Gaming-Mom

Es ist noch nicht so lange her, dass ich mich mit einer Kollegin über unsere Kinder unterhalten habe. Ihr Sohn war gerade zehn geworden, meiner war zu diesem Zeitpunkt drei. In jeder Minute dieses Gespräches ließ sie mich spüren, dass sie die erfahrenere Mutter war. Immerhin bin ich gerade einmal 24, währenddessen sie mit ihren 36 die Weisheit ja mit Löffeln gefressen hatte.

Und wie wir uns so unterhielten, über Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke und was für Kinder in welchem Alter als adäquat angesehen werden kann, erzählte sie mir, was ihr Sohn sich zum Geburtstag (seinem zehnten wohlgemerkt) gewünscht hatte. Ein Computerspiel, genauer eine Rennsimulation. Gut, das ist für einen Zehnjährigen garantiert nichts Ungewöhnliches. Interessant war jedoch, welches Spiel der gute Junge sich genau gewünscht hat – nämlich nicht irgendeine Rennsimulation. Sondern GTA V.

Da stand also eine überaus qualifizierte Hochleistungs-Übermutter vor mir, die auf mich hinabgesehen hatte, als hätte ich noch gar nicht das Recht erworben, mich selbst überhaupt als Mutter bezeichnen zu dürfen, die ihrem kleinen süßen Engelsjungen mal eben GTA V zum zehnten Geburtstag gekauft hat. Ein bisschen verwundert fragte ich sie natürlich, ob sie wüsste, was GTA überhaupt ist.

„Na eine Rennsimulation mit Autos.“, sprach sie und sah mich an, als könnte sie nicht fassen, wie unglaublich dämlich ich bin. Für gewöhnlich bin ich zu anderen Müttern ziemlich nett, denn genauso wenig wie ich möchte, dass man mir in meine Erziehung reinpfuscht, würde ich das bei anderen auch nicht tun. Hier konnte ich jedoch nicht anders, als mich herzhaft zu amüsieren und sie darauf hinzuweisen, dass GTA bestimmt AUCH eine Rennsimulation ist. Allerdings hätte ich mich an ihrer Stelle doch schon gewundert, wieso auf der Verpackung eine dicke, fette rote 18 gedruckt ist.

Naja, sie dachte wohl, dass das was mit der Grafik zu tun gehabt hätte und wirkte dann plötzlich leicht verunsichert, denn immerhin kennt man ja die fette rote 18 von pösen Filmchen, die das Engelchen natürlich nicht sehen darf (es heimlich mit Sicherheit aber schon getan hat, darauf würde ich einen Teil meines Arsches verwetten). Dann habe ich sie erst einmal ein bisschen darüber aufgeklärt, was GTA eigentlich für ein Spiel ist. Vollkommen schockiert war sie dann natürlich der Meinung, dass man das doch als Mutter nicht wissen könne und dass ihr Sohn das mit Sicherheit auch nicht gewusst hatte.

Ich habe wirklich selten so gelacht, denn mit zehn wusste der Junge bestimmt genau, was GTA für eine Art Spiel ist und hat die Unwissenheit seiner Mutter dahingehend einfach mal schamlos ausgenutzt.

Dem Jungen mache ich da überhaupt keinen Vorwurf, genau sowas machen Kinder nämlich. Verbotenes erhaschen, indem sie ihre Eltern mal ein bisschen an der Nase herumführen. Was bei einer Frau, die Computerspiele (und auch Zeichentrickfilme) generell für Kinderkram hält oder eben für Dinge für diese traurigen Gestalten, die kein reales Leben führen und nie erwachsen geworden sind, natürlich sehr gut funktionierte. Ein wenig verwundert war meine Kollegin dann auch, als ich ihr sagte, dass ich mit Sicherheit kein routinierter oder gar professioneller Gamer bin, aber das für mich Teil meines Hobbys ist. Ich bin weder ein komischer bleicher „IT-Freak“ noch ein Kind, das hat ihr Weltbild ziemlich erschüttert.

Was mich jedoch erschüttert hat, war die Tatsache, dass sich diese Frau, die eine solche Übermutter sein möchte, bei solchen Dingen wie der Freizeitgestaltung ihres Kindes so fahrlässig verhält. Es ist nicht die Tatsache, dass sie keine Videospiele mag, aber bevor ich meinem Kind ein Spiel kaufe, gucke ich mir doch wenigstens an, was das ist. Oder nicht? Aber vielleicht liegt das Problem eher darin, dass sie solche Hobbys nicht ernst nimmt?

Dieses Phänomen trifft man tatsächlich bei vielen Menschen, auch in meinem Alter, komischerweise. Komisch finde ich es deshalb, weil wir alle mehr oder weniger mit Computern und somit ja auch irgendwie mit Videospielen groß geworden sind. Wir, die wir nach 1980 geboren sind auf jeden Fall. Himmel, selbst meine Mutter spielt ab und an Spiele am Computer – und zwar nicht nur Solitär. Und sogar mein Vater lässt sich mal für eine Runde Age of Empires oder War of Rome oder etwas in der Art begeistern. Und die beiden sind als DDR-Bürger, geboren in der ersten Hälfte der 60er, nicht rundum medial aufgewachsen.

Sicherlich hat es auch viel mit der Interessenlage zu tun und manch einer konnte mit diesen digitalen Dingen nie wirklich warm werden. Andererseits spielen die meisten zumindest gelegentlich zum Zeitvertreib auf ihren Smartphones Candy Crush oder Angry Birds.

Der Glaube, dass Videospiele dumm oder aggressiv machen, scheint sich nichtsdestotrotz hartnäckig in den Köpfen vieler Menschen (meiner Beobachtung nach meist Frauen) zu halten. Die künstlerische Seite der Videospiele wird nicht einmal wahrgenommen, wenn man sie ihnen zeigt. Mehr als ein „Ja, ganz hübsch“ und ein Achselzucken ist dann halt auch nicht drin. Die angeblichen Aggressionen, die Egoshooter aufbauen sollen, werden als Tatsache angesehen, denn wer „Spaß am Töten hat, kann ja nicht normal sein“. Wenn ich erzähle, dass ich ebenfalls gelegentlich Egoshooter spiele, dann bin ich die Ausnahme von der Regel. Und es wird mir generell nicht geglaubt, wenn ich sage, dass Shooter bei mir eher Aggressionen ab- als aufbauen. Im Gegensatz zu solchen Spielen wie Candy Crush… als regelmäßiger Bahnfahrer reiße ich mich da auch ab und an zu hin, aber wenn ich dann Geld dafür ausgeben soll, um ein paar mehr Süßigkeiten zu sprengen – DAS macht mich aggressiv.

Ich für meinen Teil bin froh, dass ich mich vor solchen Dingen nicht verschließe, auch wenn mein Sohn mich vielleicht verfluchen wird, wenn er Teenager ist. Mir kann er leider nicht vormachen, dass GTA eine bloße Rennsimulation ist. Und auch wenn ich selbst keine Comics lese, weiß ich, dass sehr viele für Kinderaugen nicht bestimmt sind. Andererseits habe auch ich meine Eltern als Jugendliche in dieser Hinsicht ausgetrickst und mir Mangas gekauft, die nicht jugendfrei waren (z.B. Golden Boy – Lol! :D). Vermutlich werde ich das ein oder andere Mal ein Auge zudrücken, wenn er aus Neugierde bestimmte Dinge kauft, die er vor mir versteckt. Oder auch, wenn er versucht mich reinzulegen. Dafür ist die Jugend halt auch da, man muss auch mal was Unerlaubtes tun. Solange ich einigermaßen weiß, was er macht und vor allem, wo er ist, kann ich mit einigen Sachen schon leben. Bestimmte Games wird er trotzdem nicht zocken dürfen, ehe er mich nicht davon überzeugen kann, dass er dafür die nötige geistige Reife besitzt. Aber noch stehen solche Sachen eh nicht zur Debatte – erst einmal muss der Junge lernen, wie man sich die Schnürsenkel bindet, dann wird sich der Rest mit der Zeit zeigen.

Ach ja, was den GTA-Jungen betrifft: Seine Mutter hat ihm das Spiel noch am selben Abend weggenommen und weggeschlossen. Er war wohl nicht sonderlich begeistert und meinte, dass er das bei einem seiner Kumpels schon oft gespielt hätte und soooo schlimm sei es gar nicht. Seine Mutter hat dann natürlich die Mutter des Kumpels angerufen und viele andere und wie es schien, war dieses Spiel in mehrere Haushalte unbemerkt gewandert – und schließlich verbannt worden. Der Junge meiner Kollegin tat mir echt leid, der hat bestimmt in der Schule Klassenkeile bezogen. Schuldig fühle ich mich trotzdem nicht wirklich, denn ich finde, dass solche Spiele nichts in den Fingern von Grundschülern zu suchen haben.

Ich weiß ja zumindest, wovon ich spreche – so als Gaming Mom. ^^

Advertisements