Verzerrte Wahrnehmung

Ich hatte schon immer ein problematisches und stark ambivalentes Verhältnis zu meinem Äußeren. „Schon immer“ ist dabei vermutlich übertrieben, aber zumindest seitdem ich mir meiner Weiblichkeit bewusst war.

Ich wurde als Jugendliche oft von Erwachsenen mit Komplimenten bedacht. Im Gegenzug dazu mobbten mich liebe Mitschüler in eine schwere Depression und eine Essstörung mit Aussagen wie „Fetti“, „hässliche Kuh“, „Sauschlampe“, und und und.

Auch nachdem das Mobbing aufhörte, die Schule vorbei war und ich älter wurde, einen Mann kennenlernte, ein Kind bekam, blieb mir die Schuld und das Unwohlsein, welches ich empfand, wenn ich mich in meiner Haut einfach nur einmal wohlfühlte. Hinzu kommt, dass ich den Blick für mich selbst verloren habe.

Ich kann nicht einschätzen, wie ich aussehe oder wirke. Es fiel mir schwer, die starke Gewichtszunahme während und nach der Schwangerschaft einzuschätzen. Fotos von mir habe ich eh immer gehasst, deswegen meide ich sie von vornherein, wo es nur geht. Durch die Essstörung empfand ich mich darüber hinaus immer als „zu dick“, auch als ich zeitweise nur noch knapp 45kg bei 1,68m Körpergröße gewogen habe. Dass ich bei 86kg tatsächlich körperliche Beschwerden durch das reale Übergewicht bekam, war für mich eher ein Segen. Ich konnte auf etwas vertrauen, was ich nicht erst optisch erkennen musste.

Jetzt wiege ich 59kg und plötzlich bekomme ich Kommentare, dass es „zu wenig“ ist. Ich empfinde das natürlich nicht so und meine alte Essstörung flüstert mir höhnisch zu, dass es hier und da und dort weniger sein könnte. Das Problem, dass ich mich selbst nicht sehen kann, bleibt weiter bestehen und es bezieht sich nicht nur auf meinen Körper, sondern auf alles an mir.

Welche Kleidung mir zB steht, kann ich nicht einschätzen. Dass mir rot mehr steht als gelb, weiß ich nur, weil meine Mutter mir das gesagt hat. Ich gehe sehr selten alleine einkaufen, aus Angst, etwas auszusuchen, was gar nicht zu mir passt. (Und weil ich shoppen gehen hasse, wenn ich ehrlich bin, wie kann man sowas als Hobby haben?)

Wenn ich ein Selfie von mir mache, weil ich denke, dass ich doch eigentlich gar nicht so hässlich bin, ist es dasselbe. Im ersten Moment ist es in Ordnung, doch dann springen mich meine optischen Fehler mit aller Macht an. Die Nase ist zu breit, der Mund schief, die Lippen nicht voll, die Haut unrein, die Kieferknochen zu breit, die Haare wie Stroh und wie gucke ich eigentlich schon wieder? Und ich fühle mich schuldig, weil ich für einen flüchtigen Moment der Arroganz und Eitelkeit dachte, ich sei eigentlich annehmbar, vielleicht sogar sowas wie hübsch. Und dann habe ich den Blick wieder verloren und weiß mich nicht einzuordnen.

Natürlich ist das ein absolutes Luxusproblem. Ich möchte das übrigens auch nicht als ein „fishing for compliments“ verstehen. Ich freue mich über Komplimente (wer nicht?), aber am Ende geben sie mir nicht das Gefühl für mich selbst zurück. Ich kann weiterhin nicht meinen Anblick im Spiegel ertragen oder mich selbst auf Fotos. Und das Bedürfnis, mich zu verstecken, bleibt leider auch bestehen.

CEFD4627-2FB1-48EF-8ED0-1D136063402D.jpeg

Advertisements

Die Wolken im Kopf

Da sind Wolken in meinem Kopf. Manchmal sind sie hell und weich wie Watte. Ich kann durch sie nicht nur das Licht hindurchscheinen sehen, sondern sie verschönern es sogar, machen es heller, weicher, wärmer. Im Moment ist da nur eine dunkle Wolke. Sie ist wie ein Schwamm, der alles aufsaugt, auch das Licht. Vor allem das Licht. Und die Gefühle. Ausgenommen die Verzweiflung. Und sie lässt mich im Dunkel sitzen, allein mit dem Schmerz.

Ich weiß, dass da Licht ist und Wärme und Liebe. Aber ich sehe es nicht. Und ich fühle es nicht.

Da ist nur der nagende Zweifel. Selbstzweifel vor allem, der zu Selbsthass erwächst. Weil ich mal wieder am Leben scheitere und alle um mich herum enttäusche. Weil ich nicht so stark sein kann, wie ich müsste – muss. Ich muss stark sein, aber ich bin schwach und klein.

Und der Selbsthass steigert sich, aber ich muss lächeln, lachen, fröhlich sein und weiter machen, egal wie weit sich die Verzweiflung steigert. Es gibt diesen einen Grund, der mich weiter machen lässt.

Ihm fehlen zwei Schneidezähne und er nennt mich „Mama“.

Bitte lass mich nicht ertrinken …

Aus den Gedanken gerissen #2

Die Lichter der Stadt spiegelten sich in der dunklen, glatten Fläche des Flusses. Und plötzlich wirkte diese provinzielle Ansammlung von Stein und Stahl und Beton wie eine Metropole unter dem glühenden Nachthimmel. So oft hatte ich hier gestanden in den letzten Jahren – Jahrzehnten – und diesen Anblick meiner Stadt genossen. Und wie oft hatte ich Frauen hierher mitgenommen. Meist, um für den romantischen Ausblick einen Abend oder eine Nacht zu bekommen. So gut wie alle meine Beziehungen begannen hier ernst zu werden und schwierige Affären wurden einfacher. Ich dachte, dieser Ort wäre mein Refugium. Der Platz, an dem ich mich sicher fühlen konnte, im Vorteil wäre. Doch nun blickte ich beinahe schüchtern auf die junge Frau neben mich. Alles an ihr schien in diesem Moment besonders zu sein. Von ihren Zehenspitzen, die mit dem noch warmen Gras spielten, über ihren Oberkörper, der lässig an der Innenwand meines Busses lehnte, bis zu ihrem Blick, der das Lichterschauspiel in der Ferne betrachtete. Stundenlang hatten wir geredet. Hatten die Worte aus dem anderen ausgesaugt, als hätten wir zum ersten Mal eine andere menschliche Stimme gehört. Nun umhüllte uns Schweigen wie ein Mantel aus weicher Seide. Leicht, unsichtbar, kühlend. Wie lange war es her, dass ich mich von einem anderen Menschen so eingenommen gefühlt hatte?Mein Fuß streifte ihren im Gras und unsere Blicke trafen sich. Ihre großen, schönen Augen offen fragend. Würde ich mich von der Berührung zurückziehen? In dem Moment, da ich darüber nachdachte, merkte ich, wie sich ein Lächeln auf mein Gesicht stahl. Und ich hielt ihrem Blick stand, als sie sich aufrichtete und mir näher kam. Eine Hand strich über meine Wange und für einen Wimpernschlag hielt ich die Luft an. Bevor sie mich küsste, konnte ich die Lichter der Stadt in ihren hellen Augen sehen. Weiche Lippen kosteten von meinem Mund, während feine Fingerspitzen über mein Gesicht und meinen Hals fuhren. Ich konnte nicht umhin, sie näher an mich zu ziehen und bevor ich wusste, was ich tat, erkundeten meine Hände ihren Körper. Mit jedem Kuss, jeder Berührung, jedem halb unterdrückten Seufzer, steigerte sie meine Lust. Ich wurde fordernder, je intensiver sie sich an mich presste. Ihr Becken drückte gegen meine Lenden, ich spürte ihr elektrisiertes Zittern, als ich unter ihren BH glitt und ihre Brüste knetete. Sie wollte den Kuss unterbrechen, doch ich drückte ihren Mund zurück auf meinen, aus Furcht, sie könnte es sich anders überlegen und mich allein lassen. Ich wollte sie ganz. Nicht nur ihren Körper, sondern alles von ihr und noch mehr. Ihr Stöhnen, als ich ihre Brustwarzen mit meinen Fingerspitzen liebkoste, trieb mich fast in den Wahnsinn. Sie hatte die Brücke zwischen uns überwunden, ich wollte sie einreißen, damit sie nicht mehr zurück konnte. Ich umfasste sie und hob sie hoch, nur um sie endlich auf den Boden des Wagens zu legen und sie unter mir zu begraben. Sie so zu spüren, ihren Atem, das Beben ihres Körpers, die Hitze ihrer Haut unter meinen Händen, hatte ich nie für möglich gehalten. Als Verdurstender in der Wüste trank ich von ihren Lippen wie von einer Oase und bekam nicht genug, bis sie endlich nackt und offen vor mir lag. Ich atmete ihre Lust nach mir, fraß sie mit gierigen Augen vollkommen auf. Ihre Lippen flehten stumm und ich gab mich ihr hin. Vollkommen.

Erotisch(es) Schreiben

Hand auf’s Herz, liebe Schreib-Kolleg*innen: Wer von euch, der Sex und Erotik in seinen Geschichten thematisiert (und wenn nur als Randerscheinung), ist noch nicht darüber verzweifelt? Ich zumindest stöhne jedes Mal, wenn es in meinen Geschichten zu erotischen Momenten kommt, eher aus Frust als aus Lust. Denn ehrlich, es ist wirklich schwer, Erotik auch erotisch auf’s Papier zu bringen.

Man schreibt das Kennenlernen der Figuren, das Näherkommen, anfängliches Interesse. Was dann kommt, ist eigentlich klar, denn (im besten Fall) weiß man ja, wie es sich anfühlen muss zwischen zwei Menschen, die einander zugeneigt sind. Und man will seine Leser*innen dieses erwartungsvolle Kribbeln, das ganze klischeebedingte Programm der sich aufbauenden Leidenschaft hautnah erleben lassen. 

Die schrittweise Überbrückung der Distanz hin zur Intimität. Zuerst durch lange, intensive Blicke. Mit Bedacht gewählte Worte, um Grenzen abzuklopfen und widerspiegelndes Interesse des Partners zu erhoffen. Die ersten, flüchtigen Berührungen. Der erste Kuss! Liebes- oder wenigstens Leidenschaftsgeflüster. Der erste Sex!!! Hurra!!!!! Leidenschaft! Erotik! Vielleicht Liebe! Die Leser*innen sind entzückt und schwitzen ihre Höschen feucht!

Oder gähnen gelangweilt.

Was noch die beste Reaktion wäre, wenn man die ganzen tollen Erotik-Szenen versemmelt hat, auf die man zuvor so stolz war. Im schlimmsten Fall lachen sich die Leser*innen schlapp und dass das kein Einzelfall wäre, beweist zum Beispiel der (wirklich geniale) Twitter-Account germanerotica. Ich liebe diese Seite, weil sie die skurrilsten und witzigsten Abgründe der Erotikliteratur (im weitesten Sinn, manches ist schlicht Porno in Buchstabenform) in Szene setzt. Was hab ich über die Beiträge schon gelacht. Bis ich vor kurzem mit einer neuen Geschichte anfing, in der es gleich im ersten Kapitel zum Sex zwischen den Protagonisten kommen soll.

Ja, ist wichtig für den Plot, aber scheiße … wie schreib ich das denn jetzt vernünftig?

Es ist nicht so, dass ich noch nie eine Sexszene geschrieben hätte. Und wie ich das habe! Die werde ich aber mit Sicherheit niemandem jemals zeigen. Ja, es sind pornöse Kurzgeschichten, von denen ich rede. Kurze Szenen, in denen kleine Fantasien einfach heruntergetippt wurden, ohne auf sprachlichen Stil, Spannungsbogen oder Realismus zu achten. Ich schreibe solche Dinge aus Spaß. Sie sind nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, ich lese sie mir meist nicht einmal mehr durch, wenn sie fertig sind.

Ich bin eigentlich ein schwafeliger Schreiber. Meine Figuren nähern sich einander langsam, die Romanze – obwohl häufig Hauptthema der Geschichte – wird in den Alltag eingeflochten, wie es im Leben halt so ist. Man konzentriert sich ja eher selten 24/7 auf ein potenzielles Loveinterest, sondern hat noch ein Leben drumherum, mit Job, Freunden, Familie, Problemen. Da kann ich das „Kribbeln“ durch Andeutungen und Wartenlassen erzeugen. Und wenn es tatsächlich zum Sex kommt, wird vorher ausgeblendet, wie in einem Film FSK 12. Nicht originell, aber häufig die bessere Lösung, bevor es zu peinlichen Floskeln kommt, die der Story die Stimmung versauen.

Es gibt kaum etwas Schlimmeres, als schlechte Sexszenen in einer ansonsten wundervollen Geschichte. Plötzlich wird der Realismus umgekehrt. Fremde Lippen schmecken nach Erdbeeren, obwohl Mensch kurz zuvor noch lässig an einer Zigarette gezogen hat. Brüste spitzen sich zu zarten Knospen zu, ein Penis ist eine Lanze der Lust, eine Vagina eine Tropfsteinhöhle und alle haben multiple Orgasmen.

Es schüttelt mich, wenn mich Sexszenen komplett aus einer Story reißen. Ich kann sogar mit Fug und Recht behaupten, dass ich, trotz der Vielzahl an Sexszenen, die ich gelesen habe, nicht eine gefunden habe, die ich als rundum gelungen empfunden habe. Vielleicht versuche ich deshalb, das Schreiben solcher Szenen zu vermeiden.

In meiner aktuell geplanten Story werde ich aber leider wohl nicht drum herum kommen. Es geht nicht um Alltag, um die Liebe im Rahmen einer anderen Handlung, sondern nur um das Miteinander zweier Menschen, in deren Leben Sex eine zentrale Rolle spielt. Und ich hadere mit mir. Denn es soll erotisch sein. Nicht pornös. Und schon gar nicht peinlich.

Und ich will den Sex auch beschreiben, denn er ist eine Schlüsselszene. Klingt vielleicht seltsam, aber so ist es. Es geht nicht um die bloße Befriedigung von Lust, sondern um eine erweiterte Art des Kennenlernens, wenn man so will.

Eine bis vor kurzem fremde Hand, die plötzlich ganz liebevoll über deine Wange streicht. Ein Blick, der noch nicht vertraut ist, sich aber intim anfühlt. Lippen auf deinem Mund. Nah, zärtlich. Finger, die die Nähe zu dir suchen, schüchtern vielleicht.

Egal wie viel Erfahrung man schon im Liebesleben gesammelt hat, der erste Sex mit einer neuen Person, ist wohl immer etwas Besonderes. Man möchte, dass es unvergesslich und schön wird. Für einen selbst und für den anderen. Nervosität gehört dazu, doch wenn das Gegenüber es schafft, einem ein sicheres Gefühl zu geben, ist es eine schöne Mischung aus Angst und Erregung.

Und jetzt pack das mal ordentlich in schöne Worte, wenn es dafür eigentlich keine passenden Worte gibt. Noch habe ich keine Lösung für dieses Problem. Ich bin auch nach wie vor auf der Suche nach gut geschriebenen Sexszenen in Büchern oder Kurzgeschichten und werde kaum fündig, trotz der in letzter Zeit stark präsenten „erotischen“ Literatur wie 50 Shades of KeinMannKönnteSoVielKohleHaben. Vielleicht bin ich auch einfach zu wählerisch in solchen Dingen. Aber ich bin ja auch älter und erfahrener geworden. Das hängt bei diesen Themen dann doch irgendwo zusammen. Geschichten von Teenies, die ihre pubertären Wunschvorstellungen niederschreiben, quittiere ich mit einem Lächeln, manchmal einem Kopfschütteln.

Wirkliche Erotik ist heiß, weil sie einen gewissen Realismus nicht vermissen lässt. Man möchte sich, seine Wünsche und Erfahrungen darin wiederfinden. Nur dann springt das Kopfkino erst richtig an. Und Lippen schmecken nun einmal nicht nach Erdbeeren, wenn man nicht vorher Erdbeeren gegessen hat. Eine Vagina ist keine nach Rosen duftende, ewig nasse Höhle. Und ein Penis ist kein eisenharter, gerade emporgerichteter Speer, sondern ein empfindsames Organ. Und es gibt mehr erogene Zonen bei Männern und Frauen, als man glaubt und Sex ist mehr als rein, raus, Höhepunkt, fertig.

Wenn ich weiß, wie ich das alles in hübsche Worte verpacken kann, werde ich mich einmal glücklich und zufrieden zurück lehnen. Bis dahin werdet ihr wohl noch mein Stöhnen hören – vor Frust, nicht Lust.

Kein Menschen-Mensch

Als D. mich fragte, ob ich mit zu einem Stadtfest komme, wusste ich schon, dass ich mich unter allen Umständen da hinaus winden wollte. Es ist nicht so, dass ich D. nicht leiden kann, aber wir sind auch keine Freunde, nicht einmal gute Bekannte. Wir kennen uns schon so lange, dass ich selbst nicht mehr weiß, woher. Sie ist einer dieser Menschen, die man in so einer Kleinstadt eben kennt. Eine Provinz-Schönheit mit einem Wahnsinns-Körper, langen glatten Haaren, bunt-glitzernden Gelnägeln, zu viel Höhensonne, zu viel Make-up und aufgemalten Augenbrauen. Sie umgibt sich gern mit unscheinbaren, nicht hässlichen, aber eher unattraktiven Frauen, neben denen sie strahlen kann. In den letzten Jahren hatte mich dieses Schicksal ereilt. Ich hatte 20 Kilo zu viel auf den Rippen und machte mir mehr Gedanken um mein Kind und meinen Uni-Abschluss als um Haare, Nägel oder Klamotten – und das sah man mir auch an. Ich bin nicht ungepflegt, mit solchen Leute umgibt sich D. nicht, aber praktisch veranlagt und schlicht.

Es kam in den letzten Jahren immer mal wieder vor, dass sie mit mir weggehen wollte. Ich ließ mich manchmal darauf ein, denn es gab mir Zerstreuung in meinem doch manchmal sehr chaotischen und gleichzeitig vollgepackten und straff strukturierten Leben. Am Ende nahm ich es ihr dann auch nur halb übel, wenn sie mich nach ein bis zwei Stunden auf einer Feier allein stehen ließ, um mit irgendwelchen Männern loszuziehen oder sich mit Leuten zu amüsieren, die auf Dorffesten eben für die laute, ausgelassene Stimmung sorgten. Ich war nur dabei, damit sie alle Blicke auf sich ziehen konnte. Das anschließende bittere Gefühl des Verloren seins, kam dennoch immer wieder bei mir auf.

In letzter Zeit hatte ich nicht mehr viel von ihr gehört. Einladungen hatte ich rigoros ausgeschlagen. Zu sehr war ich damit beschäftigt, mich um mein Leben zu kümmern. Solche Dinge trägt D. einem nicht nach, sie fragt einen einfach so lange, bis man irgendwann wieder auf sie eingeht. Als sie mich dieses Mal gefragt hatte, war ich eigentlich nicht unbedingt abgeneigt, ihre Einladung anzunehmen. Bis ich bemerkte, dass das Stadtfest, zu dem sie mich mitschleppen wollte, in einem Ort knapp 25km entfernt stattfand. Normalerweise hatte ich immer die Möglichkeit gehabt, einfach wieder nach Hause zu gehen, wenn sie mich stehen gelassen hatte. Das wäre in diesem Fall nicht möglich gewesen. Also sagte ich ab. Doch sie ließ nicht locker. Immer wieder und wieder fragte sie mich und wollte unbedingt, dass ich sie begleite. Schließlich sagte ich zu und legte mir im Hinterkopf ungefähr ein dutzend plausibler last-minute-Ausreden zurecht, um mich doch noch drücken zu können. Dass ich keine von diesen brauchen würde, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Als wir uns dann letzten Freitag nach meinem Feierabend zum Mittagsessen trafen, um ein bisschen zu quatschen, kam dann alles anders als ich erwartet hätte. Wir hatten uns seit gut einem Jahr nicht mehr gesehen, von daher wusste sie nicht, dass ich in der Zwischenzeit gut 25kg Gewicht verloren hatte und auch ein paar andere optische Hindernisse an mir hatte ich einigermaßen in den Griff bekommen. Vom ersten Moment an, spürte ich, dass ihr das nicht gefiel. Von ihrer normalerweise überschwänglichen Begrüßung mit links-Bussi, rechts-Bussi, einem offen geheuchelten „Gut siehst du aus!“ blieb dieses Mal nur ein ungläubiger Blick, der über meinen ganzen Körper ging und ein vorwurfsvolles „Hast du abgenommen?“ übrig.

Sie sah wie immer fantastisch aus. Ihr Körper eine Waffe, die sie gezielt einzusetzen weiß. Doch man merkt, dass wir mittlerweile beide auf die 30 zugehen und dass sie in den letzten zehn Jahren schlicht zu häufig im Solarium war und zu viele Nächte durchgefeiert hat. Unser Gespräch verlief äußerst unterkühlt. Ich bemühte mich redlich, die Unterhaltung am Laufen zu halten. Fragte nach ihrem neuen Job, wie es ihr ging, was sie sonst so trieb, was sie mal wieder in die alte Heimat verschlug. Doch es funktionierte nicht. Und das sagte sie mir auch ganz unverhohlen ins Gesicht.

„Du hast dich ganz schön verändert. Gefällt mir gar nicht so gut, bisschen runder hast du viel netter und bodenständiger gewirkt.“ Es ärgerte mich. Sie war immer noch diejenige, um die alle Männer schwirrten wie die Motten ums Licht. Doch dass meine neue Optik sie ärgerte und sie mich vielleicht ein kleines bisschen als Konkurrenz anerkannte, schmeichelte mir ein wenig. Obwohl ich auf die Typen, die sie normalerweise abschleppte, schon immer gut verzichten konnte und wir uns männertechnisch niemals in die Quere kommen würden. D. hatte mich an diesem Tag aber zu ihrer Altlasten-Kartei gefügt und setzte alles daran, mich das spüren zu lassen

„Irgendwie kommen wir beide nicht mehr so richtig klar, ne?“ Als ich sie fragte, was sie damit meinte, winkte sie nur ab und faselte etwas von zu unterschiedlichen Interessen (wir hatten noch nie irgendetwas gemeinsam gehabt) und dass sie lieber alleine fahren würde. Sie hätte eh ein paar Freunde dort, die sie treffen wolle und da würde ich mich bestimmt nicht so wohl fühlen. Nicht, dass sie das jemals davon abgehalten hätte, mich trotzdem mitzuschleppen, nahm ich ihr das nicht einmal besonders übel. Dann sagte sie aber einen Satz, der mich seitdem beschäftigt.

„Du bist ja kein besonderer Menschen-Mensch.“

Nach ein bisschen weiterem Geplänkel hatte D. mich dann direkt ausgeladen und noch die ein oder andere Spitze zu meiner (im Vergleich zu ihrer) noch immer unzulänglichen Optik losgelassen. Als ich wieder zu Hause war, musste ich das alles erst einmal sacken lassen. Und D. aus meinen sozialen Kanälen schmeißen. Ich bin verdammt genügsam, aber beleidigen lasse ich mich auch nicht gerne. Und wenn ich eben nicht in das Bild einer Person falle, mit der mich ohnehin nichts verbindet, dann tangiert mich das auch eher peripher. Ich ziehe dann einfach meine Konsequenzen.

Trotzdem dachte ich über unser Gespräch noch lange nach und deshalb kam ich auch zu diesem Text, den ihr jetzt hier lest.

Ich bin kein Menschen-Mensch.

Ich weiß selbst nicht genau, wieso mich das so getroffen hat, denn es stimmt tatsächlich. Ich tue mich schwer damit, neue Bekanntschaften oder gar Freundschaften zu schließen. Und ich mache auch keinen Hehl daraus, dass mir der Kontakt zu und mit anderen oft nicht leicht fällt. Mich beschäftigen selten dieselben Themen wie andere, weshalb es schwer für mich ist, Gespräche aufrecht zu halten, wenn andere meine Assoziationen und Gedankensprünge nicht nachvollziehen können. Ich bin auch nicht besonders amüsant, was bei ungezwungenen Veranstaltungen dazu führt, dass meine witzig-ironisch gemeinten Kommentare eher Gesprächskiller sind. Darum schweige ich auf Partys lieber und höre zu.

Ich habe nicht D.s Talent, andere einfach mitzunehmen und für mich zu begeistern. Doch nach meinem Gespräch mit ihr, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass mein Problem nicht die Menschen allgemein sind, sondern die falschen Menschen.

Es ist nicht so, dass ich Menschen per se nicht mag. Im Gegenteil, ich finde Menschen sogar sehr faszinierend. Jeder hat seine eigene Geschichte, eigene Beweggründe für sein Handeln. Mit Sicherheit haben D. und ihre Party-Kumpel auch ihre eigenen Hintergründe für ihr Handeln, aber ich kann mich mit diesen Menschen nicht unterhalten. Ich kann nicht tanzen und saufen bis zum Morgen und die ganze Nacht Schlagerhits mitgröhlen. Diese Menschen halten mich für langweilig, aber das ist in Ordnung, ich halte sie ja auch für langweilig. Wenn das Desinteresse auf Gegenseitigkeit beruht, ist es doch eigentlich kein Problem, oder?

Dabei kümmert es mich natürlich trotz allem, was andere Leute über mich denken. Nicht auf die Art, dass ich möglichst auf alle Menschen einen guten Eindruck machen möchte. Für mich ist es nicht wichtig, ob andere mich mögen oder mich toll finden. Aber ich habe ein starkes Bedürfnis danach, anderen Menschen ein gutes Gefühl zu geben, ihre Welt ein kleines bisschen lichter zu machen manchmal.

Dabei kommt es mir nicht darauf an, dass man sich tatsächlich an mich erinnert oder mir innerlich dafür dankt, dass ich so ein netter Mensch bin. Um Gottes Willen, bloß nicht. Das wäre mir wirklich sehr unangenehm. Aber ich freue mich zum Beispiel, wenn ich andere Menschen zum Lächeln bringe oder ihnen einen positiveren Blick auf sich selbst mitgeben kann. Wenn mir Menschen sympathisch sind, ist dieses Bedürfnis, sie lächeln zu sehen, natürlich ungleich höher.

Zum Beispiel bei Herrn S., einem älteren Herren in unserer Nachbarschaft der vor einigen Monaten seine Frau nach langer schwerer Krankheit verloren hat. Wenn ich ihm begegne, dann unterhalten wir uns immer ein bisschen. Er ist Anfang 70, recht mitteilsam und ein bisschen schrullig, wenn man andere Bewohner hier fragt. Aber ich höre ihm gerne zu, er ist ein netter Mensch, einfach und bodenständig, mit einem wundervoll skurrilen Blick auf das Leben. Und wenn er sich dann entschuldigt, weil er mich zu lange aufgehalten hat und er mich anlächelt, wenn ich sage, dass ich mich immer gern mit ihm unterhalte (was stimmt), dann frage ich mich, ob er sich ehrlich darüber freut.

Ich glaube, ich war schon immer besser darin, in anderen Menschen das Schöne und Interessante zu sehen, als in mir selbst. Ich halte mich selbst nicht für einen besonderen Menschen, ich habe keine herausragenden Talente oder viel Bewegendes zu erzählen (mich würde es wundern, wenn überhaupt jemand bis hier hin noch mitliest). Vielleicht beobachte ich andere deswegen so gerne, dann kann ich wenigstens über sie erzählen. Das kommt mit der Autoren-Tätigkeit auch einfach ein bisschen dazu. Menschen beobachten, sich Gedanken über sie machen und erzählen.

Manchmal muss ich noch an R. denken. Er wohnte damals mit seiner Frau und seiner jüngsten Tochter in der Wohnung über meinen Eltern und mir. Zum ersten Mal fielen mir seine Blicke auf, in dem Sommer bevor ich 16 wurde. Das mag für viele jetzt absonderlich, vielleicht sogar verwerflich sein, aber er war kein schlechter Mensch. Ich denke heute, ich war für ihn eine Fantasie, die ihn aus einer Ehe gedanklich ausbrechen ließ, die festgefahren war. In dem Altbau, in dem wir wohnten, konnte ich sie abends oft streiten hören. Wobei „anschreien“ vielleicht das bessere Wort wäre. Nach außen waren sie jedoch ein harmonisches Ehepaar, ganz ruhig und umsichtig.

In unserer Hausgemeinschaft wurde regelmäßig zusammen gefeiert, weshalb ich irgendwann bemerkte, welche Spitzen seine Frau auch in Gesellschaft auf ihn warf. Mit der Zeit wurden seine Blicke merklich häufiger, ja, sehnsüchtiger. Es schmeichelte mir, dass sich dieser erwachsene, gestandene, nicht unattraktive Mann für mich interessierte. Und ich bin nicht stolz darauf, aber irgendwann begann ich, mit ihm zu spielen. Ich wischte in knappen Shorts die Treppe, wenn ich wusste, dass er an mir vorbeigehen würde oder stellte mich oben ohne vor das Badezimmerfenster, wenn er unten im Hof stand. Auf Feiern setzte ich mich ihm gegenüber, sodass er mich ansehen musste – und ich mit meinen Füßen an seinen Beinen hinaufstreichen konnte. Manchmal auch in gefährliche Höhen, meine Augen immer auf seinen.

Es war, nachdem ich bei meinen Eltern ausgezogen war, als ich für die jährliche Silvesterfeier zurückkam und es ein wenig eskalierte. Ich war mittlerweile 19 und hatte ihn quasi 4 quälend lange Jahre becirct. So auch an diesem Abend.

Irgendwann waren wir allein und küssten uns heftig. Er hatte zu viel getrunken und lag in meinen Armen, berührte sehnsüchtig meinen ganzen Körper, als hätte er noch nie einen anderen Menschen gespürt. Er flehte mich an, ihn zu nehmen. Ich wollte es. Und tat es nicht. Stattdessen hielt ich ihn fest an mich gedrückt, strich ihm sanft über den Rücken und redete ihm gut zu. Ich fragte ihn, ob er seine Frau liebte. Nach einer Weile bejahte er es und ich schickte ihn zu ihr nach Hause. Es klingt wie ein Klischee, aber es war die absolut richtige Entscheidung. Sie sind nach wie vor verheiratet, mittlerweile sogar Großeltern und – wie er mir letztes Silvester erzählte – sehr glücklich miteinander. Er denkt trotzdem manchmal noch an mich, sagt er. Ich weiß nicht, ob es stimmt, aber ich freue mich ehrlich für ihn, dass er und seine Frau sich wieder zusammen gerauft haben. Und ich freue mich, dass diese ganze Geschichte offenbar auch etwas Positives für ihn hatte. Er ist selbstbewusster und strahlt damit noch mehr Attraktivität aus, auch wenn er die 50 weit überschritten hat in der Zwischenzeit.

Ich sehe Attraktivität anders als viele andere Menschen, schätze ich. Und ich habe auch einen anderen Blick auf Sex, wenn ich ehrlich bin. Für mich war es immer leicht, Gefühle wie Liebe und sexuelle Anziehungskraft voneinander zu trennen. Sex war für mich immer eine Erweiterung des Kennenlernens. Man kann viel in einem anderen sehen, wenn man mit ihm schläft. Damit meine ich nicht den nackten Körper. Wenn man einen Menschen langsam kennen lernt, mit ihm spricht, ihn beobachtet, Dinge über ihn und seine Vergangenheit erfährt, dann lernt man viele Facetten von ihm kennen. Ein Teil davon sind Masken. Wenn man jemanden ein Stück weit kennengelernt hat und dann mit ihm Sex hat – nicht einfach nur so, sondern intensiv und mit einer gewissen Leidenschaft und Öffnung seiner selbst – dann kann man manchmal hinter die Masken sehen und bekommt einen intimeren Blick auf den Menschen dahinter. Wenn man das möchte und wenn man sich darauf einlässt. Das kann eine sehr schöne Erfahrung sein.

Wenn ich an T. denke, dann stelle ich mir manchmal vor, wie ich hinter seine Fassade blicke. Wir verbringen zwangsläufig viel Zeit miteinander. Das ist in Ordnung, er ist ein Mensch, mit dem man klarkommt, wenn man sich auf ihn einlässt. Was vielen offenbar schwer fällt. Er redet viel und ist recht laut, aber das mag ich. Dadurch fiel es mir leichter, mit ihm warm zu werden. Ich musste mir keine Gesprächsthemen ausdenken, er redete einfach drauflos und begnügte sich damit, wenn ich verhalten antwortete und ansonsten eher schwieg. Ich merkte, als er testen wollte, ob ich ein Klatschweib bin (bin ich nicht, was man mir im Vertrauen erzählt, behalte ich für mich) und wo Themen liegen, bei denen wir komplett konträrer Auffassung sind und die man für die Zukunft lieber meiden sollte.

Mit der Zeit taute ich auf, was nicht schwer fiel, denn es ist einfach mit T. zu sprechen. Er verurteilt einen nicht, wenn man seltsame Gedanken ausspricht. Vielleicht, weil auch er manchmal seltsame Gedanken hat? Oder weil er nur halb zuhört, wenn man mit ihm spricht, wer weiß das schon. Es ist auch nicht unangenehm mit ihm zu schweigen, was seltsam ist, denn die Abwesenheit von Worten kann manchmal belastender sein als das Aussprechen von unangenehmen Dingen. Allmählich lerne ich ihn kennen und stelle doch immer wieder fest, dass es Mauern gibt, die er bewusst oder unbewusst setzt. Auch das ist in Ordnung für mich. Doch dann erzählt er plötzlich wieder Dinge, die mich völlig aus der Bahn werfen, wo ich gerne einhaken, nachfragen würde und es mich dann doch nicht traue.

Ich merke mittlerweile, wenn er nicht reden möchte und ich schweige. Oder wenn er von seinem Gedankenchaos einfach nur einen Teil loswerden möchte, dann sprudeln die Worte nur so aus ihm heraus und ich höre einfach zu. Manchmal denke ich, er braucht etwas Zerstreuung und ich versuche, ihn zum Lachen zu bringen. Er hat ein bellendes Lachen, wenn er Selbstsicherheit ausstrahlen möchte, aber wenn ihn etwas wirklich freut, dann lächelt er ganz still, fast verstohlen in sich hinein. Ich sehe dieses Lächeln gern, weil es ehrlich ist und schön. Doch bei aller Offenheit und lockerem Umgang, wer weiß schon, ob der andere das auch so sieht?

Wenn Menschen mehr sind als Fremde, auch mehr als bloße Bekannte, sind sie damit trotzdem nicht zwangsläufig Freunde. Ich tue mich schwer damit, diese Grenzen von relativer Nähe und Distanz auszumachen. Ab wann kann man von sich aus den anderen etwas Privates fragen, ohne zu aufdringlich oder neugierig zu wirken? Ich möchte keine Last sein oder andere in Bedrängnis bringen. Dann schweige ich wieder. Bei T. merke ich das ganz besonders, einfach weil wir uns oft sehen und weil er mir so viel erzählt hat. Und eben auch Dinge, die mich aus der Bahn werfen. Wenn ich mir dann Sorgen mache, winkt er ab. Meine Sorge macht das nicht kleiner, aber ich frage nicht mehr nach, weil ich mich nicht aufdrängen mag. Dann bleibe ich mit meinen Gedanken lieber für mich und frage mich einmal mehr, was hinter seinen Masken steckt. Ich hätte gern eine Situation, in der er sie fallen lässt. Und ich frage mich manchmal, ob er sie fallen lassen würde für mich? Wohl eher nicht.

Es sind die Menschen, die ich mag und die mir sympathisch sind, an denen ich merke, dass ich eben doch ein „Menschen-Mensch“ bin, nur eben anders als andere. Ein wenig begrenzter vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Ich möchte mein Gegenüber nicht nur oberflächlich kennen, sondern tiefer in sein Wesen blicken. Es mag egoistisch klingen, aber die Hoffnung, dass es Menschen gibt, die mit einem Lächeln an mich denken, macht mich ein bisschen glücklich. Ich möchte Menschen gern berühren. Mit meinen Geschichten zum Beispiel. Oder damit, dass ich ihnen zuhöre, wenn sie das Bedürfnis haben, zu erzählen, wie bei Herrn S. Oder dass ich ihnen zeige, dass sie attraktiv sind und daraus ein wenig Selbstvertrauen schöpfen können, wie bei R. Oder dass ich einfach versuche, sie zu verstehen, wenn andere sich diese Mühe nicht machen wollen, wie bei T.

Ich bin kein guter Mensch, nicht selbstlos oder edel. Menschen strengen mich an, das gebe ich zu. Aber aus den richtigen Menschen kann ich viel Kraft schöpfen. Deswegen denke ich, dass D. Unrecht hat. Ich bin ein Menschen-Mensch.

Aus den Gedanken gerissen #1

Ab und an habe ich kleine Szenen im Kopf, die zu keiner Geschichte passen und daher auch nirgends zugehörig sind. Ich entscheide mich nun immer öfter dazu, diese einfach aufzuschreiben. Auch wenn sie so beliebig sind. Vielleicht gefällt ja das ein oder andere.

 
„Hör mir zu.“ Seine raue Hand umklammerte meinen Arm. Ich versuchte, mich loszureißen, aber auch jetzt noch hatte er mehr Kraft als ich. „Ich bitte dich. Hör mir zu.“ Es hatte keinen Sinn, mich weiter zu wehren, doch ich wollte nicht hören, was er mir zu sagen hatte. Nicht jetzt. Nicht so. Seine Hände berührten meine Schulterblätter. Sanft. Ich konnte seinen Atem hören. Er war mir näher als jemals zuvor. Meine Kehle schnürte sich zu, doch ich zwang meine Stimme fest und klar zu klingen.

„Egal, was du mir zu sagen hast, kannst du mir auch morgen Abend sagen.“

Er schwieg. Eine Ewigkeit, so kam es mir vor. Er streichelte meine Schultern. Ich konnte seinen Blick erahnen, ohne ihn zu sehen. Die Augenlider niedergeschlagen, ein Lächeln um die Lippen, halb traurig, halb amüsiert.

„Ich will es dir jetzt sagen“, sagte er leise. Erlaubte seiner Stimme das unsichere Zittern, welches ich meiner versagt hatte. „Vielleicht gibt es kein Morgen für mich.“

„Sag das nicht. Es wird gut gehen.“ Es war die blinde Verzweiflung, die so stoisch aus mir sprach. Er wusste das. Der Griff um meine Schultern wurde fester, zwang mich, mich ihm zuzuwenden. Ich konnte die Angst aus meiner Stimme verbannen, doch meine Augen konnten die Lüge nicht vor ihm verbergen.

„Die Ärzte geben mir eine 50 zu 50-Chance, dass die OP gut verläuft. Es kann so viel passieren.“ Sein Lächeln. Dieses Lächeln, das mich wahnsinnig machte. Das ehrliche, blanke Lächeln, das er so selten zeigte. Es machte mir noch mehr Angst. Auch mein energisches Kopfschütteln konnte meine Tränen nicht mehr zurück halten. Ich konnte seine Finger auf meinen Wangen spüren, seine Stirn an meiner.

„Es tut mir so leid“, hauchte er mir entgegen.

„Nein, hör auf, ich will es nicht hören.“ Ich wollte ihn wegstoßen und krallte mich doch fester an ihn. An ihn, den großen Mann, den Fels, der immer Halt versprach und nun in seinen Grundfesten erschüttert hier vor mir stand. Irgendwo zwischen Leben und Tod.

„Es tut mir Leid. Ich liebe dich, weißt du?“

„Lass das, bitte.“

„Ich liebe dich.“

„Hör auf.“

„Nein, ich muss es dir sagen. Ich will es dir sagen, so oft ich noch kann.“ Er zwang mich, ihn anzusehen, seinem flehenden Blick standzuhalten. „Ich liebe dich.“

„Hör gefälligst auf, dich zu verabschieden.“ Ich schrie ihn beinahe an, warf mich ihm entgegen und schluchzte hemmungslos gegen seine Brust. „Hör auf, dich zu verabschieden …“

Eine Weile standen wir so da. Ich versteckte mein verheultes Gesicht in seinem Shirt, er seines in meinem Haar. Ich fühlte, wie wir beide zerbrachen.

„Ich liebe dich auch.“ Meine Stimme war noch belegt, als ich an der Tür stand und zu ihm zurückblickte. Er wirkte so fehl am Platz auf diesem kahlen Krankenhausbett, doch er strahlte inmitten der Scherben, die gerade noch sein Leben waren. Und ich stand plötzlich mitten drin. Aber nein, nicht plötzlich. Langsam hatten sich unsere Leben verbunden. Wir hätten es beinahe nicht bemerkt. Bis jetzt. Meine Lippen legten sich auf seine. Ich weiß nicht, wieso ich noch einmal in seine Arme zurückgefallen war, in seinen Scherben tanzte. Ich wollte es nicht nach Abschied aussehen lassen, doch wenn es einer sein würde, wollte ich ihn unvergesslich machen. Wollte nichts bereuen. Als wir uns voneinander lösten, trafen sich unsere Blicke noch einmal und verloren sich ins Unendliche.

„Bis morgen“, flüsterte ich und strich ihm über die Wange.

„Bis morgen“, flüsterte er, warf sich ins Ungewisse und entließ mich in die Zeit. Ins Morgen.