Drogen, Ficken, Scheiße… Unter Drogen scheiße ficken – Moderne Jugendliteratur

Ich muss zugeben, ich lese selten Bücher, die sich offenkundig an Heranwachsende oder junge Erwachsene richten. Das liegt nicht daran, dass ich mich dieser Gruppe nicht mehr zugehörig fühle, mit meinen 23 Jahren bin ich ja noch eine durchaus junge Erwachsene, sondern vielmehr daran, dass mich die Themen in letzter Zeit nicht mehr ansprechen. Aber lasst mich von vorn beginnen. Als die Frankfurter Buchmesse voll im Gange war, stellte die Autorin Helene Hegemann ihr neues Buch „Jage zwei Tiger“ vor. Nein, das wird jetzt keine Abhandlung über ihre schriftstellerischen Leistungen. Ich habe weder ihr neues Werk noch das alte, vom Plagiatsskandal damals überschattet, gelesen. Da man heutzutage schnell damit rechnen muss, eine Klage wegen geschäftsschädigendem Verhaltens oder Rufmord oder weiß der Geier was am Hals zu haben, will ich es allgemein halten. Es geht mir nämlich nicht um diese junge Autorin, sondern um meinen Eindruck von der modernen Buchkultur, vor allem was die Zielgruppe meiner Altersklasse betrifft.

Als also Frau Hegemann ihr neues Buch vorgestellt hat, fing ich ein bisschen an zu recherchieren. Wie schon bei ihrem Erstling überschlägt sich das Feuilleton geradezu, um Lobpreisungen von sich zu geben, als hätten sie nichts aus dem Skandal vom Anfang gelernt. Sei mal dahingestellt, ob sie tatsächlich eine grandiose Autorin ist oder nicht, dass ein Erstling so einfach veröffentlicht wird, hatte mich schon sehr gewundert. Immerhin haben es unbekannte Neulinge im Verlagswesen nicht leicht… aber halt! Ich stieß auf die Information, dass sie gar kein unbekanntes Gesicht war, sondern ihre Familie zum alten Kulturadel in Deutschland gehört. Ich will natürlich nicht unterstellen, dass sie diese ganze Aufmerksamkeit und das überschwängliche Lob lediglich ihren guten Kontakten zu verdanken hat… aber naheliegend ist es schon. Sollten sich junge Autoren also an ihrem Bild eine Hoffnung ausgemalt haben, dass Talent doch was zählt… lieber weniger hoffen, zumindest wenn ihr kein Vitamin B(eziehung) nachweisen könnt.

Was mir bei meinen Recherchen jedoch eigentlich viel saurer aufgestoßen ist, waren die Themen, mit denen sich neue Literatur anscheinend beschäftigen soll. Es wird von Wohlstandsverwahrlosung geschrieben, von harter, ehrlicher Sprache… Vor längerer Zeit (da gehörte ich noch zu den U20ern) habe ich mehrere Bücher aus diesem Genre gelesen, unter anderem „Feuchtgebiete“ und „Ich trag ein Massengrab im Herzen“. Diese beiden Bücher sind mir besonders in Erinnerung geblieben. Ersteres wegen des damaligen (und durch die Verfilmung gegenwärtigen) Hypes und letzteres weil ich es tatsächlich nicht schlecht fand. Wenn dies der Maßstab moderner, junger Literatur ist, höre ich vielleicht doch auf zu schreiben.

Vielleicht werde ich jetzt für altmodisch und langweilig gehalten, aber mir gefällt das nicht. Ich mag es nicht, wenn mir Schimpfworte auf jeder Seite entgegenspringen, wie mit einem Schrotgewehr verteilt. Ich will auch nicht ständig pseudophilosophische Denke von jungen Menschen lesen, die irgendwo zwischen Kindheit und Erwachsensein stecken geblieben sind, nichts auf die Reihe kriegen und vom ach so verhassten Wohlstand ihrer Eltern leben. Ich mag überzeichnete Charaktere und Übertreibungen. Literatur lebte schon immer davon, dass man überspitzt, um auf etwas hinzuweisen. Aber wenn mir die überspitzten Klischees permanent vor die Füße kotzen, wird es mit der Zeit langweilig. Es macht im Übrigen auch einen Unterschied, wie man seine Charaktere über die Sinnlosigkeiten des Lebens schwadronieren lässt. Es gibt einen Unterschied, ob ein Charakter aus dem inneren Drang heraus sich selbst zu zerstören Drogen nimmt und durch die Gegend vögelt. Dann wird dieser Charakter mit der Zeit vermutlich immer blasser, muss noch mehr Drogen nehmen, um wieder an Farbe zu gewinnen, nur um danach noch blasser zu werden. Und dann gibt es diese Wohlstandsverwahrlosten Kleinkinder, die jeden auf ihre Probleme aufmerksam machen müssen. Immer und immer und immer und immer… (usw…) Die nehmen Drogen, weil es schick ist, ein bisschen Grunge zu verbreiten und lassen sich dann für Geld von einem alten Sack schön durchnehmen, um der ganzen Welt zu demonstrieren, wie egal ihnen das Leben doch ist. Im nächsten Moment versinken sie natürlich nicht in der Schlechtigkeit der Welt, sondern kaufen sich bei Starbucks den teuersten Kaffee und schwadronieren weiter über ihr ach so tolles, unabhängiges und freies Leben. Wenn Papi ihnen die Kreditkarte sperren würde und aus ihrem kuscheligen Zimmer rauswerfen würde, wären die nicht mehr lebensfähig. Wäre auch mal interessant, denn dann hätten diese Menschen mal tatsächlich mit Problemen zu kämpfen.

Ich weiß nicht wieso, vielleicht bin ich schon zu abgestumpft, aber mich bewegt diese Form der Literatur einfach nicht. Vielleicht bin ich auch schon zu alt und habe ein zu geregeltes, gesetztes Leben, sodass ich das nicht nachvollziehen kann. Ich gehe mit meinen 23 Jahren nicht auf Partys, sondern kümmere mich um mein Kind. Ich lebe nicht vom Geld meiner Eltern, sondern studiere und arbeite für meinen Lebensunterhalt. Ich nehme keine Drogen, ich bin von Hause aus verpeilt genug.

Aber jetzt mal ganz im Ernst: Wer lässt sich von diesem Scheiße-Ficken-Drogen-Slang überhaupt noch beeindrucken? Eigentlich nur noch die alten Männer der deutschen Pressekonzerne, anders kann ich mir den Hype um Hegemann und Co. nicht vorstellen. Ende der 70er, als Christiane F. ihr Buch „Wie Kinder vom Bahnhof Zoo“ veröffentlicht hat, da war das schockierend, bewegend und ehrlich. Das Wort Arschficken oder auch die detaillierte (in den meisten Büchern übrigens mangelhafte und fehlerhafte) Beschreibung desselben locken heute niemanden mehr hinterm Ofen vor. Auch sind Jugendliche, die Drogen nehmen und durch die Gegend ficken, weder neu noch schockierend. Die wahren Probleme unserer Gesellschaft bleiben der Literatur in aller Regel fern, weil die Menschen, die darüber erzählen könnten (und auch erzählen) kein Gehör finden. Sie sind keine schillernden Persönlichkeiten, die in Mitten von Kulturadeligen aufgewachsen sind und von der Schlechtigkeit reicher Menschen erzählen, obwohl sie selbst dazu gehören. Diese Menschen leben in schlecht sanierten Plattenbauten, haben keine Zukunft, weil die Gesellschaft sie aufgegeben hat, nicht weil es schick ist, verloren zu wirken. Sie leben in der 2. Generation von Hartz IV und werden vom Jobcenter mit 15 verdonnert, Bewerbungen zu schreiben, ob sie zur Schule gehen wollen oder nicht. Sie müssen am Ende des Monats hungrig ins Bett, nicht weil sie unbedingt dünn sein wollen, sondern weil kein Geld mehr für Essen im Haus ist.

Im Übrigen kommt echte, harte Literatur auch ohne den übermäßigen Gebrauch von Kraftausdrücken aus. Manche Wahrheit bleibt genauso erschütternd und schockierend, egal in welche Worte man sie verpackt. Das macht sie erst so grausam. Ein schönes Beispiel für ehrliche, harte Sprache, die trotzdem einfühlsam, stilvoll und angenehm ist, ist „Der Märchenerzähler“. Auch wenn mich das Buch nicht so berührt hat, wie andere. Es ist ein gutes Buch.

 

Auch wenn ich vermutlich niemals genug Talent oder gute Ideen auf mich vereinen werde, um Fuß zu fassen in der großen Welt der Verlagshäuser, so werde ich trotzdem meinem Stil treu bleiben. Meine Sprache ist ehrlich, auch hart, aber niemals so übertrieben und lächerlich, dass ich vor lauter Anspielungen und Vergleichen der eigentlichen Geschichte nicht mehr folgen kann. Denn das ist es, was ich mit meiner eigenen Literatur erreichen will: Den Menschen eine Geschichte erzählen.

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