Ein Hoch auf die Sue!

Nein, der Titel ist kein Sarkasmus, ihr lest richtig. Im Gegensatz zu den meisten anderen Bloggern und Autoren, die sich mit dem Thema beschäftigten, möchte ich heute ein Lobeslied auf die Mary Sue singen. Und bevor ich gesteinigt werde, möchte ich erklären, wieso ich der Meinung bin, dass die Mary Sue besser ist als ihr Ruf.

Was ist die Mary Sue?

Nicht jeder kann etwas mit diesem Begriff anfangen, deshalb eine kurze Erklärung vorneweg. Die Mary Sue ist in Kreisen von Hobbyautoren (vornehmlich aus dem Fanfiction-Bereich) die Synthese von Perfektion und Schrecken. Sie ist der Charakter, den alle lieben. Sie ist schön und klug, macht selbst die finstersten Antagonisten wieder zu menschlichen Wesen, mit einer wunderschönen Singstimme, selbstgeschriebenen Gedichten und gottgegebenem Talent in allen Dingen. Ohne Fehl und Tadel schwebt sie als Überheldin durch die Geschichten. Ihre einzigen Schwächen sind eine geradezu niedliche Tollpatschigkeit, ein zu großes Herz und ein gar zu besonders-bildhübsches Äußeres (das meist auf besondere Eigenschaften oder eine edle Herkunft deutet).

Kurz: Die Mary Sue ist der Inbegriff der vollkommenen Charakterlosigkeit. Sie ist zu schön, zu besonders, zu gut. Sie ist einfach unrealistisch.

Und nicht nur weibliche Charaktere sind davon betroffen. Das männliche Pendant ist Gary Stu, dem jede Frau zu Füßen liegt und der auch aus der ausweglosesten Situation zu entkommen weiß.

Das klingt alles furchtbar langweilig. Und meist ist es das auch. Mary Sues erkennt man oft schon am Namen und am Äußeren ganz am Anfang einer Geschichte. In den ersten Seiten wird sie in gähnender Inhaltslosigkeit vorgestellt, wie sie vor dem Spiegel steht und ihr gar „unbesonderes“ Dasein beschreibt. Mit Haaren, das in sanften Wellen über ihre schmalen Schultern fließt wie ein Bach aus Milch und Honig, smaragdgrünen Augen, die ihre Farbe je nach Stimmung in einen tiefen Bernsteinton ändern können und einem feinen Gesicht, das selbst die Feenkönigin Titania wie eine alte Vettel erscheinen lässt.

Okay, okay … ich höre schon auf. Ebenso wie die meisten Geschichten, in denen diese Art von Charakter vorkommt, werden meine Beschreibungen nicht besser, sondern nur noch unrealistischer und kitschiger.

Wie kann man also ein Lobeslied auf eine solche Ausgeburt der Charakter-Klischee-Hölle singen wollen?

Die Begründung ist ganz einfach: Weil es gut tut, eine Mary zu schreiben!

Ja, ihr habt richtig gehört. Es tut gut. Und derjenige, der noch nie dabei war, eine Mary in seine Geschichte zu schreiben, werfe den ersten Stein.

Meist ist die Mary in Fanfictions von Teenagern zu finden, die sich selbst in einer perfekten Fassade mit ihrem Lieblingscharakter verkuppeln. Es sind Dinge, die niemals passieren werden und wir wissen das alle. Auch die Teenager wissen das. Aber ja, auch ich habe so mit dem Schreiben angefangen. Ich habe mich in das Harry Potter-Universum geschrieben in der Art, wie ich gerne sein wollte. Schön, tough, intelligent, besonders. Und es hat mir geholfen, diese Fantasien zu Papier zu bringen. Es hat meinem 14-Jährigen Ich Spaß gemacht und darum ging es mir.

Nichts anderes soll die Mary Sue bringen: Spaß am Schreiben.

Und ab und zu erschaffe ich noch immer Mary Sues, da bin ich ganz ehrlich. Wenn ich eine stressige Woche auf der Arbeit hatte und mies drauf bin, spinne ich mir im Kopf Geschichten zurecht, in denen ein perfektes Ich bestimmte Situationen durchläuft und es entspannt mich ungemein. Heute würde ich diese Geschichten auf keinen Fall zu Papier mehr bringen. Die Energie, die ich dafür aufwenden müsste, stecke ich lieber in meine richtigen Projekte. Und ich muss diese Geschichten auch nicht noch einmal lesen (und schon gar nicht anderen zugänglich machen, oh Gott, diese Peinlichkeit!).

Also breche ich heute eine Lanze für die Mary Sue, denn wir brauchen sie. Als Maßstab, wie ein tiefgründiger Charakter NICHT aussehen sollte. Aber auch für unser eigenes Wohlbefinden, für das Ausleben manch privater Fantasie, auch wenn die niemand anders erfahren wird. Als die strahlende Schönheit, der alle Männer erliegen, an Tagen, in denen wir uns fühlen, wie der Blob. Als Gary Stu, der uns als strahlender Ritter aus jeder noch so undenkbar aussichtslosen Lage befreit (ja, ich gucke euch an Kirk und MacGywer und wie ihr Helden alle hießt). Und als Dark Mary, wenn wir jemandem alles erdenklich schlechte, übelste und grausamste antun möchten, was uns im Kopf herumspukt.

Danke Mary, dafür, dass du dich immer für jeden noch so furchtbar dämlichen, unrealistischen Bockmist hergibst und dabei nichts von deiner strahlenden Schönheit verlierst!

Vielen Dank für all die wunderbaren, schrecklichen und hochpeinlichen Momente, von denen niemand jemals etwas wissen sollte.

Danke Mary!

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Hauptsache Bohème

Wenn ich bei meiner Großtante Frida zu Besuch bin, weiß ich, dass sich unsere Gespräche irgendwann um das Thema Literatur drehen. Tante Frida hat ein ganzes Zimmer, das an allen Wänden bis hoch zur Decke mit Regalen ausstaffiert ist. Und diese sind vollgestopft mit Büchern verschiedenster Art. Von Marx und Engels über Thomas Mann und Günther Grass bis Rosamunde Pilcher ist fast alles vertreten, was ihr und ihrem Mann in den vergangenen Jahrzehnten lesens- oder wenigstens besitzenswert erschien. Da sich bei meinen Großeltern und meinen Eltern ähnlich große Ansammlungen an Büchern befinden, wuchs ich also im Paradies bibliophiler Menschen auf. Aber nur mit meiner Tante Frida kann ich mich so schön über Bücher und Literatur allgemein unterhalten und streiten.

Zum Beispiel, wenn ich ihr früher vorgeworfen habe, nie eines ihrer Bücher von Edgar Allen Poe auch nur angefasst zu haben, sich dafür aber beim Rewe um die Ecke wieder einen dieser unsäglichen Groschenromane gekauft hatte. Ich zitierte ihr „Der Rabe“, den ich mit 16 auswendig konnte, und sie hörte mir geduldig bis zum Ende zu. Dann schüttelte sie lächelnd den Kopf, sagte „Mit so’m Schauerzeuchs kann ick nix anfang’“ und widmete sich wieder ihrem Schmöker. Dann saß ich da und fragte mich, ob sie überhaupt verstanden hatte, was ich ihr da vorgetragen hatte. Es war Poe, es war „Der Rabe“. Die Sehnsucht, die Trauer, der sich anschleichende Wahnsinn. Ich war hingerissen. Sie ebenfalls. Von einem Heftchen mit einem Titel wie „Der Prinz und die Pferdewirtin“ oder ähnlichem. Und dieses Bild wollte einfach nicht konform gehen, mit den Diskussionen über Heinrich Böll, Shakespeare oder Frank Wedekind, in denen wir uns stundenlang verstricken konnten. Denn nein, sie las nicht nur solche Groschenromane. Früher einmal, hatte sie alles gelesen, was heute Rang und Namen hat. Schon als Mädchen hatte sie Faust verschlungen, Lady Macbeth hassen gelernt und ihr erster Schwarm war ausgerechnet Günther Grass. Heute mag sie seichte Geschichten, in denen nichts Unvorhergesehenes passiert. Deshalb mag sie die Groschenromane lesen.

Ich lese keine Groschenromane. Ich lese generell selten das, was man gemeinhin unter Unterhaltungsliteratur versteht. Die Liebesromane in ihren gerade modernen himmelblauen Covern, die zahlreich in der Auslage der Buchläden gestapelt sind. Meist sind es nur ein paar wenige Autor*innen, die diese Titel im Akkord produzieren, mit den immer gleichen Rahmenhandlungen, Figurenkonstellationen und Enden. Bei der einen traurig, bei der nächsten witzig und bei der letzten pornös. Mir fehlt bei diesen Büchern der Anspruch. Der Tiefgang. Tante Frida lacht und fragt mich, was das für mich bedeutet und ich denke nach.

Was genau macht anspruchsvolle Literatur eigentlich aus? Der Blog Buchrevier beschäftigte sich mit diesem Thema vor einiger Zeit und ich musste lange über den Artikel nachdenken. Denn obwohl ich viele der darin vertretenen Auffassungen genauso sehe, gibt es einige Standpunkte, denen ich nicht folgen kann. Vor allem was Sinn und Notwendigkeit einer Handlung betrifft. Buchrevier schreibt, der Plot sei nicht wichtig. Dass gute Literatur nicht zwingend einen Plot brauche, eine ausgiebige Handlung sogar den Tiefgang einer Geschichte quasi eliminiere. Ich kann mir denken, welche Art von Geschichten der Artikel damit zur Seite stellen möchte. Jene Geschichten, die eine einfache Handlung erzählend wiedergeben mit mehr oder weniger schmückenden Worten, ohne Abzweigung, von A bis Z. Doch ist das Gegenteil dieser Geschichten tatsächlich jener Tiefgang und Anspruch, den ich mir von Geschichten wünsche? Oder sind es nicht jene Romane, die in der besten Bloggermanier zusammenhanglose Alltagssituationen zugrunde haben und diese dann mit pseudophilosophischem Geseiere auf 250 Seiten aufplustern? Ist das dann Tiefgang? Ist das dann ein gutes Buch? Mir persönlich sagen solche Romane, in denen sich eine Version des Autors als literarisches Ich über die Belanglosigkeiten seines Lebens in ausgeschmückten halbpoetischen Wortschwallen auslässt, genauso wenig zu, wie die eindimensionalen Liebesschnulzen. Denn wirklichen Tiefgang, wirkliche Intelligenz, wirkliche Nachhaltigkeit lassen solche Bücher genauso vermissen. Man mag seine Gedanken die ersten 50 Seiten schweifen lassen, man mag philosophieren, sich mit dem Protagonisten kurzfristig identifizieren, wie er in der ewigen Gleichgültigkeit vor sich hinschwimmt. Aber bleiben diese Gedanken bestehen? Wenn ich heute über Frank Wedekinds „Lulu“ oder Heinrich Bölls Geschichtensammlung „Wo warst du Adam?“ nachdenke, dann kommen in mir Gedanken und Gefühle hoch, dann kann ich mich nicht an einzelne schöne Sätze, aber an die Gesamtheit der Handlung erinnern. An Momente aus den Geschichten, die mich beeindruckt oder bewegt haben. Zum Beispiel als Lulu ihren Dr. Schön dazu bringt seine Verlobung endgültig aufzulösen und ihm den Brief diktiert, den er schreiben soll und ich spüren konnte, wie er hin- und hergerissen ist zwischen seiner Obzession und seinen gesellschaftlichen Verpflichtungen. Oder als Ilona singt und Filskeit in seinem Rassenwahn sein ganzes Magazin in sie hinein feuert, weil er ihren christlichen Glauben und ihre jüdische Herkunft in seinem Kopf nicht in Einklang bringen kann. Weil es seine Überzeugungen negiert. Ich kann noch heute spüren, wie sein irrationaler Hass mit jeder Note mehr und mehr in Wahnsinn umschlägt. Ich erinnere mich kaum an einzelne Sätze oder Formulierungen, aber an die Handlung und die Gefühle, die sie in mir noch immer auslöst, ohne, dass ich die Bücher in den letzten 5 oder mehr Jahren auch nur aufgeschlagen habe. Es ist hier Handlung, diese ist jedoch nicht eindimensional, billig oder vorhersehbar. Sie projiziert mehr als nur eine Geschichte. Keines dieser „schönen“ Bücher konnte mir das bisher geben, was beispielsweise diese beiden Bücher konnten.

Überhaupt habe ich das Gefühl, dass moderne Literatur, die viel besprochen und gelobt wird, zu sehr darauf bedacht ist, möglichst intelligent zu sein. Darüber tritt auch die Handlung in den Hintergrund. Da wird von 20-Jährigen aus gutem Hause über die Schwere des Lebens lamentiert, verpackt in hübschen Wortgerüsten, die aber nur auf wackeligen Füßen stehen. Aber es ist schick, wenn man wie zufällig über ein polygames Paar schreibt und es ist normal, dass alle Beteiligten dabei in ihren Depressionen zergehen und ihre Therapeuten hassen, denn was wissen die schon? Und es ist schick, sich im Drogenrausch in die Spree zu erbrechen, während einem der 50-Jährige Unternehmer das Koks aus der Arschritze schnupft. Und man empfindet nichts, denn es ist normal, wenn ein 50-Jähriger Koks aus deinem Arsch schnupft und es ist schick, nichts dabei zu empfinden. Weil es wichtiger ist, sich darüber Gedanken zu machen, wann der Bio-Supermarkt um die Ecke am nächsten Tag aufmacht, das ist schick und ganz normal in dieser Generation. Denn jeder darf leben, wie er es für richtig hält, alles wird als normal angesehen, solange man es in schöne Worte verpacken kann, dass es schick wird. Und mit diesen schicken Worten wird diese Normalität auf einen Podest gehoben. Sie wird so krampfhaft normal gemacht, dass man sich fragt, ob der Autor es überhaupt aus der Überzeugung heraus geschrieben hat, dass es normal ist oder ob er es nicht als extraordinär ansieht und nur um bohème zu wirken, soll es normal sein. Und der angebliche Tiefgang ist dann auch nur oberflächlich, denn die Normalität ist so plakativ, dass sie keinen Interpretationsspielraum mehr zulässt. Alles soll politisch einwandfrei und korrekt sein, dass keine wirkliche Auseinandersetzung, Reflexion und Diskussion mehr möglich ist,

Und dann füllen sich die Feuilletons wieder mit Lobeshymnen und unbarmherziger Kritik gleichermaßen. Und alle scheinen sich einig, dass dies die Literatur ist, die man gelesen haben sollte und sei es nur, um sie zu zerreißen und sich gegen die dargestellte Normalität zu stellen, die nicht normal ist.

Und Tante Frida lacht mich aus, weil ich mich darüber aufrege, wenn man mich mit diesen Autor*innen in einen Topf wirft, nur weil wir derselben Generation entstammen. Und ich merke, wie ich mich selbst in diesen Banalitäten verliere, indem ich mich darüber aufrege. Sie erklärt mir, dass ich diese Bücher nicht gut oder gar anspruchsvoll finden muss, aber jeder Mensch legt seine Messlatte eben anders an und jeder Mensch liest anders. Manch einem reichen schöne Worte, um ihn zum nachdenken zu bewegen, manch einer braucht mehr oder gar weniger. Manch einem reicht es schon, sich in einer angenehm seichten Geschichte zu verlieren, deren Ausgang so wunderbar vorhersehbar ist, dass man das Buch mit dem Gefühl abschließen kann, dass es definitiv abgeschlossen ist. Manch einer braucht Stoff, der ihm noch jahrelang Grund zum Grübeln gibt, wo vermutlich nur der Autor selbst weiß, was er mit seinem Werk tatsächlich ausdrücken wollte. Und es ist in Ordnung, dass die Ansprüche an Anspruch nicht einheitlich sind. Denn auch das wäre langweilig. Zum Beispiel hätte ich dann keinen Grund mehr, darüber zu diskutieren, ob oder ob kein Tiefgang in einem Buch versteckt ist.

Wenn Tante Frida heute in der Kaufhalle vor dem Regal mit ihren Groschenromanen steht, lese ich ihr manchmal die Titel vor, denn sie vergisst immer ihre Brille zu Hause. Dann erzählt sie mir, anhand des Titels, was wahrscheinlich in dem Buch passieren wird. Ich erkläre ihr, dass es nicht von literarischer Qualität spricht, wenn die Handlung so vorhersehbar ist. Gute Bücher klingen nach, sagt sie, und auch all diejenigen, die sie gelesen hat damals, klingen noch nach. Doch nun, mit fast 80, fühlt sie sich wohler, wenn sie Dinge einfach beenden kann. Sie lacht mich an und kauft das Buch.