wiedergeben mit mehr oder weniger schmückenden Worten, ohne Abzweigung, von A bis Z. Doch ist das Gegenteil dieser Geschichten tatsächlich jener Tiefgang und Anspruch, den ich mir von Geschichten wünsche? Oder sind es nicht jene Romane, die in der besten Bloggermanier zusammenhanglose Alltagssituationen zugrunde haben und diese dann mit pseudophilosophischem Geseiere auf 250 Seiten aufplustern? Ist das dann Tiefgang? Ist das dann ein gutes Buch? Mir persönlich sagen solche Romane, in denen sich eine Version des Autors als literarisches Ich über die Belanglosigkeiten seines Lebens in ausgeschmückten halbpoetischen Wortschwallen auslässt, genauso wenig zu, wie die eindimensionalen Liebesschnulzen. Denn wirklichen Tiefgang, wirkliche Intelligenz, wirkliche Nachhaltigkeit lassen solche Bücher genauso vermissen. Man mag seine Gedanken die ersten 50 Seiten schweifen lassen, man mag philosophieren, sich mit dem Protagonisten kurzfristig identifizieren, wie er in der ewigen Gleichgültigkeit vor sich hinschwimmt. Aber bleiben diese Gedanken bestehen? Wenn ich heute über Frank Wedekinds „Lulu“ oder Heinrich Bölls Geschichtensammlung „Wo warst du Adam?“ nachdenke, dann kommen in mir Gedanken und Gefühle hoch, dann kann ich mich nicht an einzelne schöne Sätze, aber an die Gesamtheit der Handlung erinnern. An Momente aus den Geschichten, die mich beeindruckt oder bewegt haben. Zum Beispiel als Lulu ihren Dr. Schön dazu bringt seine Verlobung endgültig aufzulösen und ihm den Brief diktiert, den er schreiben soll und ich spüren konnte, wie er hin- und hergerissen ist zwischen seiner Obzession und seinen gesellschaftlichen Verpflichtungen. Oder als Ilona singt und Filskeit in seinem Rassenwahn sein ganzes Magazin in sie hinein feuert, weil er ihren christlichen Glauben und ihre jüdische Herkunft in seinem Kopf nicht in Einklang bringen kann. Weil es seine Überzeugungen negiert. Ich kann noch heute spüren, wie sein irrationaler Hass mit jeder Note mehr und mehr in Wahnsinn umschlägt. Ich erinnere mich kaum an einzelne Sätze oder Formulierungen, aber an die Handlung und die Gefühle, die sie in mir noch immer auslöst, ohne, dass ich die Bücher in den letzten 5 oder mehr Jahren auch nur aufgeschlagen habe. Es ist hier Handlung, diese ist jedoch nicht eindimensional, billig oder vorhersehbar. Sie projiziert mehr als nur eine Geschichte. Keines dieser „schönen“ Bücher konnte mir das bisher geben, was beispielsweise diese beiden Bücher konnten.

Überhaupt habe ich das Gefühl, dass moderne Literatur, die viel besprochen und gelobt wird, zu sehr darauf bedacht ist, möglichst intelligent zu sein. Darüber tritt auch die Handlung in den Hintergrund. Da wird von 20-Jährigen aus gutem Hause über die Schwere des Lebens lamentiert, verpackt in hübschen Wortgerüsten, die aber nur auf wackeligen Füßen stehen. Aber es ist schick, wenn man wie zufällig über ein polygames Paar schreibt und es ist normal, dass alle Beteiligten dabei in ihren Depressionen zergehen und ihre Therapeuten hassen, denn was wissen die schon? Und es ist schick, sich im Drogenrausch in die Spree zu erbrechen, während einem der 50-Jährige Unternehmer das Koks aus der Arschritze schnupft. Und man empfindet nichts, denn es ist normal, wenn ein 50-Jähriger Koks aus deinem Arsch schnupft und es ist schick, nichts dabei zu empfinden. Weil es wichtiger ist, sich darüber Gedanken zu machen, wann der Bio-Supermarkt um die Ecke am nächsten Tag aufmacht, das ist schick und ganz normal in dieser Generation. Denn jeder darf leben, wie er es für richtig hält, alles wird als normal angesehen, solange man es in schöne Worte verpacken kann, dass es schick wird. Und mit diesen schicken Worten wird diese Normalität auf einen Podest gehoben. Sie wird so krampfhaft normal gemacht, dass man sich fragt, ob der Autor es überhaupt aus der Überzeugung heraus geschrieben hat, dass es normal ist oder ob er es nicht als extraordinär ansieht und nur um bohème zu wirken, soll es normal sein. Und der angebliche Tiefgang ist dann auch nur oberflächlich, denn die Normalität ist so plakativ, dass sie keinen Interpretationsspielraum mehr zulässt. Alles soll politisch einwandfrei und korrekt sein, dass keine wirkliche Auseinandersetzung, Reflexion und Diskussion mehr möglich ist,

Und dann füllen sich die Feuilletons wieder mit Lobeshymnen und unbarmherziger Kritik gleichermaßen. Und alle scheinen sich einig, dass dies die Literatur ist, die man gelesen haben sollte und sei es nur, um sie zu zerreißen und sich gegen die dargestellte Normalität zu stellen, die nicht normal ist.

Und Tante Frida lacht mich aus, weil ich mich darüber aufrege, wenn man mich mit diesen Autor*innen in einen Topf wirft, nur weil wir derselben Generation entstammen. Und ich merke, wie ich mich selbst in diesen Banalitäten verliere, indem ich mich darüber aufrege. Sie erklärt mir, dass ich diese Bücher nicht gut oder gar anspruchsvoll finden muss, aber jeder Mensch legt seine Messlatte eben anders an und jeder Mensch liest anders. Manch einem reichen schöne Worte, um ihn zum nachdenken zu bewegen, manch einer braucht mehr oder gar weniger. Manch einem reicht es schon, sich in einer angenehm seichten Geschichte zu verlieren, deren Ausgang so wunderbar vorhersehbar ist, dass man das Buch mit dem Gefühl abschließen kann, dass es definitiv abgeschlossen ist. Manch einer braucht Stoff, der ihm noch jahrelang Grund zum Grübeln gibt, wo vermutlich nur der Autor selbst weiß, was er mit seinem Werk tatsächlich ausdrücken wollte. Und es ist in Ordnung, dass die Ansprüche an Anspruch nicht einheitlich sind. Denn auch das wäre langweilig. Zum Beispiel hätte ich dann keinen Grund mehr, darüber zu diskutieren, ob oder ob kein Tiefgang in einem Buch versteckt ist.

Wenn Tante Frida heute in der Kaufhalle vor dem Regal mit ihren Groschenromanen steht, lese ich ihr manchmal die Titel vor, denn sie vergisst immer ihre Brille zu Hause. Dann erzählt sie mir, anhand des Titels, was wahrscheinlich in dem Buch passieren wird. Ich erkläre ihr, dass es nicht von literarischer Qualität spricht, wenn die Handlung so vorhersehbar ist. Gute Bücher klingen nach, sagt sie, und auch all diejenigen, die sie gelesen hat damals, klingen noch nach. Doch nun, mit fast 80, fühlt sie sich wohler, wenn sie Dinge einfach beenden kann. Sie lacht mich an und kauft das Buch.

Entspann dich, Mutter

Vor ein paar Tagen stieß mich eine Freundin via Twitter auf diesen Artikel in der „Welt“. Ich wusste nicht, ob ich den Kopf schütteln oder lachen sollte. Ich entschied mich für letzteres. Das ist besser für das Wohlbefinden.

Kurzum geht es in dem Beitrag (ich mag es nicht einmal „Artikel“ nennen, das klingt so journalistisch) darum, dass die 30-Jährige Verfasserin darüber lamentiert, dass sie einen scheinbar abstrakten Kinderwunsch hat – aber nicht Mutter sein will. Mutter sein heißt für sie nämlich die Aufgabe ihres kompletten Lebens, aller ihrer Interessen, ihres Berufes, ihres Sozial- und Liebeslebens und all ihrer Träume, Hoffnungen und Wünsche. Und das alles „nur für ein Lächeln“.

Gleich im ersten Satz vergleicht sie ihren sogenannten Kinderwunsch mit der Angst vor dem Tod. Also wohl endgültig, für immer und definitiv nicht positiv. Ein Kind als Symbol für das Ende ihres Lebens. 

Sie schreibt über die „regretting motherhood“-Bewegung. Über all die klugen, erfolgreichen Frauen, deren Leben vollkommen ruiniert war durch die Geburt ihrer Kinder. Und sie geht offenbar vollkommen selbstverständlich davon aus, dass es ihr ganz genauso gehen wird. Ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass es auch die schönen Momente der Mutterschaft gibt, die erfüllenden, sieht sie ausschließlich das Schlechte.

Überall sind sie. Frauen, die auch gedacht hatten, bei ihnen würde alles anders, aber dann wurde mit dem Kind alles ganz genau so, wie „Mutter“ eben für mich klingt. „Mutter“ ist ein hässliches Wort, hinter dem eine Frau steckt, die über noch viel hässlichere Wörter nachdenken muss, wie Breikost-Einführung oder Ökotest-Tests und natürlich: „Afterbabybody“. Ein Kind ist ein 24-Stunden-Job. Bezahlt wird er mit einem Lächeln. Dem des Kindes wohlgemerkt, die Mutter bekommt Mundwinkelfalten.

Quelle: Friese, Julia; Die Welt, 12.05.2016, online unter: http://www.welt.de/vermischtes/article155283055/Wenn-dann-will-ich-lieber-Vater-sein-als-Mutter.html

Und sie geht sogar noch weiter:

Denn eine Mutter ist gestresst. Mit wenig Atem erteilt sie Befehle, vor allem an den Mann. Tagsüber arbeitet er. Sie beneidet ihn. Sie sagt es nicht laut. Sie sagt, dass sie Mundwinkelfalten, Migräne und einen Afterbabybody hat, also wirklich keine Lust auf Sex, denn du weißt schon, Schatz, da ist dieses Muttersein und die Viertel Halbtagsstelle als „Mami-Bloggerin“.

Quella: aaO

Wir fassen also zusammen:

Mütter sind unglückliche Wesen, die den ganzen Tag zu Hause hocken, schlechtgelaunt den Nachwuchs hüten, aufgrund körperlicher Komplexe keinen Sex haben und neidisch auf den arbeitenden Vater des Balgs sind. Und die einzig akzeptierte Beschäftigung ist die der „Mami-Bloggerin“.

Es ist klar, dass hier übertrieben wird, aber dennoch frage ich mich gerade ernsthaft, ob die Autorin eine Mutter hat (wenn nicht, tut mir das Leid), ob die ein solches Leben geführt hat (dann tut mir die Mutter Leid) und ob es in ihrem Umfeld wirklich nur solch gut betuchte Paare gibt, bei denen es reicht, wenn ein Elternteil allein arbeitet. Und was haben Mütter vor der Erfindung des Blogging gemacht? Wandfarbe beim Trocknen zugesehen?

Und ich stelle fest, dass ich offensichtlich seit fast fünf Jahren Nicht-Mutter bin.

Gut, ja. Einen schönen Körper habe ich nicht mehr. Das liegt aber zugegebenermaßen an mir und meiner Unlust an sportlicher Betätigung. Das sieht bei anderen Müttern ganz anders aus – man muss es nur wollen.

Aber ansonsten? 

Als mein Kind ein Jahr alt war, habe ich wieder angefangen zu studieren. Zugegeben, nicht für meinen Traumjob, aber das hätte ich auch ohne Kind nicht, weil mir die wirtschaftliche Sicherheit dann doch wichtiger war, als der abstrakte Wunsch nach Selbstverwirklichung, die mir dann auch niemand garantiert hätte und an der ich selbst schon zweifelte.

Das Liebesleben ist meines Erachtens Privatsache, aber sagen wir es so: Sex gehört für mich zu einer gesunden Beziehung gleichermaßen wie Kommunikation, gegenseitiger Respekt und Vertrauen. Er ist also essentiell. Klar, gleich nach der Geburt ist Sex nicht drin, selbst nach einem Kaiserschnitt nicht, da Risse (auch innere Mikrorisse) etc pp erst verheilen sollten, um Infektionen zu vermeiden. (Und man hat zugegebenermaßen keinen Bock nach solch einer Strapaze)

Neidisch auf den arbeitenden Vater? Ich habe 3 Jahre duales Studium hinter mir, wobei ich täglich 2-4 Stunden im Zug gesessen habe – nur für eine Tour. Dann Uni, dann nach Hause, dann Kind, Lernen … Pfft. Ich hatte gar keine Zeit neidisch zu sein. Und mittlerweile stehe ich mitten im Vollzeitjob (40h/Woche) und habe demnach auch wichtigeres zu tun, als mich um einen Mami-Blog und Ökotest-Tests zu kümmern.

Und selbst als ich das erste Jahr zu Hause war, habe ich mir darum keine Gedanken gemacht. Ich habe mich in keinem Mami-Forum angemeldet, war nicht in der Öko-Stillgruppe und habe, wenn ich nicht weiter wusste, meine Mutter oder den Kinderarzt um Rat gefragt. Ansonsten habe ich auch einfach nach Bauchgefühl entschieden. Nicht nach Ratgeber. Ich habe nicht gestillt, Brei zugefüttert, als Knirpsi von der Flasche nicht mehr satt wurde und mit Töpfchentraining begonnen, als Kind allein frei sitzen konnte. Und es war mir so herrlich egal, was andere dazu meinten.

Ich habe übrigens auch weiterhin meine Hobbys. Ich schreibe, lese, zocke zwar nicht mehr so viel, aber regelmäßig und habe nicht vor, damit aufzuhören. Im Gegenteil. Je älter mein Kind wird, desto mehr Freiheiten habe auch ich wieder. Denn Kinder bleiben nicht ihr Leben lang 2 Jahre alt (habe ich mir sagen lassen).
Natürlich will ich die negativen Seiten des Mutterseins nicht negieren – die gibt es. Ein Lächeln entschädigt nicht für aufgeplatzte Oberlippen, schlaflose Nächte, Wutanfälle, Nörgeleien usw. Gerade am Anfang hat man kaum Schlaf, ständig Kotzflecke auf dem Pulli und – was wohl das andauerndste und schwierigste ist – man muss mit seinen Unsicherheiten klarkommen. 

Da hat mir meine Oma (RIP) den besten Rat von allen gegeben: „Entspann dich.“

Damit meinte sie natürlich nicht, dass ich mich nicht um mein Kind kümmern sollte. Sie wollte damit sagen: Scher dich nicht um die anderen, die machen auch nicht alles richtig. Sei die beste Mutter, die du sein kannst, ohne dass du ganz aufhörst du selbst zu sein. 

Eine unglückliche Mutter kann kein glückliches Kind großziehen.

Den Ratschlag befolge ich bis heute. Ich liebe mein Kind, bin für es da, wann immer es mich braucht, wische seine Kotze weg (und kotze hinterher nicht selten selbst, weil ich das absolut widerlich finde), tröste es, wenn es traurig ist und stecke mich durch Kuscheleinheiten an, wenn es krank ist. Ich begleite es, schubse es in die (hoffentlich) richtige Richtung und lasse es dann seine eigenen Erfahrungen machen. 

Aber ich nehme mir dafür heraus, Zeit für mich zu reservieren. 

Und es hilft auch ungemein, wenn man dem Vater die Aufgaben nicht befiehlt, sondern ihn auch machen lässt. Kein Vater findet es gut, wenn die Mutter alles überwacht, kommentiert und berichtigt, was er tut. Das nennt sich dann gleichberechtigte Erziehung und Aufgabenteilung. Tut dem Kind übrigens auch gut, wenn der andere Elternteil kein austauschbarer Pappkamerad, sondern gleichberechtigter Ansprechpartner ist. 
Die Autorin des Artikels hat von gleichberechtigter Erziehung allerdings wohl noch nichts gehört und möchte daher die „klassische Vaterrolle“ einnehmen. Den ganzen Tag arbeiten und das Kind nur abends und am Wochenende sehen. Wenn sie dann dafür auch in Kauf nimmt, für immer und ewig Alleinverdienerin zu sein, Sklave eines wohlbezahlten Jobs, der ihr aber vielleicht in einigen Jahren doch nicht mehr so gefällt, sie aber definitiv nicht raus kann, weil ihr Gehalt ja das einzige ist, was die Familie vor der Armut bewahrt … Okay. Auch dieser Druck ist nicht angenehm.

Abgesehen davon, dass das ein äußerst antiquiertes Familienbild ist und man auch berufstätig und Mutter gleichzeitig sein (echt, das geht!), zwingt einen niemand dazu, ein Kind zu bekommen. 

Ja wirklich. 

Die Autorin schreibt zwar, dass sie diesen Kinderwunsch hat, aber eigentlich schreit ihr gesamter Gedankengang: „Hilfe, ich bin 30, alle um mich herum haben Babys. Babys sind niedlich, ich will auch was Niedliches, aber keine Verantwortung übernehmen! Kinder passen nicht in mein Lebenskonzept!“

Dann sollte man halt keine Kinder kriegen. Man kann für die kurzweilige Kinderdosis ohne weitergehende Verantwortung auch eine Freundin fragen, ob man mal einen Nachmittag mit ihrem Balg in den Zoo soll (die Mama dankt es) und sich statt eines Lebewesens, das von einem abhängig ist, lieber eine Topfpflanze anschaffen. 

Niemand ist gezwungen ein Kind in die Welt zu setzen und niemand sagt, dass Muttersein für alle Frauen die absolute Erfüllung sein muss. Wenn man also meint, ein Kind passt nicht ins Leben, dann zwängt da auch kein Kind rein.

Mein Bruder plus Lebensgefährtin sind beide Mitte 30 und haben kein Kind, weil sie keins wollen. Sie möchten lieber zu zweit bleiben. Schlimm? Absolut nicht (außer, dass ich niemals Gelegenheit haben werde, mich für Nerven zerreißende Geschenke an mein Kind zu „revanchieren“).
Aber sich über „regretting motherhood“ Gedanken zu machen, obwohl man kein Kind hat … Ungelegte Eier und so … Es zeigt vor allem: man will kein Kind kriegen, weil man sein Leben wie jetzt weiter führen will.

Das ist vollkommen in Ordnung. Dann macht aber bitte kein Drama daraus und stellt nicht alle Mütter als klinisch tot dar. Das sind wir nämlich nicht. 

Mütter sind Frauen, Geliebte, Freundinnen, Töchter, Arbeiterinnen, Schreiberinnen, Kreative, Reaktionäre, Träumerinnen, Realistinnen, einfach alles, was auch jede andere Frau – jeder andere Mensch – ist, nur eben auch Mutter.
~ELW

Überdenken, Überarbeiten, Neu machen

Ich bin wenig aktiv in letzter Zeit, was das Schreiben angeht … Wobei … Eigentlich ist das so nicht die ganze Wahrheit. Denn obwohl ich nur wenig zum Schreiben komme, mache ich momentan andere Dinge, die ich schon viel zu lange vor mir herschiebe oder aber, die gerade dringender aus meinem Kopf wollen.
Da wäre z.B. die Überarbeitung von „Kreideherzen“. Nachdem ich die Geschichte aus privaten Gründen von seinem angestammten Platz auf fanfiktion.de nehmen musste, habe ich sie eine Weile ruhen lassen. Mir war klar, dass ich sie nicht mehr in der Form hochladen könnte (und wollte), wie sie war. Vor allem die Figur des Alexander musste sich verändern in einigen wesentlichen Punkten. Für mich und meine Beziehung zu seiner Figur. Wenn man aber fast 9 Jahre an einer Geschichte plant und feilt, die Protagonisten kennt wie seinen besten Freund, dann ist eine solche Veränderung schwierig.

Bei anderen Geschichten hätte es mich vielleicht weniger gestört, doch Kreideherzen ist für mich besonders. Mich bindet eine Hassliebe an diese Geschichte, die man kaum in Worte fassen kann. Mal brennt sie mehr, mal fast gar nicht, sodass ich denke, das Feuer ist aus. 

Die Figuren habe ich in all den Jahren geformt, ich kenne ihre Geschichte, ihre familiären Hintergründe, ihre Wünsche, Sorgen und Schwächen. Doch Alexander wird nun verändert. Er ist schon anders in meinem Kopf und nun beginne ich, ihn zu Papier zu bringen. Der alte Alexander wird Stück für Stück durch den neuen ersetzt, bis von dem Alten nichts übrig ist. 

Und ich muss gestehen, es tut auch ein bisschen gut, sich von ihm zu lösen, ihn neu zu erfinden. Das schafft mir wieder eine gewisse Distanz. 

Das erste Kapitel habe ich nun überarbeitet und das zweite angefangen. Es ist noch ein weiter Weg, denn Überarbeiten, Streichen, oftmals neu schreiben, dauert. Es ist eine aufwändige Arbeit, aber es ist auch faszinierend, wie viel man selbst am Ende streicht und wieder verändert. Und gerade die ersten Kapitel von Kreideherzen haben es bitter nötig, auch eine stilistische Überarbeitung zu bekommen. Es wurde Zeit.
Doch die Erneuerung meines „Babys“ ist nicht das einzige, woran ich arbeite. Zwei andere Geschichten werden gerade geplottet. Eine etwas längere „Fantasy“-Story, wobei Fantasy bei mir eher kein beliebtes Genre ist, von daher kann ich hier keine nähere Eingrenzung geben. Doch wie immer gibt es eine Portion Tragik und Drama dazu. (Nein, keine Vampire, keine Werwölfe, kein Game of Thrones)
Und dann ist da gerade ein ganz neues Plotbunny an mir vorbeigehüpft. Ein Kurzroman (hoffe ich), der in der Gegenwart spielt und einen Briefwechsel zweier befreundeter (vielleicht verliebter) Menschen zu Beginn der 1950er Jahre thematisiert. Ein bisschen Liebe, vor allem aber Familie, Selbstreflexion, Freundschaft und die Frage, ob man lieber seinen Träumen oder doch der Vernunft folgen soll. 
Ich bin also, wie ihr seht, in letzter Zeit nicht untätig, sondern durchaus im kreativen Prozess. Aktuell allerdings eher für mich, in meinem Kopf und zwischen den Seiten meiner Notizbücher. Ich gelobe aber, zumindest was das Bloggen angeht, Besserung.*

Es wird in nächster Zeit vielleicht auch wieder die ein oder andere Kurzgeschichte oder das ein oder andere Gedicht von mir zu lesen geben. Auch hier bin ich nicht untätig, ich habe nur keine Zeit, alles gleichzeitig zu machen. 

*(Gott, wenn ich jedes Mal 10 cent kriegen würde, wenn ich mir das vornehme.)
~ELW

Rezension: Sein Artist

Julius Brück ist ein gealterter Gymnasiallehrer, der zurückgezogen in dem kleinen Städtchen Waidbronn lebt. Sein Leben scheint in geordneten Bahnen zu verlaufen, trotz seiner Schwäche für Überraschungseier – und der Tatsache, dass er von drei seiner Schüler mit einem delikaten Videofilm erpresst wird. Gerade als er denkt, dass er zusammenbricht, tritt Leonid in sein Leben. Leonid, ein junger Mann, sein ehemaliger Schüler, in dessen Leben ein Schicksalsschlag dem nächsten folgt. Doch obwohl Julius mit der Hilfe des jungen Mannes die erpresserischen Absichten seiner Schüler abwehren kann, ist auch in seinem Leben nicht alles so normal, wie es scheint. Als Leonid dem vierzig Jahre älteren Mann ein überstürztes Liebesgeständnis macht, erweckt er dunkle Erinnerungen aus Julius‘ Vergangenheit, der den Verlust seiner beider Lieben nie verwunden hat und die präsenter sind seit Leonid in seinem Leben ist und präsenter werden, desto näher sich die beiden Männer kommen. Doch ahnen sie nicht, wie viel tiefer ihre Beziehung in Wirklichkeit geht.

Alexandra Dichtler hat mit „Sein Artist“ eine Form der Erzählung wieder in mein Bewusstsein gebracht, welche ich fast vergessen glaubte: Die Novelle.

Deutschland ist ein Land der seichten Unterhaltungsromane geworden und die meisten Verlage trauen sich aus diesem Metier nicht heraus, wenn die Autoren keine international bekannten Koryphäen wie Stephen King oder Haruki Murakami sind, deren Kurzgeschichtenbände sich auch bei uns großer Beliebtheit erfreuen. In nicht einmal 100 Seiten schafft Dichtler, was anderen in 1000 Seiten nicht gelingen mag. Sie baut eine emotionale Nähe zu ihren Figuren, die man bei vielen Romanen vermisst. Man leidet mit Julius Brück und Leonid bis zur letzten Seite mit, auch wenn sie einem nur kurz vorgestellt werden, nur einen Nachmittag begleiten, denn länger braucht man nicht, um dieses Buch zu lesen.

Doch Vorsicht! Nur weil ich sage, dass man dieses Buch an einem Nachmittag durchlesen kann, heißt das nicht, dass man dieses Buch tatsächlich einfach weglesen kann, wie bei der durchschnittlichen Bestseller-Belletristik. Ich habe insgesamt vier oder fünf Anläufe seit Weihnachten gestartet und bin lange nicht über die ersten paar Seiten hinausgekommen. Nicht, weil es wahnsinnig schwierig oder anstrengend geschrieben ist. „Sein Artist“ ist meines Erachtens ein Stimmungsbuch. Wenn man den Kopf voll mit anderen Dingen, Ideen oder Aufgaben hat, wird man sich schwer in dieses Buch einleben können. Denn die wenigen Seiten sind gleichzeitig eben eine Stärke und eine Schwäche zugleich: Man steigt sofort ein in die Gefühlswelt und das Chaos der Protagonisten. Es gibt kein langsames kennenlernen und beschnuppern, wie bei einem Roman, wo man über mehrere hundert Seiten Charakterentwicklung eine Beziehung zu den Figuren aufbaut und entscheiden kann, ob man mit ihnen fiebert oder einem ihr Schicksal egal ist. Diese Zeit lässt einem „Sein Artist“ nicht. Entweder ganz oder gar nicht. Daher habe ich vier Monate gebraucht, um wirklich in dieses Buch einzusteigen.

Und wie erwähnt, sind die wenigen Seiten auch eine kleine Schwäche des Buches. Wie für Dichtler üblich, wird auch in diesem Ausflug nach Waidbronn die Realität durch Elemente der Phantastik verzerrt. Nicht stark, nicht großartig, doch für Julius und Leonid weltbewegend. Doch im Gegensatz zu ihrem Erstling „Schwester golden, Bruder aus Stein“, fehlt mir dieses Mal die Raffinesse. Man wird so hineingeschmissen und das Phantastische Element wird irgendwie plakativ in die eigentliche Geschichte hineingestellt. Wie ein Aufsteller. Nicht aus Pappe. Ein im Boden verschraubter Aufsteller aus Metall, gegen den man läuft und der einem Kopfschmerzen bereitet. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob ich das positiv sehe. Momentan ist da dieses leicht unbefriedigte Gefühl in mir, vielleicht, weil ich es mir anders gewünscht hätte. Subtiler, hintergründiger irgendwie. Denn der eigentliche Plot ist so unfassbar traurig-schön, dass ich mir gewünscht habe, die beiden Protagonisten in den Arm zu nehmen und ihnen mütterlich zuzuflüstern, dass alles gut werden wird. Ich will nicht spoilern, aber: Gut ist am Ende dann nicht viel. Gut ist anders. Und es zerriss mein kleines Leserherz.

Über die Sprachgewalt von Alexandra Dichtler muss ich nicht viel sagen, denn ich kann nichts anderes, als ihren Stil immer und immer wieder zu loben und mir zu wünschen, ich könnte solche Emotionen und Bilder mit meinen Worten vermitteln. Das gelingt in meinen Augen nur wenigen Autoren, dass ich auch in kurzen Werken so mitleide.

Fazit: Anders als ihr Erstling „Schwester golden, Bruder aus Stein“, ist „Sein Artist“ kein Jugendbuch. Und das ist auch gut so, denn ein erzwungenes Trimmen auf ein jugendliches oder heranwachsendes Publikum hätte die Intensität der Emotionen vielleicht schwächer werden lassen. Stattdessen hat man ein intensives Drama in kurzen, beinahe unzusammenhängenden Kapiteln, durchbrochen manchmal von Gedichten oder Gedankenfetzen, deren tieferer Sinn sich erst zum Ende hin erschließt. Die Protagonisten sind das Leiden so gewöhnt, dass sie trotz der vierzig Jahre Altersunterschied einfach sehr gut zusammenpassen und man ihnen von der ersten bis zur letzten Seite wünscht, dass sie endlich einmal glücklich werden. Manko bleibt für mich, dass das phantastische Element meiner Meinung nach, nicht dem Talent der Autorin entsprechend verarbeitet wurde. Ich bin einfach von Dichtler besseres, tieferes gewöhnt und habe natürlich entsprechend hohe Erwartungen an ihre Geschichten. Dass die Geschichte undurchsichtig und verwirrend ist, ist auch klar, doch zum Ende hin kommt in diesen Knoten ein roter Faden und der Nebel lichtet sich. Trotz ein paar Abstrichen ist „Sein Artist“ ein wirklich gutes und empfehlenswertes Buch, aber nichts für Menschen, die gern ohne viel nachzudenken lesen und auf einen weiten Charakteraufbau Wert legen. Das Buch ist intensiv und wirft einen in das kalte Leid der Figuren wie in Wasser. Wer sich davor nicht scheut, hat hier jedoch seine Freude.

Hier noch mal ein kleine Zusammenfassung im Überblick:

Eckdaten

Titel:           Sein Artist

Autorin:       Alexandra Dichtler

Verlag:        e-book beim Ka&Jott-Verlag, gedruckt in geringer Stückzahl im Selfpublishing

Seiten:        99

Genre:        Drama/Fantasy/Phantastik

Bewertung

Story:         3,5/5

Sprache:    5/5

Gesamt:     4/5

Erwerben kann man das gedruckte Buch bei Amazon, jedoch nur in geringer Stückzahl. Das e-book ist in allen gängigen Shops erhältlich.

Ich habe das Buch als Rezensions-Exemplar von der Autorin erhalten und bedanke mich dafür noch einmal ganz herzlich. 🙂

 

Der neueste Roman von Alexandra Dichtler „Frei wie verkrüppelte Tauben“ erscheint übrigens demnächst im Ka&Jott-Verlag.

Wieder Schreiben – Teil 2: Vorbereitungen

Ich hatte mir ja vorgenommen, am Wochenende meinen Schreibtisch aufzuräumen. So als erste Vorbereitung für meinen hoffentlich bald einsetzenden Schreibfluss. Nun ja, das hat nicht ganz so geklappt dank Kegeln mit Bekannten und Schwimmbadbesuch am Samstag und einem sehr faulen Sonntag. Aber egal. Ein bisschen geschrieben habe ich die Tage dennoch. Auch ohne ordentlichen Schreibtisch und Platz für die Tastatur. Platz ist in der kleinsten Hütte und ein iPad oder ganz klassisch Zettel und Stift tun es auch, um einfach mal ein paar Ideen niederzukritzeln.

Andere Vorbereitungen laufen auch an. So habe ich mich mit den Initiatoren einer Schreibgruppe in Verbindung gesetzt. In der ersten Februarwoche geht es los. Ein bisschen aufgeregt bin ich, denn ich habe mich seit Jahren nicht mehr mit Leuten real über das Schreiben – und mein Schreiben – ausgetauscht. Das letzte Mal war wohl irgendwann in der Schulzeit mit meiner damaligen besten Freundin. Qualitativ hochwertig waren diese Unterhaltungen in der Regel auch nicht, sondern hauptsächlich durchgedreht und bisweilen arg schmutzig. Ich hoffe, dass ich diese zwischenmenschlichen Sachen nicht verlernt habe. 

Eine weitere Neuerung in meinem Schreibleben sind dann wohl auch diese beiden Schätzchen:

 
Mit diesen beiden Exemplaren steigt die Zahl meiner Schreibratgeber auf 3. Ich habe es eigentlich nicht so mit Ratgeberbüchern. Vor allem seit meiner Schwangerschaft mache ich einen großen Bogen darum, denn meiner Erfahrung nach, machen Ratgeber vor allem eins: Meinungen und Neigungen als einzige Wahrheit aufdrücken. Zumindest war das in sämtlichen Schwangeren- und Elternratgebern so, die ich gelesen habe. Ich hoffe, dass es hier anders sein wird. 

Nach der Lektüre diverser Blogs, Kritiken und Rezensionen habe ich ein paar Ratgeber rausgesucht und mich schlussendlich für diese beiden entschieden. Wenn sie mir gefallen und helfen, werde ich mein Bücherregal vielleicht noch um den einen oder anderen erweitern. Mal sehen.

Ich habe mir für den Einstieg auch schon ein erstes Projekt gesucht. Etwas anderes als das, was ich gewöhnlich mache. Eine erotische Kurzgeschichte zum Thema „Scham“ als Einsendung für ein erotisches Kunstmagazin geplant. Mal sehen, ob und was daraus wird. 

Die nächsten Wochen werden für mich spannend. Ich will ein wenig experimentieren und üben. Ob da etwas sinnvolles draus entsteht, weiß ich nicht, aber schaden kann es ja auch nicht, oder?