Verzerrte Wahrnehmung

Ich hatte schon immer ein problematisches und stark ambivalentes Verhältnis zu meinem Äußeren. „Schon immer“ ist dabei vermutlich übertrieben, aber zumindest seitdem ich mir meiner Weiblichkeit bewusst war.

Ich wurde als Jugendliche oft von Erwachsenen mit Komplimenten bedacht. Im Gegenzug dazu mobbten mich liebe Mitschüler in eine schwere Depression und eine Essstörung mit Aussagen wie „Fetti“, „hässliche Kuh“, „Sauschlampe“, und und und.

Auch nachdem das Mobbing aufhörte, die Schule vorbei war und ich älter wurde, einen Mann kennenlernte, ein Kind bekam, blieb mir die Schuld und das Unwohlsein, welches ich empfand, wenn ich mich in meiner Haut einfach nur einmal wohlfühlte. Hinzu kommt, dass ich den Blick für mich selbst verloren habe.

Ich kann nicht einschätzen, wie ich aussehe oder wirke. Es fiel mir schwer, die starke Gewichtszunahme während und nach der Schwangerschaft einzuschätzen. Fotos von mir habe ich eh immer gehasst, deswegen meide ich sie von vornherein, wo es nur geht. Durch die Essstörung empfand ich mich darüber hinaus immer als „zu dick“, auch als ich zeitweise nur noch knapp 45kg bei 1,68m Körpergröße gewogen habe. Dass ich bei 86kg tatsächlich körperliche Beschwerden durch das reale Übergewicht bekam, war für mich eher ein Segen. Ich konnte auf etwas vertrauen, was ich nicht erst optisch erkennen musste.

Jetzt wiege ich 59kg und plötzlich bekomme ich Kommentare, dass es „zu wenig“ ist. Ich empfinde das natürlich nicht so und meine alte Essstörung flüstert mir höhnisch zu, dass es hier und da und dort weniger sein könnte. Das Problem, dass ich mich selbst nicht sehen kann, bleibt weiter bestehen und es bezieht sich nicht nur auf meinen Körper, sondern auf alles an mir.

Welche Kleidung mir zB steht, kann ich nicht einschätzen. Dass mir rot mehr steht als gelb, weiß ich nur, weil meine Mutter mir das gesagt hat. Ich gehe sehr selten alleine einkaufen, aus Angst, etwas auszusuchen, was gar nicht zu mir passt. (Und weil ich shoppen gehen hasse, wenn ich ehrlich bin, wie kann man sowas als Hobby haben?)

Wenn ich ein Selfie von mir mache, weil ich denke, dass ich doch eigentlich gar nicht so hässlich bin, ist es dasselbe. Im ersten Moment ist es in Ordnung, doch dann springen mich meine optischen Fehler mit aller Macht an. Die Nase ist zu breit, der Mund schief, die Lippen nicht voll, die Haut unrein, die Kieferknochen zu breit, die Haare wie Stroh und wie gucke ich eigentlich schon wieder? Und ich fühle mich schuldig, weil ich für einen flüchtigen Moment der Arroganz und Eitelkeit dachte, ich sei eigentlich annehmbar, vielleicht sogar sowas wie hübsch. Und dann habe ich den Blick wieder verloren und weiß mich nicht einzuordnen.

Natürlich ist das ein absolutes Luxusproblem. Ich möchte das übrigens auch nicht als ein „fishing for compliments“ verstehen. Ich freue mich über Komplimente (wer nicht?), aber am Ende geben sie mir nicht das Gefühl für mich selbst zurück. Ich kann weiterhin nicht meinen Anblick im Spiegel ertragen oder mich selbst auf Fotos. Und das Bedürfnis, mich zu verstecken, bleibt leider auch bestehen.

CEFD4627-2FB1-48EF-8ED0-1D136063402D.jpeg

Advertisements

Die Wolken im Kopf

Da sind Wolken in meinem Kopf. Manchmal sind sie hell und weich wie Watte. Ich kann durch sie nicht nur das Licht hindurchscheinen sehen, sondern sie verschönern es sogar, machen es heller, weicher, wärmer. Im Moment ist da nur eine dunkle Wolke. Sie ist wie ein Schwamm, der alles aufsaugt, auch das Licht. Vor allem das Licht. Und die Gefühle. Ausgenommen die Verzweiflung. Und sie lässt mich im Dunkel sitzen, allein mit dem Schmerz.

Ich weiß, dass da Licht ist und Wärme und Liebe. Aber ich sehe es nicht. Und ich fühle es nicht.

Da ist nur der nagende Zweifel. Selbstzweifel vor allem, der zu Selbsthass erwächst. Weil ich mal wieder am Leben scheitere und alle um mich herum enttäusche. Weil ich nicht so stark sein kann, wie ich müsste – muss. Ich muss stark sein, aber ich bin schwach und klein.

Und der Selbsthass steigert sich, aber ich muss lächeln, lachen, fröhlich sein und weiter machen, egal wie weit sich die Verzweiflung steigert. Es gibt diesen einen Grund, der mich weiter machen lässt.

Ihm fehlen zwei Schneidezähne und er nennt mich „Mama“.

Bitte lass mich nicht ertrinken …

Kein Menschen-Mensch

Als D. mich fragte, ob ich mit zu einem Stadtfest komme, wusste ich schon, dass ich mich unter allen Umständen da hinaus winden wollte. Es ist nicht so, dass ich D. nicht leiden kann, aber wir sind auch keine Freunde, nicht einmal gute Bekannte. Wir kennen uns schon so lange, dass ich selbst nicht mehr weiß, woher. Sie ist einer dieser Menschen, die man in so einer Kleinstadt eben kennt. Eine Provinz-Schönheit mit einem Wahnsinns-Körper, langen glatten Haaren, bunt-glitzernden Gelnägeln, zu viel Höhensonne, zu viel Make-up und aufgemalten Augenbrauen. Sie umgibt sich gern mit unscheinbaren, nicht hässlichen, aber eher unattraktiven Frauen, neben denen sie strahlen kann. In den letzten Jahren hatte mich dieses Schicksal ereilt. Ich hatte 20 Kilo zu viel auf den Rippen und machte mir mehr Gedanken um mein Kind und meinen Uni-Abschluss als um Haare, Nägel oder Klamotten – und das sah man mir auch an. Ich bin nicht ungepflegt, mit solchen Leute umgibt sich D. nicht, aber praktisch veranlagt und schlicht.

Es kam in den letzten Jahren immer mal wieder vor, dass sie mit mir weggehen wollte. Ich ließ mich manchmal darauf ein, denn es gab mir Zerstreuung in meinem doch manchmal sehr chaotischen und gleichzeitig vollgepackten und straff strukturierten Leben. Am Ende nahm ich es ihr dann auch nur halb übel, wenn sie mich nach ein bis zwei Stunden auf einer Feier allein stehen ließ, um mit irgendwelchen Männern loszuziehen oder sich mit Leuten zu amüsieren, die auf Dorffesten eben für die laute, ausgelassene Stimmung sorgten. Ich war nur dabei, damit sie alle Blicke auf sich ziehen konnte. Das anschließende bittere Gefühl des Verloren seins, kam dennoch immer wieder bei mir auf.

In letzter Zeit hatte ich nicht mehr viel von ihr gehört. Einladungen hatte ich rigoros ausgeschlagen. Zu sehr war ich damit beschäftigt, mich um mein Leben zu kümmern. Solche Dinge trägt D. einem nicht nach, sie fragt einen einfach so lange, bis man irgendwann wieder auf sie eingeht. Als sie mich dieses Mal gefragt hatte, war ich eigentlich nicht unbedingt abgeneigt, ihre Einladung anzunehmen. Bis ich bemerkte, dass das Stadtfest, zu dem sie mich mitschleppen wollte, in einem Ort knapp 25km entfernt stattfand. Normalerweise hatte ich immer die Möglichkeit gehabt, einfach wieder nach Hause zu gehen, wenn sie mich stehen gelassen hatte. Das wäre in diesem Fall nicht möglich gewesen. Also sagte ich ab. Doch sie ließ nicht locker. Immer wieder und wieder fragte sie mich und wollte unbedingt, dass ich sie begleite. Schließlich sagte ich zu und legte mir im Hinterkopf ungefähr ein dutzend plausibler last-minute-Ausreden zurecht, um mich doch noch drücken zu können. Dass ich keine von diesen brauchen würde, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Als wir uns dann letzten Freitag nach meinem Feierabend zum Mittagsessen trafen, um ein bisschen zu quatschen, kam dann alles anders als ich erwartet hätte. Wir hatten uns seit gut einem Jahr nicht mehr gesehen, von daher wusste sie nicht, dass ich in der Zwischenzeit gut 25kg Gewicht verloren hatte und auch ein paar andere optische Hindernisse an mir hatte ich einigermaßen in den Griff bekommen. Vom ersten Moment an, spürte ich, dass ihr das nicht gefiel. Von ihrer normalerweise überschwänglichen Begrüßung mit links-Bussi, rechts-Bussi, einem offen geheuchelten „Gut siehst du aus!“ blieb dieses Mal nur ein ungläubiger Blick, der über meinen ganzen Körper ging und ein vorwurfsvolles „Hast du abgenommen?“ übrig.

Sie sah wie immer fantastisch aus. Ihr Körper eine Waffe, die sie gezielt einzusetzen weiß. Doch man merkt, dass wir mittlerweile beide auf die 30 zugehen und dass sie in den letzten zehn Jahren schlicht zu häufig im Solarium war und zu viele Nächte durchgefeiert hat. Unser Gespräch verlief äußerst unterkühlt. Ich bemühte mich redlich, die Unterhaltung am Laufen zu halten. Fragte nach ihrem neuen Job, wie es ihr ging, was sie sonst so trieb, was sie mal wieder in die alte Heimat verschlug. Doch es funktionierte nicht. Und das sagte sie mir auch ganz unverhohlen ins Gesicht.

„Du hast dich ganz schön verändert. Gefällt mir gar nicht so gut, bisschen runder hast du viel netter und bodenständiger gewirkt.“ Es ärgerte mich. Sie war immer noch diejenige, um die alle Männer schwirrten wie die Motten ums Licht. Doch dass meine neue Optik sie ärgerte und sie mich vielleicht ein kleines bisschen als Konkurrenz anerkannte, schmeichelte mir ein wenig. Obwohl ich auf die Typen, die sie normalerweise abschleppte, schon immer gut verzichten konnte und wir uns männertechnisch niemals in die Quere kommen würden. D. hatte mich an diesem Tag aber zu ihrer Altlasten-Kartei gefügt und setzte alles daran, mich das spüren zu lassen

„Irgendwie kommen wir beide nicht mehr so richtig klar, ne?“ Als ich sie fragte, was sie damit meinte, winkte sie nur ab und faselte etwas von zu unterschiedlichen Interessen (wir hatten noch nie irgendetwas gemeinsam gehabt) und dass sie lieber alleine fahren würde. Sie hätte eh ein paar Freunde dort, die sie treffen wolle und da würde ich mich bestimmt nicht so wohl fühlen. Nicht, dass sie das jemals davon abgehalten hätte, mich trotzdem mitzuschleppen, nahm ich ihr das nicht einmal besonders übel. Dann sagte sie aber einen Satz, der mich seitdem beschäftigt.

„Du bist ja kein besonderer Menschen-Mensch.“

Nach ein bisschen weiterem Geplänkel hatte D. mich dann direkt ausgeladen und noch die ein oder andere Spitze zu meiner (im Vergleich zu ihrer) noch immer unzulänglichen Optik losgelassen. Als ich wieder zu Hause war, musste ich das alles erst einmal sacken lassen. Und D. aus meinen sozialen Kanälen schmeißen. Ich bin verdammt genügsam, aber beleidigen lasse ich mich auch nicht gerne. Und wenn ich eben nicht in das Bild einer Person falle, mit der mich ohnehin nichts verbindet, dann tangiert mich das auch eher peripher. Ich ziehe dann einfach meine Konsequenzen.

Trotzdem dachte ich über unser Gespräch noch lange nach und deshalb kam ich auch zu diesem Text, den ihr jetzt hier lest.

Ich bin kein Menschen-Mensch.

Ich weiß selbst nicht genau, wieso mich das so getroffen hat, denn es stimmt tatsächlich. Ich tue mich schwer damit, neue Bekanntschaften oder gar Freundschaften zu schließen. Und ich mache auch keinen Hehl daraus, dass mir der Kontakt zu und mit anderen oft nicht leicht fällt. Mich beschäftigen selten dieselben Themen wie andere, weshalb es schwer für mich ist, Gespräche aufrecht zu halten, wenn andere meine Assoziationen und Gedankensprünge nicht nachvollziehen können. Ich bin auch nicht besonders amüsant, was bei ungezwungenen Veranstaltungen dazu führt, dass meine witzig-ironisch gemeinten Kommentare eher Gesprächskiller sind. Darum schweige ich auf Partys lieber und höre zu.

Ich habe nicht D.s Talent, andere einfach mitzunehmen und für mich zu begeistern. Doch nach meinem Gespräch mit ihr, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass mein Problem nicht die Menschen allgemein sind, sondern die falschen Menschen.

Es ist nicht so, dass ich Menschen per se nicht mag. Im Gegenteil, ich finde Menschen sogar sehr faszinierend. Jeder hat seine eigene Geschichte, eigene Beweggründe für sein Handeln. Mit Sicherheit haben D. und ihre Party-Kumpel auch ihre eigenen Hintergründe für ihr Handeln, aber ich kann mich mit diesen Menschen nicht unterhalten. Ich kann nicht tanzen und saufen bis zum Morgen und die ganze Nacht Schlagerhits mitgröhlen. Diese Menschen halten mich für langweilig, aber das ist in Ordnung, ich halte sie ja auch für langweilig. Wenn das Desinteresse auf Gegenseitigkeit beruht, ist es doch eigentlich kein Problem, oder?

Dabei kümmert es mich natürlich trotz allem, was andere Leute über mich denken. Nicht auf die Art, dass ich möglichst auf alle Menschen einen guten Eindruck machen möchte. Für mich ist es nicht wichtig, ob andere mich mögen oder mich toll finden. Aber ich habe ein starkes Bedürfnis danach, anderen Menschen ein gutes Gefühl zu geben, ihre Welt ein kleines bisschen lichter zu machen manchmal.

Dabei kommt es mir nicht darauf an, dass man sich tatsächlich an mich erinnert oder mir innerlich dafür dankt, dass ich so ein netter Mensch bin. Um Gottes Willen, bloß nicht. Das wäre mir wirklich sehr unangenehm. Aber ich freue mich zum Beispiel, wenn ich andere Menschen zum Lächeln bringe oder ihnen einen positiveren Blick auf sich selbst mitgeben kann. Wenn mir Menschen sympathisch sind, ist dieses Bedürfnis, sie lächeln zu sehen, natürlich ungleich höher.

Zum Beispiel bei Herrn S., einem älteren Herren in unserer Nachbarschaft der vor einigen Monaten seine Frau nach langer schwerer Krankheit verloren hat. Wenn ich ihm begegne, dann unterhalten wir uns immer ein bisschen. Er ist Anfang 70, recht mitteilsam und ein bisschen schrullig, wenn man andere Bewohner hier fragt. Aber ich höre ihm gerne zu, er ist ein netter Mensch, einfach und bodenständig, mit einem wundervoll skurrilen Blick auf das Leben. Und wenn er sich dann entschuldigt, weil er mich zu lange aufgehalten hat und er mich anlächelt, wenn ich sage, dass ich mich immer gern mit ihm unterhalte (was stimmt), dann frage ich mich, ob er sich ehrlich darüber freut.

Ich glaube, ich war schon immer besser darin, in anderen Menschen das Schöne und Interessante zu sehen, als in mir selbst. Ich halte mich selbst nicht für einen besonderen Menschen, ich habe keine herausragenden Talente oder viel Bewegendes zu erzählen (mich würde es wundern, wenn überhaupt jemand bis hier hin noch mitliest). Vielleicht beobachte ich andere deswegen so gerne, dann kann ich wenigstens über sie erzählen. Das kommt mit der Autoren-Tätigkeit auch einfach ein bisschen dazu. Menschen beobachten, sich Gedanken über sie machen und erzählen.

Manchmal muss ich noch an R. denken. Er wohnte damals mit seiner Frau und seiner jüngsten Tochter in der Wohnung über meinen Eltern und mir. Zum ersten Mal fielen mir seine Blicke auf, in dem Sommer bevor ich 16 wurde. Das mag für viele jetzt absonderlich, vielleicht sogar verwerflich sein, aber er war kein schlechter Mensch. Ich denke heute, ich war für ihn eine Fantasie, die ihn aus einer Ehe gedanklich ausbrechen ließ, die festgefahren war. In dem Altbau, in dem wir wohnten, konnte ich sie abends oft streiten hören. Wobei „anschreien“ vielleicht das bessere Wort wäre. Nach außen waren sie jedoch ein harmonisches Ehepaar, ganz ruhig und umsichtig.

In unserer Hausgemeinschaft wurde regelmäßig zusammen gefeiert, weshalb ich irgendwann bemerkte, welche Spitzen seine Frau auch in Gesellschaft auf ihn warf. Mit der Zeit wurden seine Blicke merklich häufiger, ja, sehnsüchtiger. Es schmeichelte mir, dass sich dieser erwachsene, gestandene, nicht unattraktive Mann für mich interessierte. Und ich bin nicht stolz darauf, aber irgendwann begann ich, mit ihm zu spielen. Ich wischte in knappen Shorts die Treppe, wenn ich wusste, dass er an mir vorbeigehen würde oder stellte mich oben ohne vor das Badezimmerfenster, wenn er unten im Hof stand. Auf Feiern setzte ich mich ihm gegenüber, sodass er mich ansehen musste – und ich mit meinen Füßen an seinen Beinen hinaufstreichen konnte. Manchmal auch in gefährliche Höhen, meine Augen immer auf seinen.

Es war, nachdem ich bei meinen Eltern ausgezogen war, als ich für die jährliche Silvesterfeier zurückkam und es ein wenig eskalierte. Ich war mittlerweile 19 und hatte ihn quasi 4 quälend lange Jahre becirct. So auch an diesem Abend.

Irgendwann waren wir allein und küssten uns heftig. Er hatte zu viel getrunken und lag in meinen Armen, berührte sehnsüchtig meinen ganzen Körper, als hätte er noch nie einen anderen Menschen gespürt. Er flehte mich an, ihn zu nehmen. Ich wollte es. Und tat es nicht. Stattdessen hielt ich ihn fest an mich gedrückt, strich ihm sanft über den Rücken und redete ihm gut zu. Ich fragte ihn, ob er seine Frau liebte. Nach einer Weile bejahte er es und ich schickte ihn zu ihr nach Hause. Es klingt wie ein Klischee, aber es war die absolut richtige Entscheidung. Sie sind nach wie vor verheiratet, mittlerweile sogar Großeltern und – wie er mir letztes Silvester erzählte – sehr glücklich miteinander. Er denkt trotzdem manchmal noch an mich, sagt er. Ich weiß nicht, ob es stimmt, aber ich freue mich ehrlich für ihn, dass er und seine Frau sich wieder zusammen gerauft haben. Und ich freue mich, dass diese ganze Geschichte offenbar auch etwas Positives für ihn hatte. Er ist selbstbewusster und strahlt damit noch mehr Attraktivität aus, auch wenn er die 50 weit überschritten hat in der Zwischenzeit.

Ich sehe Attraktivität anders als viele andere Menschen, schätze ich. Und ich habe auch einen anderen Blick auf Sex, wenn ich ehrlich bin. Für mich war es immer leicht, Gefühle wie Liebe und sexuelle Anziehungskraft voneinander zu trennen. Sex war für mich immer eine Erweiterung des Kennenlernens. Man kann viel in einem anderen sehen, wenn man mit ihm schläft. Damit meine ich nicht den nackten Körper. Wenn man einen Menschen langsam kennen lernt, mit ihm spricht, ihn beobachtet, Dinge über ihn und seine Vergangenheit erfährt, dann lernt man viele Facetten von ihm kennen. Ein Teil davon sind Masken. Wenn man jemanden ein Stück weit kennengelernt hat und dann mit ihm Sex hat – nicht einfach nur so, sondern intensiv und mit einer gewissen Leidenschaft und Öffnung seiner selbst – dann kann man manchmal hinter die Masken sehen und bekommt einen intimeren Blick auf den Menschen dahinter. Wenn man das möchte und wenn man sich darauf einlässt. Das kann eine sehr schöne Erfahrung sein.

Wenn ich an T. denke, dann stelle ich mir manchmal vor, wie ich hinter seine Fassade blicke. Wir verbringen zwangsläufig viel Zeit miteinander. Das ist in Ordnung, er ist ein Mensch, mit dem man klarkommt, wenn man sich auf ihn einlässt. Was vielen offenbar schwer fällt. Er redet viel und ist recht laut, aber das mag ich. Dadurch fiel es mir leichter, mit ihm warm zu werden. Ich musste mir keine Gesprächsthemen ausdenken, er redete einfach drauflos und begnügte sich damit, wenn ich verhalten antwortete und ansonsten eher schwieg. Ich merkte, als er testen wollte, ob ich ein Klatschweib bin (bin ich nicht, was man mir im Vertrauen erzählt, behalte ich für mich) und wo Themen liegen, bei denen wir komplett konträrer Auffassung sind und die man für die Zukunft lieber meiden sollte.

Mit der Zeit taute ich auf, was nicht schwer fiel, denn es ist einfach mit T. zu sprechen. Er verurteilt einen nicht, wenn man seltsame Gedanken ausspricht. Vielleicht, weil auch er manchmal seltsame Gedanken hat? Oder weil er nur halb zuhört, wenn man mit ihm spricht, wer weiß das schon. Es ist auch nicht unangenehm mit ihm zu schweigen, was seltsam ist, denn die Abwesenheit von Worten kann manchmal belastender sein als das Aussprechen von unangenehmen Dingen. Allmählich lerne ich ihn kennen und stelle doch immer wieder fest, dass es Mauern gibt, die er bewusst oder unbewusst setzt. Auch das ist in Ordnung für mich. Doch dann erzählt er plötzlich wieder Dinge, die mich völlig aus der Bahn werfen, wo ich gerne einhaken, nachfragen würde und es mich dann doch nicht traue.

Ich merke mittlerweile, wenn er nicht reden möchte und ich schweige. Oder wenn er von seinem Gedankenchaos einfach nur einen Teil loswerden möchte, dann sprudeln die Worte nur so aus ihm heraus und ich höre einfach zu. Manchmal denke ich, er braucht etwas Zerstreuung und ich versuche, ihn zum Lachen zu bringen. Er hat ein bellendes Lachen, wenn er Selbstsicherheit ausstrahlen möchte, aber wenn ihn etwas wirklich freut, dann lächelt er ganz still, fast verstohlen in sich hinein. Ich sehe dieses Lächeln gern, weil es ehrlich ist und schön. Doch bei aller Offenheit und lockerem Umgang, wer weiß schon, ob der andere das auch so sieht?

Wenn Menschen mehr sind als Fremde, auch mehr als bloße Bekannte, sind sie damit trotzdem nicht zwangsläufig Freunde. Ich tue mich schwer damit, diese Grenzen von relativer Nähe und Distanz auszumachen. Ab wann kann man von sich aus den anderen etwas Privates fragen, ohne zu aufdringlich oder neugierig zu wirken? Ich möchte keine Last sein oder andere in Bedrängnis bringen. Dann schweige ich wieder. Bei T. merke ich das ganz besonders, einfach weil wir uns oft sehen und weil er mir so viel erzählt hat. Und eben auch Dinge, die mich aus der Bahn werfen. Wenn ich mir dann Sorgen mache, winkt er ab. Meine Sorge macht das nicht kleiner, aber ich frage nicht mehr nach, weil ich mich nicht aufdrängen mag. Dann bleibe ich mit meinen Gedanken lieber für mich und frage mich einmal mehr, was hinter seinen Masken steckt. Ich hätte gern eine Situation, in der er sie fallen lässt. Und ich frage mich manchmal, ob er sie fallen lassen würde für mich? Wohl eher nicht.

Es sind die Menschen, die ich mag und die mir sympathisch sind, an denen ich merke, dass ich eben doch ein „Menschen-Mensch“ bin, nur eben anders als andere. Ein wenig begrenzter vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Ich möchte mein Gegenüber nicht nur oberflächlich kennen, sondern tiefer in sein Wesen blicken. Es mag egoistisch klingen, aber die Hoffnung, dass es Menschen gibt, die mit einem Lächeln an mich denken, macht mich ein bisschen glücklich. Ich möchte Menschen gern berühren. Mit meinen Geschichten zum Beispiel. Oder damit, dass ich ihnen zuhöre, wenn sie das Bedürfnis haben, zu erzählen, wie bei Herrn S. Oder dass ich ihnen zeige, dass sie attraktiv sind und daraus ein wenig Selbstvertrauen schöpfen können, wie bei R. Oder dass ich einfach versuche, sie zu verstehen, wenn andere sich diese Mühe nicht machen wollen, wie bei T.

Ich bin kein guter Mensch, nicht selbstlos oder edel. Menschen strengen mich an, das gebe ich zu. Aber aus den richtigen Menschen kann ich viel Kraft schöpfen. Deswegen denke ich, dass D. Unrecht hat. Ich bin ein Menschen-Mensch.

25

Die Mittzwanziger scheinen aktuell ein Thema zu sein in den sozialen Netzwerken und den „Jung“Medien. So brachte ze.tt einen Artikel über eine 25-Jährige Amerikanerin, die Gedichte über ihr tägliches Leben schreibt, kurz, prägnant, witzig und persönlich. Etwas zum Identifizieren und um (über sich selbst) einfach mal zu schmunzeln. 

In meiner Lieblings-Online-Zeitung „bento“ erschien gestern ein Artikel von einer 24-Jährigen über das Erwachsensein. Es ging um farblich zur Tischdeko passende Untersetzer, um Kartoffelgratin, Kontoeröffnungen und Fischbrötchen. Also um die Spießigkeit des Lebens, die einzieht, wenn man älter wird.

Der bento-Artikel war eher mäßig, etwas zu blumig und gedankenversunken in Oberflächlichkeiten, zu aufgesetzt philosophisch und dadurch an Altbackenheit kaum zu überbieten. Der Artikel der ze.tt war interessant und beleuchtete das Leben der Künstlerin Samantha Jayne und ihre Kunst. Man ließ die Künstlerin aus ihrer Sicht sprechen, das machte ihre Einstellung und ihre Lebensart weniger aufdringlich.

Ich bin jetzt seit einigen Wochen 25, habe also die magische Grenze zwischen „fast noch Teenager“ zu „Alter, fast 30“ erreicht. Und manchmal hängt man doch mit den Gedanken in der Vergangenheit und reflektiert darüber, was man sich vor 10 Jahren – mitten in der Pubertät – von seinem derzeitigen Ich gewünscht hatte. In der Regel gehen die Teenie-Träume nicht in Erfüllung. 

Ich zB wollte immer hauptberuflich Schreiben und niemals, unter gar keinen Umständen einen 40h/Woche-Job im Büro haben. Ich wollte Journalistin sein, Autorin, kreativ und abenteuerlustig, wunderschön und begehrenswert, gefeiert in den großen Kreisen von Kunst und Kultur.

So habe ich mir meine Zukunft vorgestellt, als ich 15 war. 

Heute sitze ich 40h/Woche in einem kalten Büro, komme durch das tägliche Pendeln zwischen Wohnort und Arbeitsstätte und der Erziehung meines Kindes kaum noch zum Schreiben. Kreativität herrscht in meinem Kopf als wütendes, überschäumendes, gedankenlähmendes Chaos, das nicht raus kann, weil andere Dinge wichtiger sind, als das andere Ich in mir.

Das andere Ich, das keine Pflichten haben will.

Aber Ich, das primäre und dominante, weiß, dass es Verpflichtungen hat, die keinen Aufschub dulden, dass es nicht nach dem gehen kann, was es gerne möchte, sondern nach dem, was es machen muss. Und dann weint und schreit das andere Ich und manchmal höre ich daraus, die enttäuschte 15-Jährige, die sich ihr Leben doch so ganz anders ausgemalt hatte.

Und ich erkläre ihr, dass es sehr gut ist, wie es ist. Dass man für neue Wünsche und Träume die alten manchmal auf Eis legen muss, weil sie eben zu diesem Zeitpunkt nicht in das aktuelle Lebenskonzept passen. Dass ihre zukünftige kleine Familie das Beste ist, was ihr passieren konnte, trotz des Stress‘ und der nicht gelebten Träume. Denn wenn ich ehrlich zu mir bin, dann weiß ich, dass ich diesen Traum nie so gelebt hätte, wie ich ihn mir damals erträumt hatte. Selbst wenn alles andere vielleicht gepasst hätte und ich die Chance auf diesen Erfolg gehabt hätte. Ich bin nicht der Mensch für ein aufregendes Jetset-Leben, für Partys und oberflächliche Kontaktpflege. Ich bin der Mensch, der abends mit seinen Lieben auf der Couch sitzt und einen Film guckt.

Diese bedingte Rationalität kam zu meinem Erwachsenwerden dazu. Die Fähigkeit, meine nach wie vor sehr dominanten Emotionen auch einmal abzuschalten und etwas einfach nüchtern zu betrachten. Es ist eine schöne Fähigkeit, die ich in Zukunft ausbauen möchte. Auch um mein anderes Ich weiter zu zähmen, wieder in geordnete Bahnen zu lenken und mit ihm gemeinsam irgendwann glücklich zu leben.

Ich habe noch viel zu lernen.

Diese Erkenntnis war die wichtigste der letzten 5 Jahre. Ich bin noch jung. Mit 25 ist man noch sehr jung. Man wird in seinem Leben noch viele Fehler machen, man wird noch oft albern und kindisch sein – mit etwas Glück bis an sein Lebensende. Man wird hinfallen und aufstehen, gute und schlechte Tage haben.

Das Erwachsensein hat gerade erst begonnen. Und ich habe die meiste Zeit noch vor mir. Ich werde mich noch unzählige Male verändern, weiterentwickeln, mein Leben aus anderen Perspektiven betrachten.

Wer weiß, wo ich in 10 Jahren bin? Dann bin ich 35.

Ich wünsche mir für die nächsten 10 Jahre nicht viel an Veränderungen. Außer, dass ich mehr Zeit haben möchte. Für die Familie, vielleicht auch zum Schreiben. In 10 Jahren möchte ich wenigstens 2 Bücher beendet haben. Ob das klappt? Wer weiß? In den letzten 10 Jahren hat es das nicht. Aber es hat sich viel verändert.

Ich bin das Kind unter den Erwachsenen. Ich habe in diesem Lebensabschnitt gerade erst das Laufen gelernt und stolpere und brabble noch vor mich hin. Es ist verrückt zu denken, dass man von Anfang an alles richtig macht. Und es sollte auch nicht verlangt werden. 

Erwachsenwerden ist ein Prozess, der sich durch das ganze Leben zieht und nicht plötzlich einsetzt und genauso plötzlich abschließt.