Erotisch(es) Schreiben

Hand auf’s Herz, liebe Schreib-Kolleg*innen: Wer von euch, der Sex und Erotik in seinen Geschichten thematisiert (und wenn nur als Randerscheinung), ist noch nicht darüber verzweifelt? Ich zumindest stöhne jedes Mal, wenn es in meinen Geschichten zu erotischen Momenten kommt, eher aus Frust als aus Lust. Denn ehrlich, es ist wirklich schwer, Erotik auch erotisch auf’s Papier zu bringen.

Man schreibt das Kennenlernen der Figuren, das Näherkommen, anfängliches Interesse. Was dann kommt, ist eigentlich klar, denn (im besten Fall) weiß man ja, wie es sich anfühlen muss zwischen zwei Menschen, die einander zugeneigt sind. Und man will seine Leser*innen dieses erwartungsvolle Kribbeln, das ganze klischeebedingte Programm der sich aufbauenden Leidenschaft hautnah erleben lassen. 

Die schrittweise Überbrückung der Distanz hin zur Intimität. Zuerst durch lange, intensive Blicke. Mit Bedacht gewählte Worte, um Grenzen abzuklopfen und widerspiegelndes Interesse des Partners zu erhoffen. Die ersten, flüchtigen Berührungen. Der erste Kuss! Liebes- oder wenigstens Leidenschaftsgeflüster. Der erste Sex!!! Hurra!!!!! Leidenschaft! Erotik! Vielleicht Liebe! Die Leser*innen sind entzückt und schwitzen ihre Höschen feucht!

Oder gähnen gelangweilt.

Was noch die beste Reaktion wäre, wenn man die ganzen tollen Erotik-Szenen versemmelt hat, auf die man zuvor so stolz war. Im schlimmsten Fall lachen sich die Leser*innen schlapp und dass das kein Einzelfall wäre, beweist zum Beispiel der (wirklich geniale) Twitter-Account germanerotica. Ich liebe diese Seite, weil sie die skurrilsten und witzigsten Abgründe der Erotikliteratur (im weitesten Sinn, manches ist schlicht Porno in Buchstabenform) in Szene setzt. Was hab ich über die Beiträge schon gelacht. Bis ich vor kurzem mit einer neuen Geschichte anfing, in der es gleich im ersten Kapitel zum Sex zwischen den Protagonisten kommen soll.

Ja, ist wichtig für den Plot, aber scheiße … wie schreib ich das denn jetzt vernünftig?

Es ist nicht so, dass ich noch nie eine Sexszene geschrieben hätte. Und wie ich das habe! Die werde ich aber mit Sicherheit niemandem jemals zeigen. Ja, es sind pornöse Kurzgeschichten, von denen ich rede. Kurze Szenen, in denen kleine Fantasien einfach heruntergetippt wurden, ohne auf sprachlichen Stil, Spannungsbogen oder Realismus zu achten. Ich schreibe solche Dinge aus Spaß. Sie sind nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, ich lese sie mir meist nicht einmal mehr durch, wenn sie fertig sind.

Ich bin eigentlich ein schwafeliger Schreiber. Meine Figuren nähern sich einander langsam, die Romanze – obwohl häufig Hauptthema der Geschichte – wird in den Alltag eingeflochten, wie es im Leben halt so ist. Man konzentriert sich ja eher selten 24/7 auf ein potenzielles Loveinterest, sondern hat noch ein Leben drumherum, mit Job, Freunden, Familie, Problemen. Da kann ich das „Kribbeln“ durch Andeutungen und Wartenlassen erzeugen. Und wenn es tatsächlich zum Sex kommt, wird vorher ausgeblendet, wie in einem Film FSK 12. Nicht originell, aber häufig die bessere Lösung, bevor es zu peinlichen Floskeln kommt, die der Story die Stimmung versauen.

Es gibt kaum etwas Schlimmeres, als schlechte Sexszenen in einer ansonsten wundervollen Geschichte. Plötzlich wird der Realismus umgekehrt. Fremde Lippen schmecken nach Erdbeeren, obwohl Mensch kurz zuvor noch lässig an einer Zigarette gezogen hat. Brüste spitzen sich zu zarten Knospen zu, ein Penis ist eine Lanze der Lust, eine Vagina eine Tropfsteinhöhle und alle haben multiple Orgasmen.

Es schüttelt mich, wenn mich Sexszenen komplett aus einer Story reißen. Ich kann sogar mit Fug und Recht behaupten, dass ich, trotz der Vielzahl an Sexszenen, die ich gelesen habe, nicht eine gefunden habe, die ich als rundum gelungen empfunden habe. Vielleicht versuche ich deshalb, das Schreiben solcher Szenen zu vermeiden.

In meiner aktuell geplanten Story werde ich aber leider wohl nicht drum herum kommen. Es geht nicht um Alltag, um die Liebe im Rahmen einer anderen Handlung, sondern nur um das Miteinander zweier Menschen, in deren Leben Sex eine zentrale Rolle spielt. Und ich hadere mit mir. Denn es soll erotisch sein. Nicht pornös. Und schon gar nicht peinlich.

Und ich will den Sex auch beschreiben, denn er ist eine Schlüsselszene. Klingt vielleicht seltsam, aber so ist es. Es geht nicht um die bloße Befriedigung von Lust, sondern um eine erweiterte Art des Kennenlernens, wenn man so will.

Eine bis vor kurzem fremde Hand, die plötzlich ganz liebevoll über deine Wange streicht. Ein Blick, der noch nicht vertraut ist, sich aber intim anfühlt. Lippen auf deinem Mund. Nah, zärtlich. Finger, die die Nähe zu dir suchen, schüchtern vielleicht.

Egal wie viel Erfahrung man schon im Liebesleben gesammelt hat, der erste Sex mit einer neuen Person, ist wohl immer etwas Besonderes. Man möchte, dass es unvergesslich und schön wird. Für einen selbst und für den anderen. Nervosität gehört dazu, doch wenn das Gegenüber es schafft, einem ein sicheres Gefühl zu geben, ist es eine schöne Mischung aus Angst und Erregung.

Und jetzt pack das mal ordentlich in schöne Worte, wenn es dafür eigentlich keine passenden Worte gibt. Noch habe ich keine Lösung für dieses Problem. Ich bin auch nach wie vor auf der Suche nach gut geschriebenen Sexszenen in Büchern oder Kurzgeschichten und werde kaum fündig, trotz der in letzter Zeit stark präsenten „erotischen“ Literatur wie 50 Shades of KeinMannKönnteSoVielKohleHaben. Vielleicht bin ich auch einfach zu wählerisch in solchen Dingen. Aber ich bin ja auch älter und erfahrener geworden. Das hängt bei diesen Themen dann doch irgendwo zusammen. Geschichten von Teenies, die ihre pubertären Wunschvorstellungen niederschreiben, quittiere ich mit einem Lächeln, manchmal einem Kopfschütteln.

Wirkliche Erotik ist heiß, weil sie einen gewissen Realismus nicht vermissen lässt. Man möchte sich, seine Wünsche und Erfahrungen darin wiederfinden. Nur dann springt das Kopfkino erst richtig an. Und Lippen schmecken nun einmal nicht nach Erdbeeren, wenn man nicht vorher Erdbeeren gegessen hat. Eine Vagina ist keine nach Rosen duftende, ewig nasse Höhle. Und ein Penis ist kein eisenharter, gerade emporgerichteter Speer, sondern ein empfindsames Organ. Und es gibt mehr erogene Zonen bei Männern und Frauen, als man glaubt und Sex ist mehr als rein, raus, Höhepunkt, fertig.

Wenn ich weiß, wie ich das alles in hübsche Worte verpacken kann, werde ich mich einmal glücklich und zufrieden zurück lehnen. Bis dahin werdet ihr wohl noch mein Stöhnen hören – vor Frust, nicht Lust.

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Verloren

Ich habe meine Sprache verloren.

Es ist nicht so, dass ich nicht mehr schreiben möchte. Ich möchte, ich will – muss sogar, wenn ich ehrlich bin. Aber je mehr ich einfach drauflos schreibe, desto mehr erkenne ich, dass ich meine Sprache verloren habe. Das Gefühl für Worte, Schwingungen von Sätzen. Irgendwo zwischen dem ganzen Chaos, das sich aktuell mein Leben nennt, hat es sich still und leise von mir entfernt. Ohne Abschiedsgruß und Lebewohl.

Was geblieben ist, sind die Selbstzweifel, wenn ich Sätze lese, die ich mir dennoch abgerungen habe. Obwohl ich schon beim Aufschreiben spürte, dass es nicht richtig ist. 

Dialoge so hölzern und undynamisch, dass sie selbst für die gescriptete Realität von RTL zu platt wären.

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich in letzter Zeit nicht lese. Gar nicht. Meine Bücher sind alle bereits in (viele) Kartons gepackt und warten darauf, dass unser Haus fertig gebaut und eingerichtet wird. 

Vielleicht, wenn das alles vorbei ist, kommt ja meine Sprache wieder zu mir zurück? Wenn ich den Duft der alten und neuen Seiten wieder atmen und meine Gedanken zwischen den schier unendlichen gedruckten Zeilen spazieren führen kann? Ich möchte mich wieder selbst kennen lernen. Meine Stimme wiederfinden. Mich als Autorin wiederfinden. 

Ich vermisse mich.

Ein Hoch auf die Sue!

Nein, der Titel ist kein Sarkasmus, ihr lest richtig. Im Gegensatz zu den meisten anderen Bloggern und Autoren, die sich mit dem Thema beschäftigten, möchte ich heute ein Lobeslied auf die Mary Sue singen. Und bevor ich gesteinigt werde, möchte ich erklären, wieso ich der Meinung bin, dass die Mary Sue besser ist als ihr Ruf.

Was ist die Mary Sue?

Nicht jeder kann etwas mit diesem Begriff anfangen, deshalb eine kurze Erklärung vorneweg. Die Mary Sue ist in Kreisen von Hobbyautoren (vornehmlich aus dem Fanfiction-Bereich) die Synthese von Perfektion und Schrecken. Sie ist der Charakter, den alle lieben. Sie ist schön und klug, macht selbst die finstersten Antagonisten wieder zu menschlichen Wesen, mit einer wunderschönen Singstimme, selbstgeschriebenen Gedichten und gottgegebenem Talent in allen Dingen. Ohne Fehl und Tadel schwebt sie als Überheldin durch die Geschichten. Ihre einzigen Schwächen sind eine geradezu niedliche Tollpatschigkeit, ein zu großes Herz und ein gar zu besonders-bildhübsches Äußeres (das meist auf besondere Eigenschaften oder eine edle Herkunft deutet).

Kurz: Die Mary Sue ist der Inbegriff der vollkommenen Charakterlosigkeit. Sie ist zu schön, zu besonders, zu gut. Sie ist einfach unrealistisch.

Und nicht nur weibliche Charaktere sind davon betroffen. Das männliche Pendant ist Gary Stu, dem jede Frau zu Füßen liegt und der auch aus der ausweglosesten Situation zu entkommen weiß.

Das klingt alles furchtbar langweilig. Und meist ist es das auch. Mary Sues erkennt man oft schon am Namen und am Äußeren ganz am Anfang einer Geschichte. In den ersten Seiten wird sie in gähnender Inhaltslosigkeit vorgestellt, wie sie vor dem Spiegel steht und ihr gar „unbesonderes“ Dasein beschreibt. Mit Haaren, das in sanften Wellen über ihre schmalen Schultern fließt wie ein Bach aus Milch und Honig, smaragdgrünen Augen, die ihre Farbe je nach Stimmung in einen tiefen Bernsteinton ändern können und einem feinen Gesicht, das selbst die Feenkönigin Titania wie eine alte Vettel erscheinen lässt.

Okay, okay … ich höre schon auf. Ebenso wie die meisten Geschichten, in denen diese Art von Charakter vorkommt, werden meine Beschreibungen nicht besser, sondern nur noch unrealistischer und kitschiger.

Wie kann man also ein Lobeslied auf eine solche Ausgeburt der Charakter-Klischee-Hölle singen wollen?

Die Begründung ist ganz einfach: Weil es gut tut, eine Mary zu schreiben!

Ja, ihr habt richtig gehört. Es tut gut. Und derjenige, der noch nie dabei war, eine Mary in seine Geschichte zu schreiben, werfe den ersten Stein.

Meist ist die Mary in Fanfictions von Teenagern zu finden, die sich selbst in einer perfekten Fassade mit ihrem Lieblingscharakter verkuppeln. Es sind Dinge, die niemals passieren werden und wir wissen das alle. Auch die Teenager wissen das. Aber ja, auch ich habe so mit dem Schreiben angefangen. Ich habe mich in das Harry Potter-Universum geschrieben in der Art, wie ich gerne sein wollte. Schön, tough, intelligent, besonders. Und es hat mir geholfen, diese Fantasien zu Papier zu bringen. Es hat meinem 14-Jährigen Ich Spaß gemacht und darum ging es mir.

Nichts anderes soll die Mary Sue bringen: Spaß am Schreiben.

Und ab und zu erschaffe ich noch immer Mary Sues, da bin ich ganz ehrlich. Wenn ich eine stressige Woche auf der Arbeit hatte und mies drauf bin, spinne ich mir im Kopf Geschichten zurecht, in denen ein perfektes Ich bestimmte Situationen durchläuft und es entspannt mich ungemein. Heute würde ich diese Geschichten auf keinen Fall zu Papier mehr bringen. Die Energie, die ich dafür aufwenden müsste, stecke ich lieber in meine richtigen Projekte. Und ich muss diese Geschichten auch nicht noch einmal lesen (und schon gar nicht anderen zugänglich machen, oh Gott, diese Peinlichkeit!).

Also breche ich heute eine Lanze für die Mary Sue, denn wir brauchen sie. Als Maßstab, wie ein tiefgründiger Charakter NICHT aussehen sollte. Aber auch für unser eigenes Wohlbefinden, für das Ausleben manch privater Fantasie, auch wenn die niemand anders erfahren wird. Als die strahlende Schönheit, der alle Männer erliegen, an Tagen, in denen wir uns fühlen, wie der Blob. Als Gary Stu, der uns als strahlender Ritter aus jeder noch so undenkbar aussichtslosen Lage befreit (ja, ich gucke euch an Kirk und MacGywer und wie ihr Helden alle hießt). Und als Dark Mary, wenn wir jemandem alles erdenklich schlechte, übelste und grausamste antun möchten, was uns im Kopf herumspukt.

Danke Mary, dafür, dass du dich immer für jeden noch so furchtbar dämlichen, unrealistischen Bockmist hergibst und dabei nichts von deiner strahlenden Schönheit verlierst!

Vielen Dank für all die wunderbaren, schrecklichen und hochpeinlichen Momente, von denen niemand jemals etwas wissen sollte.

Danke Mary!

Hauptsache Bohème

Wenn ich bei meiner Großtante Frida zu Besuch bin, weiß ich, dass sich unsere Gespräche irgendwann um das Thema Literatur drehen. Tante Frida hat ein ganzes Zimmer, das an allen Wänden bis hoch zur Decke mit Regalen ausstaffiert ist. Und diese sind vollgestopft mit Büchern verschiedenster Art. Von Marx und Engels über Thomas Mann und Günther Grass bis Rosamunde Pilcher ist fast alles vertreten, was ihr und ihrem Mann in den vergangenen Jahrzehnten lesens- oder wenigstens besitzenswert erschien. Da sich bei meinen Großeltern und meinen Eltern ähnlich große Ansammlungen an Büchern befinden, wuchs ich also im Paradies bibliophiler Menschen auf. Aber nur mit meiner Tante Frida kann ich mich so schön über Bücher und Literatur allgemein unterhalten und streiten.

Zum Beispiel, wenn ich ihr früher vorgeworfen habe, nie eines ihrer Bücher von Edgar Allen Poe auch nur angefasst zu haben, sich dafür aber beim Rewe um die Ecke wieder einen dieser unsäglichen Groschenromane gekauft hatte. Ich zitierte ihr „Der Rabe“, den ich mit 16 auswendig konnte, und sie hörte mir geduldig bis zum Ende zu. Dann schüttelte sie lächelnd den Kopf, sagte „Mit so’m Schauerzeuchs kann ick nix anfang’“ und widmete sich wieder ihrem Schmöker. Dann saß ich da und fragte mich, ob sie überhaupt verstanden hatte, was ich ihr da vorgetragen hatte. Es war Poe, es war „Der Rabe“. Die Sehnsucht, die Trauer, der sich anschleichende Wahnsinn. Ich war hingerissen. Sie ebenfalls. Von einem Heftchen mit einem Titel wie „Der Prinz und die Pferdewirtin“ oder ähnlichem. Und dieses Bild wollte einfach nicht konform gehen, mit den Diskussionen über Heinrich Böll, Shakespeare oder Frank Wedekind, in denen wir uns stundenlang verstricken konnten. Denn nein, sie las nicht nur solche Groschenromane. Früher einmal, hatte sie alles gelesen, was heute Rang und Namen hat. Schon als Mädchen hatte sie Faust verschlungen, Lady Macbeth hassen gelernt und ihr erster Schwarm war ausgerechnet Günther Grass. Heute mag sie seichte Geschichten, in denen nichts Unvorhergesehenes passiert. Deshalb mag sie die Groschenromane lesen.

Ich lese keine Groschenromane. Ich lese generell selten das, was man gemeinhin unter Unterhaltungsliteratur versteht. Die Liebesromane in ihren gerade modernen himmelblauen Covern, die zahlreich in der Auslage der Buchläden gestapelt sind. Meist sind es nur ein paar wenige Autor*innen, die diese Titel im Akkord produzieren, mit den immer gleichen Rahmenhandlungen, Figurenkonstellationen und Enden. Bei der einen traurig, bei der nächsten witzig und bei der letzten pornös. Mir fehlt bei diesen Büchern der Anspruch. Der Tiefgang. Tante Frida lacht und fragt mich, was das für mich bedeutet und ich denke nach.

Was genau macht anspruchsvolle Literatur eigentlich aus? Der Blog Buchrevier beschäftigte sich mit diesem Thema vor einiger Zeit und ich musste lange über den Artikel nachdenken. Denn obwohl ich viele der darin vertretenen Auffassungen genauso sehe, gibt es einige Standpunkte, denen ich nicht folgen kann. Vor allem was Sinn und Notwendigkeit einer Handlung betrifft. Buchrevier schreibt, der Plot sei nicht wichtig. Dass gute Literatur nicht zwingend einen Plot brauche, eine ausgiebige Handlung sogar den Tiefgang einer Geschichte quasi eliminiere. Ich kann mir denken, welche Art von Geschichten der Artikel damit zur Seite stellen möchte. Jene Geschichten, die eine einfache Handlung erzählend wiedergeben mit mehr oder weniger schmückenden Worten, ohne Abzweigung, von A bis Z. Doch ist das Gegenteil dieser Geschichten tatsächlich jener Tiefgang und Anspruch, den ich mir von Geschichten wünsche? Oder sind es nicht jene Romane, die in der besten Bloggermanier zusammenhanglose Alltagssituationen zugrunde haben und diese dann mit pseudophilosophischem Geseiere auf 250 Seiten aufplustern? Ist das dann Tiefgang? Ist das dann ein gutes Buch? Mir persönlich sagen solche Romane, in denen sich eine Version des Autors als literarisches Ich über die Belanglosigkeiten seines Lebens in ausgeschmückten halbpoetischen Wortschwallen auslässt, genauso wenig zu, wie die eindimensionalen Liebesschnulzen. Denn wirklichen Tiefgang, wirkliche Intelligenz, wirkliche Nachhaltigkeit lassen solche Bücher genauso vermissen. Man mag seine Gedanken die ersten 50 Seiten schweifen lassen, man mag philosophieren, sich mit dem Protagonisten kurzfristig identifizieren, wie er in der ewigen Gleichgültigkeit vor sich hinschwimmt. Aber bleiben diese Gedanken bestehen? Wenn ich heute über Frank Wedekinds „Lulu“ oder Heinrich Bölls Geschichtensammlung „Wo warst du Adam?“ nachdenke, dann kommen in mir Gedanken und Gefühle hoch, dann kann ich mich nicht an einzelne schöne Sätze, aber an die Gesamtheit der Handlung erinnern. An Momente aus den Geschichten, die mich beeindruckt oder bewegt haben. Zum Beispiel als Lulu ihren Dr. Schön dazu bringt seine Verlobung endgültig aufzulösen und ihm den Brief diktiert, den er schreiben soll und ich spüren konnte, wie er hin- und hergerissen ist zwischen seiner Obzession und seinen gesellschaftlichen Verpflichtungen. Oder als Ilona singt und Filskeit in seinem Rassenwahn sein ganzes Magazin in sie hinein feuert, weil er ihren christlichen Glauben und ihre jüdische Herkunft in seinem Kopf nicht in Einklang bringen kann. Weil es seine Überzeugungen negiert. Ich kann noch heute spüren, wie sein irrationaler Hass mit jeder Note mehr und mehr in Wahnsinn umschlägt. Ich erinnere mich kaum an einzelne Sätze oder Formulierungen, aber an die Handlung und die Gefühle, die sie in mir noch immer auslöst, ohne, dass ich die Bücher in den letzten 5 oder mehr Jahren auch nur aufgeschlagen habe. Es ist hier Handlung, diese ist jedoch nicht eindimensional, billig oder vorhersehbar. Sie projiziert mehr als nur eine Geschichte. Keines dieser „schönen“ Bücher konnte mir das bisher geben, was beispielsweise diese beiden Bücher konnten.

Überhaupt habe ich das Gefühl, dass moderne Literatur, die viel besprochen und gelobt wird, zu sehr darauf bedacht ist, möglichst intelligent zu sein. Darüber tritt auch die Handlung in den Hintergrund. Da wird von 20-Jährigen aus gutem Hause über die Schwere des Lebens lamentiert, verpackt in hübschen Wortgerüsten, die aber nur auf wackeligen Füßen stehen. Aber es ist schick, wenn man wie zufällig über ein polygames Paar schreibt und es ist normal, dass alle Beteiligten dabei in ihren Depressionen zergehen und ihre Therapeuten hassen, denn was wissen die schon? Und es ist schick, sich im Drogenrausch in die Spree zu erbrechen, während einem der 50-Jährige Unternehmer das Koks aus der Arschritze schnupft. Und man empfindet nichts, denn es ist normal, wenn ein 50-Jähriger Koks aus deinem Arsch schnupft und es ist schick, nichts dabei zu empfinden. Weil es wichtiger ist, sich darüber Gedanken zu machen, wann der Bio-Supermarkt um die Ecke am nächsten Tag aufmacht, das ist schick und ganz normal in dieser Generation. Denn jeder darf leben, wie er es für richtig hält, alles wird als normal angesehen, solange man es in schöne Worte verpacken kann, dass es schick wird. Und mit diesen schicken Worten wird diese Normalität auf einen Podest gehoben. Sie wird so krampfhaft normal gemacht, dass man sich fragt, ob der Autor es überhaupt aus der Überzeugung heraus geschrieben hat, dass es normal ist oder ob er es nicht als extraordinär ansieht und nur um bohème zu wirken, soll es normal sein. Und der angebliche Tiefgang ist dann auch nur oberflächlich, denn die Normalität ist so plakativ, dass sie keinen Interpretationsspielraum mehr zulässt. Alles soll politisch einwandfrei und korrekt sein, dass keine wirkliche Auseinandersetzung, Reflexion und Diskussion mehr möglich ist,

Und dann füllen sich die Feuilletons wieder mit Lobeshymnen und unbarmherziger Kritik gleichermaßen. Und alle scheinen sich einig, dass dies die Literatur ist, die man gelesen haben sollte und sei es nur, um sie zu zerreißen und sich gegen die dargestellte Normalität zu stellen, die nicht normal ist.

Und Tante Frida lacht mich aus, weil ich mich darüber aufrege, wenn man mich mit diesen Autor*innen in einen Topf wirft, nur weil wir derselben Generation entstammen. Und ich merke, wie ich mich selbst in diesen Banalitäten verliere, indem ich mich darüber aufrege. Sie erklärt mir, dass ich diese Bücher nicht gut oder gar anspruchsvoll finden muss, aber jeder Mensch legt seine Messlatte eben anders an und jeder Mensch liest anders. Manch einem reichen schöne Worte, um ihn zum nachdenken zu bewegen, manch einer braucht mehr oder gar weniger. Manch einem reicht es schon, sich in einer angenehm seichten Geschichte zu verlieren, deren Ausgang so wunderbar vorhersehbar ist, dass man das Buch mit dem Gefühl abschließen kann, dass es definitiv abgeschlossen ist. Manch einer braucht Stoff, der ihm noch jahrelang Grund zum Grübeln gibt, wo vermutlich nur der Autor selbst weiß, was er mit seinem Werk tatsächlich ausdrücken wollte. Und es ist in Ordnung, dass die Ansprüche an Anspruch nicht einheitlich sind. Denn auch das wäre langweilig. Zum Beispiel hätte ich dann keinen Grund mehr, darüber zu diskutieren, ob oder ob kein Tiefgang in einem Buch versteckt ist.

Wenn Tante Frida heute in der Kaufhalle vor dem Regal mit ihren Groschenromanen steht, lese ich ihr manchmal die Titel vor, denn sie vergisst immer ihre Brille zu Hause. Dann erzählt sie mir, anhand des Titels, was wahrscheinlich in dem Buch passieren wird. Ich erkläre ihr, dass es nicht von literarischer Qualität spricht, wenn die Handlung so vorhersehbar ist. Gute Bücher klingen nach, sagt sie, und auch all diejenigen, die sie gelesen hat damals, klingen noch nach. Doch nun, mit fast 80, fühlt sie sich wohler, wenn sie Dinge einfach beenden kann. Sie lacht mich an und kauft das Buch.

Überdenken, Überarbeiten, Neu machen

Ich bin wenig aktiv in letzter Zeit, was das Schreiben angeht … Wobei … Eigentlich ist das so nicht die ganze Wahrheit. Denn obwohl ich nur wenig zum Schreiben komme, mache ich momentan andere Dinge, die ich schon viel zu lange vor mir herschiebe oder aber, die gerade dringender aus meinem Kopf wollen.
Da wäre z.B. die Überarbeitung von „Kreideherzen“. Nachdem ich die Geschichte aus privaten Gründen von seinem angestammten Platz auf fanfiktion.de nehmen musste, habe ich sie eine Weile ruhen lassen. Mir war klar, dass ich sie nicht mehr in der Form hochladen könnte (und wollte), wie sie war. Vor allem die Figur des Alexander musste sich verändern in einigen wesentlichen Punkten. Für mich und meine Beziehung zu seiner Figur. Wenn man aber fast 9 Jahre an einer Geschichte plant und feilt, die Protagonisten kennt wie seinen besten Freund, dann ist eine solche Veränderung schwierig.

Bei anderen Geschichten hätte es mich vielleicht weniger gestört, doch Kreideherzen ist für mich besonders. Mich bindet eine Hassliebe an diese Geschichte, die man kaum in Worte fassen kann. Mal brennt sie mehr, mal fast gar nicht, sodass ich denke, das Feuer ist aus. 

Die Figuren habe ich in all den Jahren geformt, ich kenne ihre Geschichte, ihre familiären Hintergründe, ihre Wünsche, Sorgen und Schwächen. Doch Alexander wird nun verändert. Er ist schon anders in meinem Kopf und nun beginne ich, ihn zu Papier zu bringen. Der alte Alexander wird Stück für Stück durch den neuen ersetzt, bis von dem Alten nichts übrig ist. 

Und ich muss gestehen, es tut auch ein bisschen gut, sich von ihm zu lösen, ihn neu zu erfinden. Das schafft mir wieder eine gewisse Distanz. 

Das erste Kapitel habe ich nun überarbeitet und das zweite angefangen. Es ist noch ein weiter Weg, denn Überarbeiten, Streichen, oftmals neu schreiben, dauert. Es ist eine aufwändige Arbeit, aber es ist auch faszinierend, wie viel man selbst am Ende streicht und wieder verändert. Und gerade die ersten Kapitel von Kreideherzen haben es bitter nötig, auch eine stilistische Überarbeitung zu bekommen. Es wurde Zeit.
Doch die Erneuerung meines „Babys“ ist nicht das einzige, woran ich arbeite. Zwei andere Geschichten werden gerade geplottet. Eine etwas längere „Fantasy“-Story, wobei Fantasy bei mir eher kein beliebtes Genre ist, von daher kann ich hier keine nähere Eingrenzung geben. Doch wie immer gibt es eine Portion Tragik und Drama dazu. (Nein, keine Vampire, keine Werwölfe, kein Game of Thrones)
Und dann ist da gerade ein ganz neues Plotbunny an mir vorbeigehüpft. Ein Kurzroman (hoffe ich), der in der Gegenwart spielt und einen Briefwechsel zweier befreundeter (vielleicht verliebter) Menschen zu Beginn der 1950er Jahre thematisiert. Ein bisschen Liebe, vor allem aber Familie, Selbstreflexion, Freundschaft und die Frage, ob man lieber seinen Träumen oder doch der Vernunft folgen soll. 
Ich bin also, wie ihr seht, in letzter Zeit nicht untätig, sondern durchaus im kreativen Prozess. Aktuell allerdings eher für mich, in meinem Kopf und zwischen den Seiten meiner Notizbücher. Ich gelobe aber, zumindest was das Bloggen angeht, Besserung.*

Es wird in nächster Zeit vielleicht auch wieder die ein oder andere Kurzgeschichte oder das ein oder andere Gedicht von mir zu lesen geben. Auch hier bin ich nicht untätig, ich habe nur keine Zeit, alles gleichzeitig zu machen. 

*(Gott, wenn ich jedes Mal 10 cent kriegen würde, wenn ich mir das vornehme.)
~ELW

Wieder Schreiben – Teil 2: Vorbereitungen

Ich hatte mir ja vorgenommen, am Wochenende meinen Schreibtisch aufzuräumen. So als erste Vorbereitung für meinen hoffentlich bald einsetzenden Schreibfluss. Nun ja, das hat nicht ganz so geklappt dank Kegeln mit Bekannten und Schwimmbadbesuch am Samstag und einem sehr faulen Sonntag. Aber egal. Ein bisschen geschrieben habe ich die Tage dennoch. Auch ohne ordentlichen Schreibtisch und Platz für die Tastatur. Platz ist in der kleinsten Hütte und ein iPad oder ganz klassisch Zettel und Stift tun es auch, um einfach mal ein paar Ideen niederzukritzeln.

Andere Vorbereitungen laufen auch an. So habe ich mich mit den Initiatoren einer Schreibgruppe in Verbindung gesetzt. In der ersten Februarwoche geht es los. Ein bisschen aufgeregt bin ich, denn ich habe mich seit Jahren nicht mehr mit Leuten real über das Schreiben – und mein Schreiben – ausgetauscht. Das letzte Mal war wohl irgendwann in der Schulzeit mit meiner damaligen besten Freundin. Qualitativ hochwertig waren diese Unterhaltungen in der Regel auch nicht, sondern hauptsächlich durchgedreht und bisweilen arg schmutzig. Ich hoffe, dass ich diese zwischenmenschlichen Sachen nicht verlernt habe. 

Eine weitere Neuerung in meinem Schreibleben sind dann wohl auch diese beiden Schätzchen:

 
Mit diesen beiden Exemplaren steigt die Zahl meiner Schreibratgeber auf 3. Ich habe es eigentlich nicht so mit Ratgeberbüchern. Vor allem seit meiner Schwangerschaft mache ich einen großen Bogen darum, denn meiner Erfahrung nach, machen Ratgeber vor allem eins: Meinungen und Neigungen als einzige Wahrheit aufdrücken. Zumindest war das in sämtlichen Schwangeren- und Elternratgebern so, die ich gelesen habe. Ich hoffe, dass es hier anders sein wird. 

Nach der Lektüre diverser Blogs, Kritiken und Rezensionen habe ich ein paar Ratgeber rausgesucht und mich schlussendlich für diese beiden entschieden. Wenn sie mir gefallen und helfen, werde ich mein Bücherregal vielleicht noch um den einen oder anderen erweitern. Mal sehen.

Ich habe mir für den Einstieg auch schon ein erstes Projekt gesucht. Etwas anderes als das, was ich gewöhnlich mache. Eine erotische Kurzgeschichte zum Thema „Scham“ als Einsendung für ein erotisches Kunstmagazin geplant. Mal sehen, ob und was daraus wird. 

Die nächsten Wochen werden für mich spannend. Ich will ein wenig experimentieren und üben. Ob da etwas sinnvolles draus entsteht, weiß ich nicht, aber schaden kann es ja auch nicht, oder? 

Wieder Schreiben – Teil 1: Der Plan

Das neue Jahr ist nun ein paar Tage alt. Es kam für mich mit einigen Veränderungen und Neuerungen, von denen ich hoffe, dass sie mein Leben positiv beeinflussen werden. Die wichtigste und einschneidenste Neuerung betrifft mein Arbeitsleben. Nach 3 Jahren und 4 Monaten beinahe permanenten Pendels zur Uni und schließlich zur Arbeit, startete ich zum Jahresbeginn mit einer neuen Stelle, welche sich endlich wieder in meiner Heimatstadt befindet. Und nicht nur, dass die Fahrzeiten wegfallen, sondern auch meine Arbeitszeit hat sich ein wenig verringert. So habe ich unter der Woche nun deutlich mehr Zeit. Knappe 15-18 Stunden um genau zu sein.

Natürlich habe ich dadurch nicht automatisch 15-18 Stunden Zeit zum Schreiben. Das wäre zwar schön, aber so leider nicht mit meinen anderen Verpflichtungen zu vereinbaren. Denn natürlich verwende ich einen Großteil dieser zusätzlichen Freizeit darauf, mehr Zeit mit meiner Familie – vor allem meinem Sohn – zu verbringen.

Aber auch der Aufbau einer Schreibroutine steht nun ganz oben auf meiner „To-Do-Liste 2016“. Nach 2 Jahren fast vollständiger Schreibpause wird dies nicht einfach werden, erwartet also keine Wunder von mir. Mit einer gewissen Ernsthaftigkeit gehe ich dieses Mal dennoch heran, denn ich versuche, mich einer örtlichen Schreibgruppe anzuschließen. Wie und ob das funktionieren wird, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschätzen. Das hängt  unter anderem auch von den anderen Teilnehmern ab, welche in meiner Region wohl im Schnitt um die 30 Jahre älter sein dürften als ich. Das kann gut gehen, aber auch ganz gehörig daneben. Ich lasse mich überraschen.

Einen oberflächlichn Schreibplan werde ich die nächsten Wochen ausarbeiten, vorher steht jedoch erst einmal Ausmisten an. In den letzten Monaten hat sich mein Schreibtisch wieder so dermaßen zugemüllt, dass ich kaum noch die Arbeitsfläche, geschweigedenn eine Tastatur sehe. Ich gebe schamhaft zu: Ich bin dahingehend ein kleiner Messi. Dank Handy, Tablet und Laptop bin ich ja trotzdem am Netz. Nur mein Schreibprogramm schlummert auf meinem Festrechner – genauso wie die meisten zusätzlichen Daten (Steckbriefe, etc.) zu meinen Geschichten. 

Es wird also ein Januar der Vorbereitungen für mich, sodass ich hoffentlich in den darauffolgenden Wochen endlich wieder eine Routine entwickeln kann. 
Wünscht mir Glück! 🙂