Aus den Gedanken gerissen #1

Ab und an habe ich kleine Szenen im Kopf, die zu keiner Geschichte passen und daher auch nirgends zugehörig sind. Ich entscheide mich nun immer öfter dazu, diese einfach aufzuschreiben. Auch wenn sie so beliebig sind. Vielleicht gefällt ja das ein oder andere.

 
„Hör mir zu.“ Seine raue Hand umklammerte meinen Arm. Ich versuchte, mich loszureißen, aber auch jetzt noch hatte er mehr Kraft als ich. „Ich bitte dich. Hör mir zu.“ Es hatte keinen Sinn, mich weiter zu wehren, doch ich wollte nicht hören, was er mir zu sagen hatte. Nicht jetzt. Nicht so. Seine Hände berührten meine Schulterblätter. Sanft. Ich konnte seinen Atem hören. Er war mir näher als jemals zuvor. Meine Kehle schnürte sich zu, doch ich zwang meine Stimme fest und klar zu klingen.

„Egal, was du mir zu sagen hast, kannst du mir auch morgen Abend sagen.“

Er schwieg. Eine Ewigkeit, so kam es mir vor. Er streichelte meine Schultern. Ich konnte seinen Blick erahnen, ohne ihn zu sehen. Die Augenlider niedergeschlagen, ein Lächeln um die Lippen, halb traurig, halb amüsiert.

„Ich will es dir jetzt sagen“, sagte er leise. Erlaubte seiner Stimme das unsichere Zittern, welches ich meiner versagt hatte. „Vielleicht gibt es kein Morgen für mich.“

„Sag das nicht. Es wird gut gehen.“ Es war die blinde Verzweiflung, die so stoisch aus mir sprach. Er wusste das. Der Griff um meine Schultern wurde fester, zwang mich, mich ihm zuzuwenden. Ich konnte die Angst aus meiner Stimme verbannen, doch meine Augen konnten die Lüge nicht vor ihm verbergen.

„Die Ärzte geben mir eine 50 zu 50-Chance, dass die OP gut verläuft. Es kann so viel passieren.“ Sein Lächeln. Dieses Lächeln, das mich wahnsinnig machte. Das ehrliche, blanke Lächeln, das er so selten zeigte. Es machte mir noch mehr Angst. Auch mein energisches Kopfschütteln konnte meine Tränen nicht mehr zurück halten. Ich konnte seine Finger auf meinen Wangen spüren, seine Stirn an meiner.

„Es tut mir so leid“, hauchte er mir entgegen.

„Nein, hör auf, ich will es nicht hören.“ Ich wollte ihn wegstoßen und krallte mich doch fester an ihn. An ihn, den großen Mann, den Fels, der immer Halt versprach und nun in seinen Grundfesten erschüttert hier vor mir stand. Irgendwo zwischen Leben und Tod.

„Es tut mir Leid. Ich liebe dich, weißt du?“

„Lass das, bitte.“

„Ich liebe dich.“

„Hör auf.“

„Nein, ich muss es dir sagen. Ich will es dir sagen, so oft ich noch kann.“ Er zwang mich, ihn anzusehen, seinem flehenden Blick standzuhalten. „Ich liebe dich.“

„Hör gefälligst auf, dich zu verabschieden.“ Ich schrie ihn beinahe an, warf mich ihm entgegen und schluchzte hemmungslos gegen seine Brust. „Hör auf, dich zu verabschieden …“

Eine Weile standen wir so da. Ich versteckte mein verheultes Gesicht in seinem Shirt, er seines in meinem Haar. Ich fühlte, wie wir beide zerbrachen.

„Ich liebe dich auch.“ Meine Stimme war noch belegt, als ich an der Tür stand und zu ihm zurückblickte. Er wirkte so fehl am Platz auf diesem kahlen Krankenhausbett, doch er strahlte inmitten der Scherben, die gerade noch sein Leben waren. Und ich stand plötzlich mitten drin. Aber nein, nicht plötzlich. Langsam hatten sich unsere Leben verbunden. Wir hätten es beinahe nicht bemerkt. Bis jetzt. Meine Lippen legten sich auf seine. Ich weiß nicht, wieso ich noch einmal in seine Arme zurückgefallen war, in seinen Scherben tanzte. Ich wollte es nicht nach Abschied aussehen lassen, doch wenn es einer sein würde, wollte ich ihn unvergesslich machen. Wollte nichts bereuen. Als wir uns voneinander lösten, trafen sich unsere Blicke noch einmal und verloren sich ins Unendliche.

„Bis morgen“, flüsterte ich und strich ihm über die Wange.

„Bis morgen“, flüsterte er, warf sich ins Ungewisse und entließ mich in die Zeit. Ins Morgen.

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3 Gedanken zu “Aus den Gedanken gerissen #1

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