Rezension: Sein Artist

Julius Brück ist ein gealterter Gymnasiallehrer, der zurückgezogen in dem kleinen Städtchen Waidbronn lebt. Sein Leben scheint in geordneten Bahnen zu verlaufen, trotz seiner Schwäche für Überraschungseier – und der Tatsache, dass er von drei seiner Schüler mit einem delikaten Videofilm erpresst wird. Gerade als er denkt, dass er zusammenbricht, tritt Leonid in sein Leben. Leonid, ein junger Mann, sein ehemaliger Schüler, in dessen Leben ein Schicksalsschlag dem nächsten folgt. Doch obwohl Julius mit der Hilfe des jungen Mannes die erpresserischen Absichten seiner Schüler abwehren kann, ist auch in seinem Leben nicht alles so normal, wie es scheint. Als Leonid dem vierzig Jahre älteren Mann ein überstürztes Liebesgeständnis macht, erweckt er dunkle Erinnerungen aus Julius‘ Vergangenheit, der den Verlust seiner beider Lieben nie verwunden hat und die präsenter sind seit Leonid in seinem Leben ist und präsenter werden, desto näher sich die beiden Männer kommen. Doch ahnen sie nicht, wie viel tiefer ihre Beziehung in Wirklichkeit geht.

Alexandra Dichtler hat mit „Sein Artist“ eine Form der Erzählung wieder in mein Bewusstsein gebracht, welche ich fast vergessen glaubte: Die Novelle.

Deutschland ist ein Land der seichten Unterhaltungsromane geworden und die meisten Verlage trauen sich aus diesem Metier nicht heraus, wenn die Autoren keine international bekannten Koryphäen wie Stephen King oder Haruki Murakami sind, deren Kurzgeschichtenbände sich auch bei uns großer Beliebtheit erfreuen. In nicht einmal 100 Seiten schafft Dichtler, was anderen in 1000 Seiten nicht gelingen mag. Sie baut eine emotionale Nähe zu ihren Figuren, die man bei vielen Romanen vermisst. Man leidet mit Julius Brück und Leonid bis zur letzten Seite mit, auch wenn sie einem nur kurz vorgestellt werden, nur einen Nachmittag begleiten, denn länger braucht man nicht, um dieses Buch zu lesen.

Doch Vorsicht! Nur weil ich sage, dass man dieses Buch an einem Nachmittag durchlesen kann, heißt das nicht, dass man dieses Buch tatsächlich einfach weglesen kann, wie bei der durchschnittlichen Bestseller-Belletristik. Ich habe insgesamt vier oder fünf Anläufe seit Weihnachten gestartet und bin lange nicht über die ersten paar Seiten hinausgekommen. Nicht, weil es wahnsinnig schwierig oder anstrengend geschrieben ist. „Sein Artist“ ist meines Erachtens ein Stimmungsbuch. Wenn man den Kopf voll mit anderen Dingen, Ideen oder Aufgaben hat, wird man sich schwer in dieses Buch einleben können. Denn die wenigen Seiten sind gleichzeitig eben eine Stärke und eine Schwäche zugleich: Man steigt sofort ein in die Gefühlswelt und das Chaos der Protagonisten. Es gibt kein langsames kennenlernen und beschnuppern, wie bei einem Roman, wo man über mehrere hundert Seiten Charakterentwicklung eine Beziehung zu den Figuren aufbaut und entscheiden kann, ob man mit ihnen fiebert oder einem ihr Schicksal egal ist. Diese Zeit lässt einem „Sein Artist“ nicht. Entweder ganz oder gar nicht. Daher habe ich vier Monate gebraucht, um wirklich in dieses Buch einzusteigen.

Und wie erwähnt, sind die wenigen Seiten auch eine kleine Schwäche des Buches. Wie für Dichtler üblich, wird auch in diesem Ausflug nach Waidbronn die Realität durch Elemente der Phantastik verzerrt. Nicht stark, nicht großartig, doch für Julius und Leonid weltbewegend. Doch im Gegensatz zu ihrem Erstling „Schwester golden, Bruder aus Stein“, fehlt mir dieses Mal die Raffinesse. Man wird so hineingeschmissen und das Phantastische Element wird irgendwie plakativ in die eigentliche Geschichte hineingestellt. Wie ein Aufsteller. Nicht aus Pappe. Ein im Boden verschraubter Aufsteller aus Metall, gegen den man läuft und der einem Kopfschmerzen bereitet. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob ich das positiv sehe. Momentan ist da dieses leicht unbefriedigte Gefühl in mir, vielleicht, weil ich es mir anders gewünscht hätte. Subtiler, hintergründiger irgendwie. Denn der eigentliche Plot ist so unfassbar traurig-schön, dass ich mir gewünscht habe, die beiden Protagonisten in den Arm zu nehmen und ihnen mütterlich zuzuflüstern, dass alles gut werden wird. Ich will nicht spoilern, aber: Gut ist am Ende dann nicht viel. Gut ist anders. Und es zerriss mein kleines Leserherz.

Über die Sprachgewalt von Alexandra Dichtler muss ich nicht viel sagen, denn ich kann nichts anderes, als ihren Stil immer und immer wieder zu loben und mir zu wünschen, ich könnte solche Emotionen und Bilder mit meinen Worten vermitteln. Das gelingt in meinen Augen nur wenigen Autoren, dass ich auch in kurzen Werken so mitleide.

Fazit: Anders als ihr Erstling „Schwester golden, Bruder aus Stein“, ist „Sein Artist“ kein Jugendbuch. Und das ist auch gut so, denn ein erzwungenes Trimmen auf ein jugendliches oder heranwachsendes Publikum hätte die Intensität der Emotionen vielleicht schwächer werden lassen. Stattdessen hat man ein intensives Drama in kurzen, beinahe unzusammenhängenden Kapiteln, durchbrochen manchmal von Gedichten oder Gedankenfetzen, deren tieferer Sinn sich erst zum Ende hin erschließt. Die Protagonisten sind das Leiden so gewöhnt, dass sie trotz der vierzig Jahre Altersunterschied einfach sehr gut zusammenpassen und man ihnen von der ersten bis zur letzten Seite wünscht, dass sie endlich einmal glücklich werden. Manko bleibt für mich, dass das phantastische Element meiner Meinung nach, nicht dem Talent der Autorin entsprechend verarbeitet wurde. Ich bin einfach von Dichtler besseres, tieferes gewöhnt und habe natürlich entsprechend hohe Erwartungen an ihre Geschichten. Dass die Geschichte undurchsichtig und verwirrend ist, ist auch klar, doch zum Ende hin kommt in diesen Knoten ein roter Faden und der Nebel lichtet sich. Trotz ein paar Abstrichen ist „Sein Artist“ ein wirklich gutes und empfehlenswertes Buch, aber nichts für Menschen, die gern ohne viel nachzudenken lesen und auf einen weiten Charakteraufbau Wert legen. Das Buch ist intensiv und wirft einen in das kalte Leid der Figuren wie in Wasser. Wer sich davor nicht scheut, hat hier jedoch seine Freude.

Hier noch mal ein kleine Zusammenfassung im Überblick:

Eckdaten

Titel:           Sein Artist

Autorin:       Alexandra Dichtler

Verlag:        e-book beim Ka&Jott-Verlag, gedruckt in geringer Stückzahl im Selfpublishing

Seiten:        99

Genre:        Drama/Fantasy/Phantastik

Bewertung

Story:         3,5/5

Sprache:    5/5

Gesamt:     4/5

Erwerben kann man das gedruckte Buch bei Amazon, jedoch nur in geringer Stückzahl. Das e-book ist in allen gängigen Shops erhältlich.

Ich habe das Buch als Rezensions-Exemplar von der Autorin erhalten und bedanke mich dafür noch einmal ganz herzlich. 🙂

 

Der neueste Roman von Alexandra Dichtler „Frei wie verkrüppelte Tauben“ erscheint übrigens demnächst im Ka&Jott-Verlag.