Kein Menschen-Mensch

Als D. mich fragte, ob ich mit zu einem Stadtfest komme, wusste ich schon, dass ich mich unter allen Umständen da hinaus winden wollte. Es ist nicht so, dass ich D. nicht leiden kann, aber wir sind auch keine Freunde, nicht einmal gute Bekannte. Wir kennen uns schon so lange, dass ich selbst nicht mehr weiß, woher. Sie ist einer dieser Menschen, die man in so einer Kleinstadt eben kennt. Eine Provinz-Schönheit mit einem Wahnsinns-Körper, langen glatten Haaren, bunt-glitzernden Gelnägeln, zu viel Höhensonne, zu viel Make-up und aufgemalten Augenbrauen. Sie umgibt sich gern mit unscheinbaren, nicht hässlichen, aber eher unattraktiven Frauen, neben denen sie strahlen kann. In den letzten Jahren hatte mich dieses Schicksal ereilt. Ich hatte 20 Kilo zu viel auf den Rippen und machte mir mehr Gedanken um mein Kind und meinen Uni-Abschluss als um Haare, Nägel oder Klamotten – und das sah man mir auch an. Ich bin nicht ungepflegt, mit solchen Leute umgibt sich D. nicht, aber praktisch veranlagt und schlicht.

Es kam in den letzten Jahren immer mal wieder vor, dass sie mit mir weggehen wollte. Ich ließ mich manchmal darauf ein, denn es gab mir Zerstreuung in meinem doch manchmal sehr chaotischen und gleichzeitig vollgepackten und straff strukturierten Leben. Am Ende nahm ich es ihr dann auch nur halb übel, wenn sie mich nach ein bis zwei Stunden auf einer Feier allein stehen ließ, um mit irgendwelchen Männern loszuziehen oder sich mit Leuten zu amüsieren, die auf Dorffesten eben für die laute, ausgelassene Stimmung sorgten. Ich war nur dabei, damit sie alle Blicke auf sich ziehen konnte. Das anschließende bittere Gefühl des Verloren seins, kam dennoch immer wieder bei mir auf.

In letzter Zeit hatte ich nicht mehr viel von ihr gehört. Einladungen hatte ich rigoros ausgeschlagen. Zu sehr war ich damit beschäftigt, mich um mein Leben zu kümmern. Solche Dinge trägt D. einem nicht nach, sie fragt einen einfach so lange, bis man irgendwann wieder auf sie eingeht. Als sie mich dieses Mal gefragt hatte, war ich eigentlich nicht unbedingt abgeneigt, ihre Einladung anzunehmen. Bis ich bemerkte, dass das Stadtfest, zu dem sie mich mitschleppen wollte, in einem Ort knapp 25km entfernt stattfand. Normalerweise hatte ich immer die Möglichkeit gehabt, einfach wieder nach Hause zu gehen, wenn sie mich stehen gelassen hatte. Das wäre in diesem Fall nicht möglich gewesen. Also sagte ich ab. Doch sie ließ nicht locker. Immer wieder und wieder fragte sie mich und wollte unbedingt, dass ich sie begleite. Schließlich sagte ich zu und legte mir im Hinterkopf ungefähr ein dutzend plausibler last-minute-Ausreden zurecht, um mich doch noch drücken zu können. Dass ich keine von diesen brauchen würde, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Als wir uns dann letzten Freitag nach meinem Feierabend zum Mittagsessen trafen, um ein bisschen zu quatschen, kam dann alles anders als ich erwartet hätte. Wir hatten uns seit gut einem Jahr nicht mehr gesehen, von daher wusste sie nicht, dass ich in der Zwischenzeit gut 25kg Gewicht verloren hatte und auch ein paar andere optische Hindernisse an mir hatte ich einigermaßen in den Griff bekommen. Vom ersten Moment an, spürte ich, dass ihr das nicht gefiel. Von ihrer normalerweise überschwänglichen Begrüßung mit links-Bussi, rechts-Bussi, einem offen geheuchelten „Gut siehst du aus!“ blieb dieses Mal nur ein ungläubiger Blick, der über meinen ganzen Körper ging und ein vorwurfsvolles „Hast du abgenommen?“ übrig.

Sie sah wie immer fantastisch aus. Ihr Körper eine Waffe, die sie gezielt einzusetzen weiß. Doch man merkt, dass wir mittlerweile beide auf die 30 zugehen und dass sie in den letzten zehn Jahren schlicht zu häufig im Solarium war und zu viele Nächte durchgefeiert hat. Unser Gespräch verlief äußerst unterkühlt. Ich bemühte mich redlich, die Unterhaltung am Laufen zu halten. Fragte nach ihrem neuen Job, wie es ihr ging, was sie sonst so trieb, was sie mal wieder in die alte Heimat verschlug. Doch es funktionierte nicht. Und das sagte sie mir auch ganz unverhohlen ins Gesicht.

„Du hast dich ganz schön verändert. Gefällt mir gar nicht so gut, bisschen runder hast du viel netter und bodenständiger gewirkt.“ Es ärgerte mich. Sie war immer noch diejenige, um die alle Männer schwirrten wie die Motten ums Licht. Doch dass meine neue Optik sie ärgerte und sie mich vielleicht ein kleines bisschen als Konkurrenz anerkannte, schmeichelte mir ein wenig. Obwohl ich auf die Typen, die sie normalerweise abschleppte, schon immer gut verzichten konnte und wir uns männertechnisch niemals in die Quere kommen würden. D. hatte mich an diesem Tag aber zu ihrer Altlasten-Kartei gefügt und setzte alles daran, mich das spüren zu lassen

„Irgendwie kommen wir beide nicht mehr so richtig klar, ne?“ Als ich sie fragte, was sie damit meinte, winkte sie nur ab und faselte etwas von zu unterschiedlichen Interessen (wir hatten noch nie irgendetwas gemeinsam gehabt) und dass sie lieber alleine fahren würde. Sie hätte eh ein paar Freunde dort, die sie treffen wolle und da würde ich mich bestimmt nicht so wohl fühlen. Nicht, dass sie das jemals davon abgehalten hätte, mich trotzdem mitzuschleppen, nahm ich ihr das nicht einmal besonders übel. Dann sagte sie aber einen Satz, der mich seitdem beschäftigt.

„Du bist ja kein besonderer Menschen-Mensch.“

Nach ein bisschen weiterem Geplänkel hatte D. mich dann direkt ausgeladen und noch die ein oder andere Spitze zu meiner (im Vergleich zu ihrer) noch immer unzulänglichen Optik losgelassen. Als ich wieder zu Hause war, musste ich das alles erst einmal sacken lassen. Und D. aus meinen sozialen Kanälen schmeißen. Ich bin verdammt genügsam, aber beleidigen lasse ich mich auch nicht gerne. Und wenn ich eben nicht in das Bild einer Person falle, mit der mich ohnehin nichts verbindet, dann tangiert mich das auch eher peripher. Ich ziehe dann einfach meine Konsequenzen.

Trotzdem dachte ich über unser Gespräch noch lange nach und deshalb kam ich auch zu diesem Text, den ihr jetzt hier lest.

Ich bin kein Menschen-Mensch.

Ich weiß selbst nicht genau, wieso mich das so getroffen hat, denn es stimmt tatsächlich. Ich tue mich schwer damit, neue Bekanntschaften oder gar Freundschaften zu schließen. Und ich mache auch keinen Hehl daraus, dass mir der Kontakt zu und mit anderen oft nicht leicht fällt. Mich beschäftigen selten dieselben Themen wie andere, weshalb es schwer für mich ist, Gespräche aufrecht zu halten, wenn andere meine Assoziationen und Gedankensprünge nicht nachvollziehen können. Ich bin auch nicht besonders amüsant, was bei ungezwungenen Veranstaltungen dazu führt, dass meine witzig-ironisch gemeinten Kommentare eher Gesprächskiller sind. Darum schweige ich auf Partys lieber und höre zu.

Ich habe nicht D.s Talent, andere einfach mitzunehmen und für mich zu begeistern. Doch nach meinem Gespräch mit ihr, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass mein Problem nicht die Menschen allgemein sind, sondern die falschen Menschen.

Es ist nicht so, dass ich Menschen per se nicht mag. Im Gegenteil, ich finde Menschen sogar sehr faszinierend. Jeder hat seine eigene Geschichte, eigene Beweggründe für sein Handeln. Mit Sicherheit haben D. und ihre Party-Kumpel auch ihre eigenen Hintergründe für ihr Handeln, aber ich kann mich mit diesen Menschen nicht unterhalten. Ich kann nicht tanzen und saufen bis zum Morgen und die ganze Nacht Schlagerhits mitgröhlen. Diese Menschen halten mich für langweilig, aber das ist in Ordnung, ich halte sie ja auch für langweilig. Wenn das Desinteresse auf Gegenseitigkeit beruht, ist es doch eigentlich kein Problem, oder?

Dabei kümmert es mich natürlich trotz allem, was andere Leute über mich denken. Nicht auf die Art, dass ich möglichst auf alle Menschen einen guten Eindruck machen möchte. Für mich ist es nicht wichtig, ob andere mich mögen oder mich toll finden. Aber ich habe ein starkes Bedürfnis danach, anderen Menschen ein gutes Gefühl zu geben, ihre Welt ein kleines bisschen lichter zu machen manchmal.

Dabei kommt es mir nicht darauf an, dass man sich tatsächlich an mich erinnert oder mir innerlich dafür dankt, dass ich so ein netter Mensch bin. Um Gottes Willen, bloß nicht. Das wäre mir wirklich sehr unangenehm. Aber ich freue mich zum Beispiel, wenn ich andere Menschen zum Lächeln bringe oder ihnen einen positiveren Blick auf sich selbst mitgeben kann. Wenn mir Menschen sympathisch sind, ist dieses Bedürfnis, sie lächeln zu sehen, natürlich ungleich höher.

Zum Beispiel bei Herrn S., einem älteren Herren in unserer Nachbarschaft der vor einigen Monaten seine Frau nach langer schwerer Krankheit verloren hat. Wenn ich ihm begegne, dann unterhalten wir uns immer ein bisschen. Er ist Anfang 70, recht mitteilsam und ein bisschen schrullig, wenn man andere Bewohner hier fragt. Aber ich höre ihm gerne zu, er ist ein netter Mensch, einfach und bodenständig, mit einem wundervoll skurrilen Blick auf das Leben. Und wenn er sich dann entschuldigt, weil er mich zu lange aufgehalten hat und er mich anlächelt, wenn ich sage, dass ich mich immer gern mit ihm unterhalte (was stimmt), dann frage ich mich, ob er sich ehrlich darüber freut.

Ich glaube, ich war schon immer besser darin, in anderen Menschen das Schöne und Interessante zu sehen, als in mir selbst. Ich halte mich selbst nicht für einen besonderen Menschen, ich habe keine herausragenden Talente oder viel Bewegendes zu erzählen (mich würde es wundern, wenn überhaupt jemand bis hier hin noch mitliest). Vielleicht beobachte ich andere deswegen so gerne, dann kann ich wenigstens über sie erzählen. Das kommt mit der Autoren-Tätigkeit auch einfach ein bisschen dazu. Menschen beobachten, sich Gedanken über sie machen und erzählen.

Manchmal muss ich noch an R. denken. Er wohnte damals mit seiner Frau und seiner jüngsten Tochter in der Wohnung über meinen Eltern und mir. Zum ersten Mal fielen mir seine Blicke auf, in dem Sommer bevor ich 16 wurde. Das mag für viele jetzt absonderlich, vielleicht sogar verwerflich sein, aber er war kein schlechter Mensch. Ich denke heute, ich war für ihn eine Fantasie, die ihn aus einer Ehe gedanklich ausbrechen ließ, die festgefahren war. In dem Altbau, in dem wir wohnten, konnte ich sie abends oft streiten hören. Wobei „anschreien“ vielleicht das bessere Wort wäre. Nach außen waren sie jedoch ein harmonisches Ehepaar, ganz ruhig und umsichtig.

In unserer Hausgemeinschaft wurde regelmäßig zusammen gefeiert, weshalb ich irgendwann bemerkte, welche Spitzen seine Frau auch in Gesellschaft auf ihn warf. Mit der Zeit wurden seine Blicke merklich häufiger, ja, sehnsüchtiger. Es schmeichelte mir, dass sich dieser erwachsene, gestandene, nicht unattraktive Mann für mich interessierte. Und ich bin nicht stolz darauf, aber irgendwann begann ich, mit ihm zu spielen. Ich wischte in knappen Shorts die Treppe, wenn ich wusste, dass er an mir vorbeigehen würde oder stellte mich oben ohne vor das Badezimmerfenster, wenn er unten im Hof stand. Auf Feiern setzte ich mich ihm gegenüber, sodass er mich ansehen musste – und ich mit meinen Füßen an seinen Beinen hinaufstreichen konnte. Manchmal auch in gefährliche Höhen, meine Augen immer auf seinen.

Es war, nachdem ich bei meinen Eltern ausgezogen war, als ich für die jährliche Silvesterfeier zurückkam und es ein wenig eskalierte. Ich war mittlerweile 19 und hatte ihn quasi 4 quälend lange Jahre becirct. So auch an diesem Abend.

Irgendwann waren wir allein und küssten uns heftig. Er hatte zu viel getrunken und lag in meinen Armen, berührte sehnsüchtig meinen ganzen Körper, als hätte er noch nie einen anderen Menschen gespürt. Er flehte mich an, ihn zu nehmen. Ich wollte es. Und tat es nicht. Stattdessen hielt ich ihn fest an mich gedrückt, strich ihm sanft über den Rücken und redete ihm gut zu. Ich fragte ihn, ob er seine Frau liebte. Nach einer Weile bejahte er es und ich schickte ihn zu ihr nach Hause. Es klingt wie ein Klischee, aber es war die absolut richtige Entscheidung. Sie sind nach wie vor verheiratet, mittlerweile sogar Großeltern und – wie er mir letztes Silvester erzählte – sehr glücklich miteinander. Er denkt trotzdem manchmal noch an mich, sagt er. Ich weiß nicht, ob es stimmt, aber ich freue mich ehrlich für ihn, dass er und seine Frau sich wieder zusammen gerauft haben. Und ich freue mich, dass diese ganze Geschichte offenbar auch etwas Positives für ihn hatte. Er ist selbstbewusster und strahlt damit noch mehr Attraktivität aus, auch wenn er die 50 weit überschritten hat in der Zwischenzeit.

Ich sehe Attraktivität anders als viele andere Menschen, schätze ich. Und ich habe auch einen anderen Blick auf Sex, wenn ich ehrlich bin. Für mich war es immer leicht, Gefühle wie Liebe und sexuelle Anziehungskraft voneinander zu trennen. Sex war für mich immer eine Erweiterung des Kennenlernens. Man kann viel in einem anderen sehen, wenn man mit ihm schläft. Damit meine ich nicht den nackten Körper. Wenn man einen Menschen langsam kennen lernt, mit ihm spricht, ihn beobachtet, Dinge über ihn und seine Vergangenheit erfährt, dann lernt man viele Facetten von ihm kennen. Ein Teil davon sind Masken. Wenn man jemanden ein Stück weit kennengelernt hat und dann mit ihm Sex hat – nicht einfach nur so, sondern intensiv und mit einer gewissen Leidenschaft und Öffnung seiner selbst – dann kann man manchmal hinter die Masken sehen und bekommt einen intimeren Blick auf den Menschen dahinter. Wenn man das möchte und wenn man sich darauf einlässt. Das kann eine sehr schöne Erfahrung sein.

Wenn ich an T. denke, dann stelle ich mir manchmal vor, wie ich hinter seine Fassade blicke. Wir verbringen zwangsläufig viel Zeit miteinander. Das ist in Ordnung, er ist ein Mensch, mit dem man klarkommt, wenn man sich auf ihn einlässt. Was vielen offenbar schwer fällt. Er redet viel und ist recht laut, aber das mag ich. Dadurch fiel es mir leichter, mit ihm warm zu werden. Ich musste mir keine Gesprächsthemen ausdenken, er redete einfach drauflos und begnügte sich damit, wenn ich verhalten antwortete und ansonsten eher schwieg. Ich merkte, als er testen wollte, ob ich ein Klatschweib bin (bin ich nicht, was man mir im Vertrauen erzählt, behalte ich für mich) und wo Themen liegen, bei denen wir komplett konträrer Auffassung sind und die man für die Zukunft lieber meiden sollte.

Mit der Zeit taute ich auf, was nicht schwer fiel, denn es ist einfach mit T. zu sprechen. Er verurteilt einen nicht, wenn man seltsame Gedanken ausspricht. Vielleicht, weil auch er manchmal seltsame Gedanken hat? Oder weil er nur halb zuhört, wenn man mit ihm spricht, wer weiß das schon. Es ist auch nicht unangenehm mit ihm zu schweigen, was seltsam ist, denn die Abwesenheit von Worten kann manchmal belastender sein als das Aussprechen von unangenehmen Dingen. Allmählich lerne ich ihn kennen und stelle doch immer wieder fest, dass es Mauern gibt, die er bewusst oder unbewusst setzt. Auch das ist in Ordnung für mich. Doch dann erzählt er plötzlich wieder Dinge, die mich völlig aus der Bahn werfen, wo ich gerne einhaken, nachfragen würde und es mich dann doch nicht traue.

Ich merke mittlerweile, wenn er nicht reden möchte und ich schweige. Oder wenn er von seinem Gedankenchaos einfach nur einen Teil loswerden möchte, dann sprudeln die Worte nur so aus ihm heraus und ich höre einfach zu. Manchmal denke ich, er braucht etwas Zerstreuung und ich versuche, ihn zum Lachen zu bringen. Er hat ein bellendes Lachen, wenn er Selbstsicherheit ausstrahlen möchte, aber wenn ihn etwas wirklich freut, dann lächelt er ganz still, fast verstohlen in sich hinein. Ich sehe dieses Lächeln gern, weil es ehrlich ist und schön. Doch bei aller Offenheit und lockerem Umgang, wer weiß schon, ob der andere das auch so sieht?

Wenn Menschen mehr sind als Fremde, auch mehr als bloße Bekannte, sind sie damit trotzdem nicht zwangsläufig Freunde. Ich tue mich schwer damit, diese Grenzen von relativer Nähe und Distanz auszumachen. Ab wann kann man von sich aus den anderen etwas Privates fragen, ohne zu aufdringlich oder neugierig zu wirken? Ich möchte keine Last sein oder andere in Bedrängnis bringen. Dann schweige ich wieder. Bei T. merke ich das ganz besonders, einfach weil wir uns oft sehen und weil er mir so viel erzählt hat. Und eben auch Dinge, die mich aus der Bahn werfen. Wenn ich mir dann Sorgen mache, winkt er ab. Meine Sorge macht das nicht kleiner, aber ich frage nicht mehr nach, weil ich mich nicht aufdrängen mag. Dann bleibe ich mit meinen Gedanken lieber für mich und frage mich einmal mehr, was hinter seinen Masken steckt. Ich hätte gern eine Situation, in der er sie fallen lässt. Und ich frage mich manchmal, ob er sie fallen lassen würde für mich? Wohl eher nicht.

Es sind die Menschen, die ich mag und die mir sympathisch sind, an denen ich merke, dass ich eben doch ein „Menschen-Mensch“ bin, nur eben anders als andere. Ein wenig begrenzter vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Ich möchte mein Gegenüber nicht nur oberflächlich kennen, sondern tiefer in sein Wesen blicken. Es mag egoistisch klingen, aber die Hoffnung, dass es Menschen gibt, die mit einem Lächeln an mich denken, macht mich ein bisschen glücklich. Ich möchte Menschen gern berühren. Mit meinen Geschichten zum Beispiel. Oder damit, dass ich ihnen zuhöre, wenn sie das Bedürfnis haben, zu erzählen, wie bei Herrn S. Oder dass ich ihnen zeige, dass sie attraktiv sind und daraus ein wenig Selbstvertrauen schöpfen können, wie bei R. Oder dass ich einfach versuche, sie zu verstehen, wenn andere sich diese Mühe nicht machen wollen, wie bei T.

Ich bin kein guter Mensch, nicht selbstlos oder edel. Menschen strengen mich an, das gebe ich zu. Aber aus den richtigen Menschen kann ich viel Kraft schöpfen. Deswegen denke ich, dass D. Unrecht hat. Ich bin ein Menschen-Mensch.

Entspann dich, Mutter

Vor ein paar Tagen stieß mich eine Freundin via Twitter auf diesen Artikel in der „Welt“. Ich wusste nicht, ob ich den Kopf schütteln oder lachen sollte. Ich entschied mich für letzteres. Das ist besser für das Wohlbefinden.

Kurzum geht es in dem Beitrag (ich mag es nicht einmal „Artikel“ nennen, das klingt so journalistisch) darum, dass die 30-Jährige Verfasserin darüber lamentiert, dass sie einen scheinbar abstrakten Kinderwunsch hat – aber nicht Mutter sein will. Mutter sein heißt für sie nämlich die Aufgabe ihres kompletten Lebens, aller ihrer Interessen, ihres Berufes, ihres Sozial- und Liebeslebens und all ihrer Träume, Hoffnungen und Wünsche. Und das alles „nur für ein Lächeln“.

Gleich im ersten Satz vergleicht sie ihren sogenannten Kinderwunsch mit der Angst vor dem Tod. Also wohl endgültig, für immer und definitiv nicht positiv. Ein Kind als Symbol für das Ende ihres Lebens. 

Sie schreibt über die „regretting motherhood“-Bewegung. Über all die klugen, erfolgreichen Frauen, deren Leben vollkommen ruiniert war durch die Geburt ihrer Kinder. Und sie geht offenbar vollkommen selbstverständlich davon aus, dass es ihr ganz genauso gehen wird. Ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass es auch die schönen Momente der Mutterschaft gibt, die erfüllenden, sieht sie ausschließlich das Schlechte.

Überall sind sie. Frauen, die auch gedacht hatten, bei ihnen würde alles anders, aber dann wurde mit dem Kind alles ganz genau so, wie „Mutter“ eben für mich klingt. „Mutter“ ist ein hässliches Wort, hinter dem eine Frau steckt, die über noch viel hässlichere Wörter nachdenken muss, wie Breikost-Einführung oder Ökotest-Tests und natürlich: „Afterbabybody“. Ein Kind ist ein 24-Stunden-Job. Bezahlt wird er mit einem Lächeln. Dem des Kindes wohlgemerkt, die Mutter bekommt Mundwinkelfalten.

Quelle: Friese, Julia; Die Welt, 12.05.2016, online unter: http://www.welt.de/vermischtes/article155283055/Wenn-dann-will-ich-lieber-Vater-sein-als-Mutter.html

Und sie geht sogar noch weiter:

Denn eine Mutter ist gestresst. Mit wenig Atem erteilt sie Befehle, vor allem an den Mann. Tagsüber arbeitet er. Sie beneidet ihn. Sie sagt es nicht laut. Sie sagt, dass sie Mundwinkelfalten, Migräne und einen Afterbabybody hat, also wirklich keine Lust auf Sex, denn du weißt schon, Schatz, da ist dieses Muttersein und die Viertel Halbtagsstelle als „Mami-Bloggerin“.

Quella: aaO

Wir fassen also zusammen:

Mütter sind unglückliche Wesen, die den ganzen Tag zu Hause hocken, schlechtgelaunt den Nachwuchs hüten, aufgrund körperlicher Komplexe keinen Sex haben und neidisch auf den arbeitenden Vater des Balgs sind. Und die einzig akzeptierte Beschäftigung ist die der „Mami-Bloggerin“.

Es ist klar, dass hier übertrieben wird, aber dennoch frage ich mich gerade ernsthaft, ob die Autorin eine Mutter hat (wenn nicht, tut mir das Leid), ob die ein solches Leben geführt hat (dann tut mir die Mutter Leid) und ob es in ihrem Umfeld wirklich nur solch gut betuchte Paare gibt, bei denen es reicht, wenn ein Elternteil allein arbeitet. Und was haben Mütter vor der Erfindung des Blogging gemacht? Wandfarbe beim Trocknen zugesehen?

Und ich stelle fest, dass ich offensichtlich seit fast fünf Jahren Nicht-Mutter bin.

Gut, ja. Einen schönen Körper habe ich nicht mehr. Das liegt aber zugegebenermaßen an mir und meiner Unlust an sportlicher Betätigung. Das sieht bei anderen Müttern ganz anders aus – man muss es nur wollen.

Aber ansonsten? 

Als mein Kind ein Jahr alt war, habe ich wieder angefangen zu studieren. Zugegeben, nicht für meinen Traumjob, aber das hätte ich auch ohne Kind nicht, weil mir die wirtschaftliche Sicherheit dann doch wichtiger war, als der abstrakte Wunsch nach Selbstverwirklichung, die mir dann auch niemand garantiert hätte und an der ich selbst schon zweifelte.

Das Liebesleben ist meines Erachtens Privatsache, aber sagen wir es so: Sex gehört für mich zu einer gesunden Beziehung gleichermaßen wie Kommunikation, gegenseitiger Respekt und Vertrauen. Er ist also essentiell. Klar, gleich nach der Geburt ist Sex nicht drin, selbst nach einem Kaiserschnitt nicht, da Risse (auch innere Mikrorisse) etc pp erst verheilen sollten, um Infektionen zu vermeiden. (Und man hat zugegebenermaßen keinen Bock nach solch einer Strapaze)

Neidisch auf den arbeitenden Vater? Ich habe 3 Jahre duales Studium hinter mir, wobei ich täglich 2-4 Stunden im Zug gesessen habe – nur für eine Tour. Dann Uni, dann nach Hause, dann Kind, Lernen … Pfft. Ich hatte gar keine Zeit neidisch zu sein. Und mittlerweile stehe ich mitten im Vollzeitjob (40h/Woche) und habe demnach auch wichtigeres zu tun, als mich um einen Mami-Blog und Ökotest-Tests zu kümmern.

Und selbst als ich das erste Jahr zu Hause war, habe ich mir darum keine Gedanken gemacht. Ich habe mich in keinem Mami-Forum angemeldet, war nicht in der Öko-Stillgruppe und habe, wenn ich nicht weiter wusste, meine Mutter oder den Kinderarzt um Rat gefragt. Ansonsten habe ich auch einfach nach Bauchgefühl entschieden. Nicht nach Ratgeber. Ich habe nicht gestillt, Brei zugefüttert, als Knirpsi von der Flasche nicht mehr satt wurde und mit Töpfchentraining begonnen, als Kind allein frei sitzen konnte. Und es war mir so herrlich egal, was andere dazu meinten.

Ich habe übrigens auch weiterhin meine Hobbys. Ich schreibe, lese, zocke zwar nicht mehr so viel, aber regelmäßig und habe nicht vor, damit aufzuhören. Im Gegenteil. Je älter mein Kind wird, desto mehr Freiheiten habe auch ich wieder. Denn Kinder bleiben nicht ihr Leben lang 2 Jahre alt (habe ich mir sagen lassen).
Natürlich will ich die negativen Seiten des Mutterseins nicht negieren – die gibt es. Ein Lächeln entschädigt nicht für aufgeplatzte Oberlippen, schlaflose Nächte, Wutanfälle, Nörgeleien usw. Gerade am Anfang hat man kaum Schlaf, ständig Kotzflecke auf dem Pulli und – was wohl das andauerndste und schwierigste ist – man muss mit seinen Unsicherheiten klarkommen. 

Da hat mir meine Oma (RIP) den besten Rat von allen gegeben: „Entspann dich.“

Damit meinte sie natürlich nicht, dass ich mich nicht um mein Kind kümmern sollte. Sie wollte damit sagen: Scher dich nicht um die anderen, die machen auch nicht alles richtig. Sei die beste Mutter, die du sein kannst, ohne dass du ganz aufhörst du selbst zu sein. 

Eine unglückliche Mutter kann kein glückliches Kind großziehen.

Den Ratschlag befolge ich bis heute. Ich liebe mein Kind, bin für es da, wann immer es mich braucht, wische seine Kotze weg (und kotze hinterher nicht selten selbst, weil ich das absolut widerlich finde), tröste es, wenn es traurig ist und stecke mich durch Kuscheleinheiten an, wenn es krank ist. Ich begleite es, schubse es in die (hoffentlich) richtige Richtung und lasse es dann seine eigenen Erfahrungen machen. 

Aber ich nehme mir dafür heraus, Zeit für mich zu reservieren. 

Und es hilft auch ungemein, wenn man dem Vater die Aufgaben nicht befiehlt, sondern ihn auch machen lässt. Kein Vater findet es gut, wenn die Mutter alles überwacht, kommentiert und berichtigt, was er tut. Das nennt sich dann gleichberechtigte Erziehung und Aufgabenteilung. Tut dem Kind übrigens auch gut, wenn der andere Elternteil kein austauschbarer Pappkamerad, sondern gleichberechtigter Ansprechpartner ist. 
Die Autorin des Artikels hat von gleichberechtigter Erziehung allerdings wohl noch nichts gehört und möchte daher die „klassische Vaterrolle“ einnehmen. Den ganzen Tag arbeiten und das Kind nur abends und am Wochenende sehen. Wenn sie dann dafür auch in Kauf nimmt, für immer und ewig Alleinverdienerin zu sein, Sklave eines wohlbezahlten Jobs, der ihr aber vielleicht in einigen Jahren doch nicht mehr so gefällt, sie aber definitiv nicht raus kann, weil ihr Gehalt ja das einzige ist, was die Familie vor der Armut bewahrt … Okay. Auch dieser Druck ist nicht angenehm.

Abgesehen davon, dass das ein äußerst antiquiertes Familienbild ist und man auch berufstätig und Mutter gleichzeitig sein (echt, das geht!), zwingt einen niemand dazu, ein Kind zu bekommen. 

Ja wirklich. 

Die Autorin schreibt zwar, dass sie diesen Kinderwunsch hat, aber eigentlich schreit ihr gesamter Gedankengang: „Hilfe, ich bin 30, alle um mich herum haben Babys. Babys sind niedlich, ich will auch was Niedliches, aber keine Verantwortung übernehmen! Kinder passen nicht in mein Lebenskonzept!“

Dann sollte man halt keine Kinder kriegen. Man kann für die kurzweilige Kinderdosis ohne weitergehende Verantwortung auch eine Freundin fragen, ob man mal einen Nachmittag mit ihrem Balg in den Zoo soll (die Mama dankt es) und sich statt eines Lebewesens, das von einem abhängig ist, lieber eine Topfpflanze anschaffen. 

Niemand ist gezwungen ein Kind in die Welt zu setzen und niemand sagt, dass Muttersein für alle Frauen die absolute Erfüllung sein muss. Wenn man also meint, ein Kind passt nicht ins Leben, dann zwängt da auch kein Kind rein.

Mein Bruder plus Lebensgefährtin sind beide Mitte 30 und haben kein Kind, weil sie keins wollen. Sie möchten lieber zu zweit bleiben. Schlimm? Absolut nicht (außer, dass ich niemals Gelegenheit haben werde, mich für Nerven zerreißende Geschenke an mein Kind zu „revanchieren“).
Aber sich über „regretting motherhood“ Gedanken zu machen, obwohl man kein Kind hat … Ungelegte Eier und so … Es zeigt vor allem: man will kein Kind kriegen, weil man sein Leben wie jetzt weiter führen will.

Das ist vollkommen in Ordnung. Dann macht aber bitte kein Drama daraus und stellt nicht alle Mütter als klinisch tot dar. Das sind wir nämlich nicht. 

Mütter sind Frauen, Geliebte, Freundinnen, Töchter, Arbeiterinnen, Schreiberinnen, Kreative, Reaktionäre, Träumerinnen, Realistinnen, einfach alles, was auch jede andere Frau – jeder andere Mensch – ist, nur eben auch Mutter.
~ELW

Unverständnis oder: Rest in Peace, Peace

Heute vor 35 Jahren starb John Lennon. Erschossen. Selbstverständlich kann ich nicht darüber berichten, wie bewegt ich damals war, wie schockiert, wütend, voller Trauer … Ich habe ja erst 10 Jahre später das Licht der Welt erblickt. Weswegen ich trotzdem von John Lennon erzähle? Es ist so, dass „Imagine“ in meinen Augen eines der größten Musikstücke aller Zeiten ist. Sehr klischeehaft bekomme ich vor allem um die Weihnachtszeit immer ein bisschen Pipi in die Augen, wenn es gespielt wird.

Und gerade jetzt, wo Deutschland wieder in den Krieg ziehen will, scheint es aktueller denn je. Ja, ich gebe es zu, ich bin gegen diesen Einsatz. Zu 110% wie es Fußballspieler ausdrücken würden. Und ich sehe darin auch keine „Gutmenschennaivität“, sondern schlichtweg gesunden Menschenverstand. Die letzten Einsätze der USA haben mehr als deutlich bewiesen, wie gut man Terror mit Krieg bekämpfen kann: Gar nicht.

Was hat man vom Krieg? Zerstörung, Tod und eine ganze Generation, die mit schlimmsten Traumata aufwächst. Und Hass und Verzweiflung in den Köpfen.

Am schlimmsten an der ganzen pro/contra-Diskussion zum Einsatz im Irak sind für mich die Menschen, die den Kriegseinsatz auch noch feiern. Und die Menschen, die gerne Flüchtlinge zwangsrekrutieren möchten. Und die Menschen, denen das alles egal ist, aber jetzt den Weihnachtsmarkt in ihrer verschlafenen Kleinstadt lieber meiden – als wäre Gifhorn das Primärziel des Islam.

Nein, ich mache mich nicht über Terroranschläge und ihre Opfer lustig. Und um Himmels Willen würde ich niemals denken, dass das alles halb so wild ist. Dennoch ist der letzte Anschlag in den USA das Paradebeispiel für irrationale Terrorangst. Jeden Tag im Jahr 2015 gab es in den USA Schießereien mit mindestens 4 Toten. Jeden Tag. Einer davon wurde von einem Pärchen begangen, das vermutlich den IS als Inspiration ansah. Es ist ein Terrorakt, Obama spricht darüber im Oval Office und plötzlich ist da wieder diese Angst vor den bösen Terroristen.

Was machte diesen Anschlag zu einer schlimmeren Tat als die Amokläufe an Schulen, Universitäten oder sonstigen öffentlichen Plätzen? Sind die Opfer der Islamisten besser oder schlechter? Sind sie mehr oder weniger tot? Sind Überlebende und Angehörige weniger oder mehr traumatisiert oder verärgert, als bei einem Amoklauf, der von einem fundamentalistischen Christen begangen wurde, der Juden, oder einem Rassisten, der Dunkelhäutige hasst?

Meiner Meinung nach ist es vollkommen egal. Es macht keinen Unterschied, aus welchen Beweggründen eine solch abscheuliche Tat begangen wird. Ob im Namen Jesus’ oder Allahs oder aus einer persönlichen verschrobenen Weltanschauung heraus. Für mich persönlich besteht hierbei kein Unterschied, denn all diesen Taten liegt nur eines zugrunde: Hass. Ich kann vielleicht ein bestimmtes Individuum hassen, wenn es mir schlimme Dinge angetan hat, aber wie kann man ganze Religionen, Bevölkerungen oder Gruppen hassen?

Das ist etwas, das ich nicht verstehe. Auch verstehe ich die verquere Logik hinter Kriegseinsätzen nicht. Gerade was den IS betrifft.

Da steht eine Gruppe, die propagiert, dass „der Westen“ ganz schlimm und böse ist, dass die Bomben fallen lassen und morden und töten, vollkommen ungeachtet dessen, wen sie damit treffen. Was tut „der Westen“? Er zerbombt unter anderem Städte, wobei Zivilisten sterben. Kollateralschaden. Und eine Bestätigung der IS-Propaganda.

Ich habe auch keine Lösung parat für das Problem IS. Wie auch? Er ist zu verstreut, in sich uneinheitlich und manchmal schwer zu entlarven. Klar wünschte ich mir, man könnte mit allen Ländern und Menschen der Welt reden, bis alle die Grundsätze der Freiheit und Gleichheit aller Menschen verinnerlicht haben. Kann man nicht. Das sieht man an Ländern wie Saudi-Arabien. Hoch technologisch, finanzstark und so rückständig in ihrem Frauenbild, dass ich schreien möchte. Ein Land indem eine Frau lieber sterben gelassen wird, bevor ein männlicher Arzt sie unverhüllt zu sehen bekommt.

Ja, es gibt viele Dinge, die ich nicht verstehe. Viele Dinge, die ich vielleicht auch nicht verstehen will. Und weil ich nicht so naiv bin zu glauben, dass es zu meinen Lebzeiten einen wirklichen Weltfrieden geben wird, halte ich es weiterhin mit John Lennon:

Imagine all the people,

Living life in peace …


RIP Peace

RIP John

Fühlen?

Es lähmt mich. Je älter ich werde, je mehr Verantwortung ich trage, je mehr Menschen auf mich und meine Entscheidungen angewiesen sind, desto mehr lähmt es mich.

Da ist immer diese Angst in mir. Immer präsent, mal lauter, mal leiser.

Im Moment schreit sie mir täglich in die Ohren und zerreißt alle meine inneren Organe.

Es tut so weh.

Manchmal habe ich das Gefühl gar nichts mehr zu spüren, außer dieser blinden Verzweiflung in mir und der Frage: wann hört das endlich auf????

Ich habe so viel, wofür es sich zu leben lohnt, einen liebenden Mann, ein wundervolles Kind, einen Job. Aber da ist immer dieses Ding in mir, dem das alles scheißegal ist. Ich mache meine Arbeit schlecht, kapsele mich von meiner Familie ab. Ich bin mir dessen bewusst, aber ich ändere es nicht. Immer, wenn ich es versuche, schreit meine Angst in mir: STOPP!!!! Und eine fiese ätzende Stimme in meinem Kopf flüstert: „Wenn du nicht funktionierst, bist du nichts wert. Wenn du es zugibst, bist du Abschaum.“

Ich hasse mich dafür, dass ich so denke und fühle, was alles nur noch schlimmer macht. Ich verletze mich selbst, seelisch und körperlich, um mich zu beruhigen, mich daran zu erinnern, dass ich lebe. Aber was ist dieses Leben denn wert, wenn ich immer alle Menschen in meiner Umgebung pausenlos enttäusche.

Andere Menschen stehen so viel Schlimmes durch und kämpfen weiter. Aber ich kann nicht mehr. 

Ich schaffe es nicht heraus.

25

Die Mittzwanziger scheinen aktuell ein Thema zu sein in den sozialen Netzwerken und den „Jung“Medien. So brachte ze.tt einen Artikel über eine 25-Jährige Amerikanerin, die Gedichte über ihr tägliches Leben schreibt, kurz, prägnant, witzig und persönlich. Etwas zum Identifizieren und um (über sich selbst) einfach mal zu schmunzeln. 

In meiner Lieblings-Online-Zeitung „bento“ erschien gestern ein Artikel von einer 24-Jährigen über das Erwachsensein. Es ging um farblich zur Tischdeko passende Untersetzer, um Kartoffelgratin, Kontoeröffnungen und Fischbrötchen. Also um die Spießigkeit des Lebens, die einzieht, wenn man älter wird.

Der bento-Artikel war eher mäßig, etwas zu blumig und gedankenversunken in Oberflächlichkeiten, zu aufgesetzt philosophisch und dadurch an Altbackenheit kaum zu überbieten. Der Artikel der ze.tt war interessant und beleuchtete das Leben der Künstlerin Samantha Jayne und ihre Kunst. Man ließ die Künstlerin aus ihrer Sicht sprechen, das machte ihre Einstellung und ihre Lebensart weniger aufdringlich.

Ich bin jetzt seit einigen Wochen 25, habe also die magische Grenze zwischen „fast noch Teenager“ zu „Alter, fast 30“ erreicht. Und manchmal hängt man doch mit den Gedanken in der Vergangenheit und reflektiert darüber, was man sich vor 10 Jahren – mitten in der Pubertät – von seinem derzeitigen Ich gewünscht hatte. In der Regel gehen die Teenie-Träume nicht in Erfüllung. 

Ich zB wollte immer hauptberuflich Schreiben und niemals, unter gar keinen Umständen einen 40h/Woche-Job im Büro haben. Ich wollte Journalistin sein, Autorin, kreativ und abenteuerlustig, wunderschön und begehrenswert, gefeiert in den großen Kreisen von Kunst und Kultur.

So habe ich mir meine Zukunft vorgestellt, als ich 15 war. 

Heute sitze ich 40h/Woche in einem kalten Büro, komme durch das tägliche Pendeln zwischen Wohnort und Arbeitsstätte und der Erziehung meines Kindes kaum noch zum Schreiben. Kreativität herrscht in meinem Kopf als wütendes, überschäumendes, gedankenlähmendes Chaos, das nicht raus kann, weil andere Dinge wichtiger sind, als das andere Ich in mir.

Das andere Ich, das keine Pflichten haben will.

Aber Ich, das primäre und dominante, weiß, dass es Verpflichtungen hat, die keinen Aufschub dulden, dass es nicht nach dem gehen kann, was es gerne möchte, sondern nach dem, was es machen muss. Und dann weint und schreit das andere Ich und manchmal höre ich daraus, die enttäuschte 15-Jährige, die sich ihr Leben doch so ganz anders ausgemalt hatte.

Und ich erkläre ihr, dass es sehr gut ist, wie es ist. Dass man für neue Wünsche und Träume die alten manchmal auf Eis legen muss, weil sie eben zu diesem Zeitpunkt nicht in das aktuelle Lebenskonzept passen. Dass ihre zukünftige kleine Familie das Beste ist, was ihr passieren konnte, trotz des Stress‘ und der nicht gelebten Träume. Denn wenn ich ehrlich zu mir bin, dann weiß ich, dass ich diesen Traum nie so gelebt hätte, wie ich ihn mir damals erträumt hatte. Selbst wenn alles andere vielleicht gepasst hätte und ich die Chance auf diesen Erfolg gehabt hätte. Ich bin nicht der Mensch für ein aufregendes Jetset-Leben, für Partys und oberflächliche Kontaktpflege. Ich bin der Mensch, der abends mit seinen Lieben auf der Couch sitzt und einen Film guckt.

Diese bedingte Rationalität kam zu meinem Erwachsenwerden dazu. Die Fähigkeit, meine nach wie vor sehr dominanten Emotionen auch einmal abzuschalten und etwas einfach nüchtern zu betrachten. Es ist eine schöne Fähigkeit, die ich in Zukunft ausbauen möchte. Auch um mein anderes Ich weiter zu zähmen, wieder in geordnete Bahnen zu lenken und mit ihm gemeinsam irgendwann glücklich zu leben.

Ich habe noch viel zu lernen.

Diese Erkenntnis war die wichtigste der letzten 5 Jahre. Ich bin noch jung. Mit 25 ist man noch sehr jung. Man wird in seinem Leben noch viele Fehler machen, man wird noch oft albern und kindisch sein – mit etwas Glück bis an sein Lebensende. Man wird hinfallen und aufstehen, gute und schlechte Tage haben.

Das Erwachsensein hat gerade erst begonnen. Und ich habe die meiste Zeit noch vor mir. Ich werde mich noch unzählige Male verändern, weiterentwickeln, mein Leben aus anderen Perspektiven betrachten.

Wer weiß, wo ich in 10 Jahren bin? Dann bin ich 35.

Ich wünsche mir für die nächsten 10 Jahre nicht viel an Veränderungen. Außer, dass ich mehr Zeit haben möchte. Für die Familie, vielleicht auch zum Schreiben. In 10 Jahren möchte ich wenigstens 2 Bücher beendet haben. Ob das klappt? Wer weiß? In den letzten 10 Jahren hat es das nicht. Aber es hat sich viel verändert.

Ich bin das Kind unter den Erwachsenen. Ich habe in diesem Lebensabschnitt gerade erst das Laufen gelernt und stolpere und brabble noch vor mich hin. Es ist verrückt zu denken, dass man von Anfang an alles richtig macht. Und es sollte auch nicht verlangt werden. 

Erwachsenwerden ist ein Prozess, der sich durch das ganze Leben zieht und nicht plötzlich einsetzt und genauso plötzlich abschließt.

Was zählt, ist der Schein

Abiturzeugnis mit Bestnote, Modulscheine an der Uni, der Meisterbrief, die Doktorandenurkunde. Ja, diese Dinge sind wichtig. Und in Deutschland scheinen sie wichtiger als Können oder Kreativität.

Doch sagen diese Blätter Papier grundsätzlich etwas über die Qualifikation eines Menschen aus? Über seine Leistung? Seine Intelligenz?

Denn seien wir mal ehrlich: Es gibt ungezählte Menschen da draußen, die ein Abitur, Studium oder ähnliches vorzuweisen haben, aber in einem Gespräch merkt man, dass da zwischen den Ohren einfach nicht viel ist. Und es gibt die Menschen, die etwas können, es sich vielleicht selbst beigebracht haben und uns beeindrucken, weil sie sich durchkämpfen – ganz ohne Zertifikat.

Ich frage mich vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse, was aus der jungen, revolutionären Bildungselite geworden ist, die es früher gegeben hat? Wo sind die Träumer und Denker, die von einer besseren Welt fantasieren? Und im gleichen Moment frage ich mich, wieso ich nicht dazu gehöre? Ganz einfach: Ich weiß, dass ich es mir nicht leisten kann.

Als Student hetzt man heute hauptsächlich Modulscheinen und Creditpoints hinterher, gibt Seminararbeiten ab zu möglichst klangvollen Themen und freut sich, wenn man in seiner spärlichen Freizeit die neue Staffel seiner Lieblingsserie auf Netflix schauen kann. Und das möglichst ohne die Regelstudienzeit zu überziehen. Denn nicht nur, dass das Studium teuer ist, es macht bei späteren Bewerbungen auch keinen guten Eindruck, wenn man statt der ausgewiesenen sechs tatsächlich neun Semester an seinem Bachelor studiert hat.

Und Engagement daneben?

Politische Partizipation in allen Ehren, doch dafür haben wir die Politikwissenschaftsstudenten. Und ermüdende Kreisdiskussionen über globale Themen führen dann doch eher die Philosophen. Die können dann alles in einem Essay für das Seminar „Philosophie im neuzeitlichen Kontext“ verwursten und für die Erkenntnis „wir wissen, dass wir am Ende nichts wissen“ noch ein paar Punkte beim Prof sammeln. Der Rest hashtaggt dann mal bei facebook, twitter und Instagram „Refugees welcome“ und legt sich gleichzeitig mit seinem Maschinenbauabschluss ins Zeug. Denn wer weiß schon, ob unter den Flüchtlingen nicht der ein oder andere gut ausgebildete Maschinenbauer ist? Die ohnehin nicht sichere Zukunft scheint noch unsicherer zu werden.

Und plötzlich scheint „Die Junge Union“ wie eine grandiose Möglichkeit, seine Zukunft zu sichern, auch wenn man dafür graue Jacketts und mintgrüne Hemden tragen muss. Auf die Krawatte wird bis 32 verzichtet und die Haare nicht zu frech gegelt, damit nicht auffällt, das 32 gar nicht mehr so jung ist und sich die Lebensideologie zu einem 22-Jährigen doch ganz schön unterscheidet. Macht aber nichts, denn am Ende sind wir ja alle „Muttis“ Kinder und keiner scheint sich zu fragen, was nach „Mutti“ eigentlich kommen soll.

Denn keiner der nachgezogenen, alten Jugend kann durch eine besondere Ausstrahlung oder Eloquenz auf sich aufmerksam machen. Wie auch? Seit der Schulzeit wurde ja größten Wert darauf gelegt, möglichst gute Leistungen zu erhalten, indem man sich den gegebenen Umständen reibungslos unterordnet. Platz für Individualität oder gar Ideen war nie vorhanden.

Geschweige denn für Kreativität.

Überhaupt. Kreativ sein, ist brotlose Kunst. Und hast du keinen Verwandten, der deinem Nachnamen nicht einen gewissen Wiedererkennungswert garantiert, hast du eigentlich schon verloren. Und die Buchmärkte wundern sich, weshalb ihnen keiner mehr den Einheitsbrei abkaufen will, den sie in ihre Bestsellerlisten pressen. Doch nach der hundertsten Neuerfindung von der Wanderhure, schwedischen Krimis, gossensprachigen wohlstandverwahrlosten Jugendlichen und dem 6.000. „Wie finde ich den richtigen Mann?“-Ratgeber/lustige Szenengeschichte, sehnt man sich danach, seinen Kopf in die Kloschüssel zu halten und zu spülen. Lange zu spülen.

Und dann sieht man Bilder von neu errichteten Grenzzäunen mitten in der EU, von frustrierten Menschen, die sich von ihren Politikern verkauft und von den Medien belogen fühlen, von Tränengas gegen Flüchtlinge, von gefeierten Holocaustleugnern und Nationalisten, die ihre eigene Sprache zwar nicht beherrschen, sie aber vor „Verunreinigung“ beschützen wollen.

Eine Freundin schreibt bei facebook über die Anzahl ihrer Creditpoints. Nestlé will sein Image aufpolieren. Wirtschaftsflüchtling und Gutmensch sind nun Schimpfworte, doch die Werbung für die Welthungerhilfe auf Sat1 Gold treibt den Hausfrauen die Tränen in die Augen. Auf Youtube verkaufen junge Leute ihren überteuerten Beautykram an 14-Jährige, denen ihr Aussehen wichtiger ist, als ihr Verstand.

Dazwischen liegt der kleine Aylan mit seinem kalten Gesicht im Sand, am Meer, wo mein Sohn vielleicht Sandburgen bauen würde und mit seinen Schwimmflügeln im Wasser geplanscht hätte.

Und DagiBee wird heute 21 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch.

Ick freu mir!! ^^

Wer mir auf verschiedenen Plattformen folgt (oder gar auf allen), wird wahrscheinlich von mir genervt sein oder mich für total abgehoben und eingebildet halten, aber ich muss es einfach noch einmal ganz ausführlich los werden.

Ich. habe. meinen. Bachelor.

Und nein, ich will damit weder nerven noch angeben.

Sechs Jahre nach dem Abitur einen Bachelor abgeschlossen zu haben, ist auch nichts, womit man angeben könnte. Immerhin hätte ich bereits einen Masterabschluss haben können, wenn alles ein bisschen glatter gelaufen wäre.
Der Grund, wieso ich mich so irrsinnig freue, ist, dass ich in den letzten Wochen und Monaten ganz extrem in meinen Angstzuständen versunken bin. Da in meinem Leben noch niemals etwas reibungslos verlaufen ist, hatte ich ständig das Gefühl, dass noch irgendetwas passieren würde, was mir meinen Abschluss grundlegend versaut. Zuerst war es eine der letzten Prüfungen, von denen ich ernsthaft dachte, dass ich sie verhauen hätte, weil die Musterlösung nicht einmal ansatzweise das war, was ich in der Prüfung geschrieben hatte. Dann war es die Bachelor-Thesis. Zuerst motiviert angefangen, ein bisschen geschrieben nach und nach… eine Woche vor Abgabe festgestellt, dass ich an meinem tatsächlichen Thema vollkommen vorbei geschrieben habe, alles gelöscht und innerhalb von vier Tagen 34 Seiten neu geschrieben, korrigiert, formatiert, gedruckt, gebunden und abgegeben. Dann festgestellt, dass ich was in den Formalien versaut hatte… Was, wenn das ein Grund war, die Arbeit mit einer 5,0 zu bewerten? Es gibt Dozenten bei uns, die solche Dinge tun. Gnadenlos.

Nun ja… Meine Angstprüfung hatte ich schließlich mit einer 2,0 und meine Thesis, wie ich heute auf meinem Zeugnis lesen konnte, mit einer 1,7 bestanden. Also alle Panik umsonst… Aber das wusste ich ja vorher nicht! Überhaupt hat es mich vollkommen erledigt, nicht zu wissen, wie und ob ich überhaupt bestanden hatte, bis ich das Zeugnis heute in den Händen hielt.

Und nach diesen drei Jahren, in denen ich täglich von zu Hause zur Uni pendeln musste, manchmal sechs Stunden am Tag im Zug verbracht habe, ein Kleinkind zu Hause und einen Ehemann, dann noch das Lernen, die Aufgaben, die Hausarbeiten.

Als mir heute dieses Zeugnis übergeben wurde, fiel mir nicht nur ein Stein vom Herzen. Es war ein ganzes Geröll-Feld, glaube ich. Ich weiß nun, dass ich eine Zukunft habe. Ich weiß, dass ich einen Beruf habe, mit dem ich meine Familie ernähren kann. Und ich empfinde mit einem Schlag eine Ruhe, die ich seit Jahren nicht mehr hatte. Seit etwa sechs Jahren, um genau zu sein.

Und ja, das ist für mich definitiv ein Grund, mich zu freuen. Extrem sogar. 😀