Was zählt, ist der Schein

Abiturzeugnis mit Bestnote, Modulscheine an der Uni, der Meisterbrief, die Doktorandenurkunde. Ja, diese Dinge sind wichtig. Und in Deutschland scheinen sie wichtiger als Können oder Kreativität.

Doch sagen diese Blätter Papier grundsätzlich etwas über die Qualifikation eines Menschen aus? Über seine Leistung? Seine Intelligenz?

Denn seien wir mal ehrlich: Es gibt ungezählte Menschen da draußen, die ein Abitur, Studium oder ähnliches vorzuweisen haben, aber in einem Gespräch merkt man, dass da zwischen den Ohren einfach nicht viel ist. Und es gibt die Menschen, die etwas können, es sich vielleicht selbst beigebracht haben und uns beeindrucken, weil sie sich durchkämpfen – ganz ohne Zertifikat.

Ich frage mich vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse, was aus der jungen, revolutionären Bildungselite geworden ist, die es früher gegeben hat? Wo sind die Träumer und Denker, die von einer besseren Welt fantasieren? Und im gleichen Moment frage ich mich, wieso ich nicht dazu gehöre? Ganz einfach: Ich weiß, dass ich es mir nicht leisten kann.

Als Student hetzt man heute hauptsächlich Modulscheinen und Creditpoints hinterher, gibt Seminararbeiten ab zu möglichst klangvollen Themen und freut sich, wenn man in seiner spärlichen Freizeit die neue Staffel seiner Lieblingsserie auf Netflix schauen kann. Und das möglichst ohne die Regelstudienzeit zu überziehen. Denn nicht nur, dass das Studium teuer ist, es macht bei späteren Bewerbungen auch keinen guten Eindruck, wenn man statt der ausgewiesenen sechs tatsächlich neun Semester an seinem Bachelor studiert hat.

Und Engagement daneben?

Politische Partizipation in allen Ehren, doch dafür haben wir die Politikwissenschaftsstudenten. Und ermüdende Kreisdiskussionen über globale Themen führen dann doch eher die Philosophen. Die können dann alles in einem Essay für das Seminar „Philosophie im neuzeitlichen Kontext“ verwursten und für die Erkenntnis „wir wissen, dass wir am Ende nichts wissen“ noch ein paar Punkte beim Prof sammeln. Der Rest hashtaggt dann mal bei facebook, twitter und Instagram „Refugees welcome“ und legt sich gleichzeitig mit seinem Maschinenbauabschluss ins Zeug. Denn wer weiß schon, ob unter den Flüchtlingen nicht der ein oder andere gut ausgebildete Maschinenbauer ist? Die ohnehin nicht sichere Zukunft scheint noch unsicherer zu werden.

Und plötzlich scheint „Die Junge Union“ wie eine grandiose Möglichkeit, seine Zukunft zu sichern, auch wenn man dafür graue Jacketts und mintgrüne Hemden tragen muss. Auf die Krawatte wird bis 32 verzichtet und die Haare nicht zu frech gegelt, damit nicht auffällt, das 32 gar nicht mehr so jung ist und sich die Lebensideologie zu einem 22-Jährigen doch ganz schön unterscheidet. Macht aber nichts, denn am Ende sind wir ja alle „Muttis“ Kinder und keiner scheint sich zu fragen, was nach „Mutti“ eigentlich kommen soll.

Denn keiner der nachgezogenen, alten Jugend kann durch eine besondere Ausstrahlung oder Eloquenz auf sich aufmerksam machen. Wie auch? Seit der Schulzeit wurde ja größten Wert darauf gelegt, möglichst gute Leistungen zu erhalten, indem man sich den gegebenen Umständen reibungslos unterordnet. Platz für Individualität oder gar Ideen war nie vorhanden.

Geschweige denn für Kreativität.

Überhaupt. Kreativ sein, ist brotlose Kunst. Und hast du keinen Verwandten, der deinem Nachnamen nicht einen gewissen Wiedererkennungswert garantiert, hast du eigentlich schon verloren. Und die Buchmärkte wundern sich, weshalb ihnen keiner mehr den Einheitsbrei abkaufen will, den sie in ihre Bestsellerlisten pressen. Doch nach der hundertsten Neuerfindung von der Wanderhure, schwedischen Krimis, gossensprachigen wohlstandverwahrlosten Jugendlichen und dem 6.000. „Wie finde ich den richtigen Mann?“-Ratgeber/lustige Szenengeschichte, sehnt man sich danach, seinen Kopf in die Kloschüssel zu halten und zu spülen. Lange zu spülen.

Und dann sieht man Bilder von neu errichteten Grenzzäunen mitten in der EU, von frustrierten Menschen, die sich von ihren Politikern verkauft und von den Medien belogen fühlen, von Tränengas gegen Flüchtlinge, von gefeierten Holocaustleugnern und Nationalisten, die ihre eigene Sprache zwar nicht beherrschen, sie aber vor „Verunreinigung“ beschützen wollen.

Eine Freundin schreibt bei facebook über die Anzahl ihrer Creditpoints. Nestlé will sein Image aufpolieren. Wirtschaftsflüchtling und Gutmensch sind nun Schimpfworte, doch die Werbung für die Welthungerhilfe auf Sat1 Gold treibt den Hausfrauen die Tränen in die Augen. Auf Youtube verkaufen junge Leute ihren überteuerten Beautykram an 14-Jährige, denen ihr Aussehen wichtiger ist, als ihr Verstand.

Dazwischen liegt der kleine Aylan mit seinem kalten Gesicht im Sand, am Meer, wo mein Sohn vielleicht Sandburgen bauen würde und mit seinen Schwimmflügeln im Wasser geplanscht hätte.

Und DagiBee wird heute 21 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch.

Ick freu mir!! ^^

Wer mir auf verschiedenen Plattformen folgt (oder gar auf allen), wird wahrscheinlich von mir genervt sein oder mich für total abgehoben und eingebildet halten, aber ich muss es einfach noch einmal ganz ausführlich los werden.

Ich. habe. meinen. Bachelor.

Und nein, ich will damit weder nerven noch angeben.

Sechs Jahre nach dem Abitur einen Bachelor abgeschlossen zu haben, ist auch nichts, womit man angeben könnte. Immerhin hätte ich bereits einen Masterabschluss haben können, wenn alles ein bisschen glatter gelaufen wäre.
Der Grund, wieso ich mich so irrsinnig freue, ist, dass ich in den letzten Wochen und Monaten ganz extrem in meinen Angstzuständen versunken bin. Da in meinem Leben noch niemals etwas reibungslos verlaufen ist, hatte ich ständig das Gefühl, dass noch irgendetwas passieren würde, was mir meinen Abschluss grundlegend versaut. Zuerst war es eine der letzten Prüfungen, von denen ich ernsthaft dachte, dass ich sie verhauen hätte, weil die Musterlösung nicht einmal ansatzweise das war, was ich in der Prüfung geschrieben hatte. Dann war es die Bachelor-Thesis. Zuerst motiviert angefangen, ein bisschen geschrieben nach und nach… eine Woche vor Abgabe festgestellt, dass ich an meinem tatsächlichen Thema vollkommen vorbei geschrieben habe, alles gelöscht und innerhalb von vier Tagen 34 Seiten neu geschrieben, korrigiert, formatiert, gedruckt, gebunden und abgegeben. Dann festgestellt, dass ich was in den Formalien versaut hatte… Was, wenn das ein Grund war, die Arbeit mit einer 5,0 zu bewerten? Es gibt Dozenten bei uns, die solche Dinge tun. Gnadenlos.

Nun ja… Meine Angstprüfung hatte ich schließlich mit einer 2,0 und meine Thesis, wie ich heute auf meinem Zeugnis lesen konnte, mit einer 1,7 bestanden. Also alle Panik umsonst… Aber das wusste ich ja vorher nicht! Überhaupt hat es mich vollkommen erledigt, nicht zu wissen, wie und ob ich überhaupt bestanden hatte, bis ich das Zeugnis heute in den Händen hielt.

Und nach diesen drei Jahren, in denen ich täglich von zu Hause zur Uni pendeln musste, manchmal sechs Stunden am Tag im Zug verbracht habe, ein Kleinkind zu Hause und einen Ehemann, dann noch das Lernen, die Aufgaben, die Hausarbeiten.

Als mir heute dieses Zeugnis übergeben wurde, fiel mir nicht nur ein Stein vom Herzen. Es war ein ganzes Geröll-Feld, glaube ich. Ich weiß nun, dass ich eine Zukunft habe. Ich weiß, dass ich einen Beruf habe, mit dem ich meine Familie ernähren kann. Und ich empfinde mit einem Schlag eine Ruhe, die ich seit Jahren nicht mehr hatte. Seit etwa sechs Jahren, um genau zu sein.

Und ja, das ist für mich definitiv ein Grund, mich zu freuen. Extrem sogar. 😀