Aus den Gedanken gerissen #2

Die Lichter der Stadt spiegelten sich in der dunklen, glatten Fläche des Flusses. Und plötzlich wirkte diese provinzielle Ansammlung von Stein und Stahl und Beton wie eine Metropole unter dem glühenden Nachthimmel. So oft hatte ich hier gestanden in den letzten Jahren – Jahrzehnten – und diesen Anblick meiner Stadt genossen. Und wie oft hatte ich Frauen hierher mitgenommen. Meist, um für den romantischen Ausblick einen Abend oder eine Nacht zu bekommen. So gut wie alle meine Beziehungen begannen hier ernst zu werden und schwierige Affären wurden einfacher. Ich dachte, dieser Ort wäre mein Refugium. Der Platz, an dem ich mich sicher fühlen konnte, im Vorteil wäre. Doch nun blickte ich beinahe schüchtern auf die junge Frau neben mich. Alles an ihr schien in diesem Moment besonders zu sein. Von ihren Zehenspitzen, die mit dem noch warmen Gras spielten, über ihren Oberkörper, der lässig an der Innenwand meines Busses lehnte, bis zu ihrem Blick, der das Lichterschauspiel in der Ferne betrachtete. Stundenlang hatten wir geredet. Hatten die Worte aus dem anderen ausgesaugt, als hätten wir zum ersten Mal eine andere menschliche Stimme gehört. Nun umhüllte uns Schweigen wie ein Mantel aus weicher Seide. Leicht, unsichtbar, kühlend. Wie lange war es her, dass ich mich von einem anderen Menschen so eingenommen gefühlt hatte?Mein Fuß streifte ihren im Gras und unsere Blicke trafen sich. Ihre großen, schönen Augen offen fragend. Würde ich mich von der Berührung zurückziehen? In dem Moment, da ich darüber nachdachte, merkte ich, wie sich ein Lächeln auf mein Gesicht stahl. Und ich hielt ihrem Blick stand, als sie sich aufrichtete und mir näher kam. Eine Hand strich über meine Wange und für einen Wimpernschlag hielt ich die Luft an. Bevor sie mich küsste, konnte ich die Lichter der Stadt in ihren hellen Augen sehen. Weiche Lippen kosteten von meinem Mund, während feine Fingerspitzen über mein Gesicht und meinen Hals fuhren. Ich konnte nicht umhin, sie näher an mich zu ziehen und bevor ich wusste, was ich tat, erkundeten meine Hände ihren Körper. Mit jedem Kuss, jeder Berührung, jedem halb unterdrückten Seufzer, steigerte sie meine Lust. Ich wurde fordernder, je intensiver sie sich an mich presste. Ihr Becken drückte gegen meine Lenden, ich spürte ihr elektrisiertes Zittern, als ich unter ihren BH glitt und ihre Brüste knetete. Sie wollte den Kuss unterbrechen, doch ich drückte ihren Mund zurück auf meinen, aus Furcht, sie könnte es sich anders überlegen und mich allein lassen. Ich wollte sie ganz. Nicht nur ihren Körper, sondern alles von ihr und noch mehr. Ihr Stöhnen, als ich ihre Brustwarzen mit meinen Fingerspitzen liebkoste, trieb mich fast in den Wahnsinn. Sie hatte die Brücke zwischen uns überwunden, ich wollte sie einreißen, damit sie nicht mehr zurück konnte. Ich umfasste sie und hob sie hoch, nur um sie endlich auf den Boden des Wagens zu legen und sie unter mir zu begraben. Sie so zu spüren, ihren Atem, das Beben ihres Körpers, die Hitze ihrer Haut unter meinen Händen, hatte ich nie für möglich gehalten. Als Verdurstender in der Wüste trank ich von ihren Lippen wie von einer Oase und bekam nicht genug, bis sie endlich nackt und offen vor mir lag. Ich atmete ihre Lust nach mir, fraß sie mit gierigen Augen vollkommen auf. Ihre Lippen flehten stumm und ich gab mich ihr hin. Vollkommen.

Kein Menschen-Mensch

Als D. mich fragte, ob ich mit zu einem Stadtfest komme, wusste ich schon, dass ich mich unter allen Umständen da hinaus winden wollte. Es ist nicht so, dass ich D. nicht leiden kann, aber wir sind auch keine Freunde, nicht einmal gute Bekannte. Wir kennen uns schon so lange, dass ich selbst nicht mehr weiß, woher. Sie ist einer dieser Menschen, die man in so einer Kleinstadt eben kennt. Eine Provinz-Schönheit mit einem Wahnsinns-Körper, langen glatten Haaren, bunt-glitzernden Gelnägeln, zu viel Höhensonne, zu viel Make-up und aufgemalten Augenbrauen. Sie umgibt sich gern mit unscheinbaren, nicht hässlichen, aber eher unattraktiven Frauen, neben denen sie strahlen kann. In den letzten Jahren hatte mich dieses Schicksal ereilt. Ich hatte 20 Kilo zu viel auf den Rippen und machte mir mehr Gedanken um mein Kind und meinen Uni-Abschluss als um Haare, Nägel oder Klamotten – und das sah man mir auch an. Ich bin nicht ungepflegt, mit solchen Leute umgibt sich D. nicht, aber praktisch veranlagt und schlicht.

Es kam in den letzten Jahren immer mal wieder vor, dass sie mit mir weggehen wollte. Ich ließ mich manchmal darauf ein, denn es gab mir Zerstreuung in meinem doch manchmal sehr chaotischen und gleichzeitig vollgepackten und straff strukturierten Leben. Am Ende nahm ich es ihr dann auch nur halb übel, wenn sie mich nach ein bis zwei Stunden auf einer Feier allein stehen ließ, um mit irgendwelchen Männern loszuziehen oder sich mit Leuten zu amüsieren, die auf Dorffesten eben für die laute, ausgelassene Stimmung sorgten. Ich war nur dabei, damit sie alle Blicke auf sich ziehen konnte. Das anschließende bittere Gefühl des Verloren seins, kam dennoch immer wieder bei mir auf.

In letzter Zeit hatte ich nicht mehr viel von ihr gehört. Einladungen hatte ich rigoros ausgeschlagen. Zu sehr war ich damit beschäftigt, mich um mein Leben zu kümmern. Solche Dinge trägt D. einem nicht nach, sie fragt einen einfach so lange, bis man irgendwann wieder auf sie eingeht. Als sie mich dieses Mal gefragt hatte, war ich eigentlich nicht unbedingt abgeneigt, ihre Einladung anzunehmen. Bis ich bemerkte, dass das Stadtfest, zu dem sie mich mitschleppen wollte, in einem Ort knapp 25km entfernt stattfand. Normalerweise hatte ich immer die Möglichkeit gehabt, einfach wieder nach Hause zu gehen, wenn sie mich stehen gelassen hatte. Das wäre in diesem Fall nicht möglich gewesen. Also sagte ich ab. Doch sie ließ nicht locker. Immer wieder und wieder fragte sie mich und wollte unbedingt, dass ich sie begleite. Schließlich sagte ich zu und legte mir im Hinterkopf ungefähr ein dutzend plausibler last-minute-Ausreden zurecht, um mich doch noch drücken zu können. Dass ich keine von diesen brauchen würde, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Als wir uns dann letzten Freitag nach meinem Feierabend zum Mittagsessen trafen, um ein bisschen zu quatschen, kam dann alles anders als ich erwartet hätte. Wir hatten uns seit gut einem Jahr nicht mehr gesehen, von daher wusste sie nicht, dass ich in der Zwischenzeit gut 25kg Gewicht verloren hatte und auch ein paar andere optische Hindernisse an mir hatte ich einigermaßen in den Griff bekommen. Vom ersten Moment an, spürte ich, dass ihr das nicht gefiel. Von ihrer normalerweise überschwänglichen Begrüßung mit links-Bussi, rechts-Bussi, einem offen geheuchelten „Gut siehst du aus!“ blieb dieses Mal nur ein ungläubiger Blick, der über meinen ganzen Körper ging und ein vorwurfsvolles „Hast du abgenommen?“ übrig.

Sie sah wie immer fantastisch aus. Ihr Körper eine Waffe, die sie gezielt einzusetzen weiß. Doch man merkt, dass wir mittlerweile beide auf die 30 zugehen und dass sie in den letzten zehn Jahren schlicht zu häufig im Solarium war und zu viele Nächte durchgefeiert hat. Unser Gespräch verlief äußerst unterkühlt. Ich bemühte mich redlich, die Unterhaltung am Laufen zu halten. Fragte nach ihrem neuen Job, wie es ihr ging, was sie sonst so trieb, was sie mal wieder in die alte Heimat verschlug. Doch es funktionierte nicht. Und das sagte sie mir auch ganz unverhohlen ins Gesicht.

„Du hast dich ganz schön verändert. Gefällt mir gar nicht so gut, bisschen runder hast du viel netter und bodenständiger gewirkt.“ Es ärgerte mich. Sie war immer noch diejenige, um die alle Männer schwirrten wie die Motten ums Licht. Doch dass meine neue Optik sie ärgerte und sie mich vielleicht ein kleines bisschen als Konkurrenz anerkannte, schmeichelte mir ein wenig. Obwohl ich auf die Typen, die sie normalerweise abschleppte, schon immer gut verzichten konnte und wir uns männertechnisch niemals in die Quere kommen würden. D. hatte mich an diesem Tag aber zu ihrer Altlasten-Kartei gefügt und setzte alles daran, mich das spüren zu lassen

„Irgendwie kommen wir beide nicht mehr so richtig klar, ne?“ Als ich sie fragte, was sie damit meinte, winkte sie nur ab und faselte etwas von zu unterschiedlichen Interessen (wir hatten noch nie irgendetwas gemeinsam gehabt) und dass sie lieber alleine fahren würde. Sie hätte eh ein paar Freunde dort, die sie treffen wolle und da würde ich mich bestimmt nicht so wohl fühlen. Nicht, dass sie das jemals davon abgehalten hätte, mich trotzdem mitzuschleppen, nahm ich ihr das nicht einmal besonders übel. Dann sagte sie aber einen Satz, der mich seitdem beschäftigt.

„Du bist ja kein besonderer Menschen-Mensch.“

Nach ein bisschen weiterem Geplänkel hatte D. mich dann direkt ausgeladen und noch die ein oder andere Spitze zu meiner (im Vergleich zu ihrer) noch immer unzulänglichen Optik losgelassen. Als ich wieder zu Hause war, musste ich das alles erst einmal sacken lassen. Und D. aus meinen sozialen Kanälen schmeißen. Ich bin verdammt genügsam, aber beleidigen lasse ich mich auch nicht gerne. Und wenn ich eben nicht in das Bild einer Person falle, mit der mich ohnehin nichts verbindet, dann tangiert mich das auch eher peripher. Ich ziehe dann einfach meine Konsequenzen.

Trotzdem dachte ich über unser Gespräch noch lange nach und deshalb kam ich auch zu diesem Text, den ihr jetzt hier lest.

Ich bin kein Menschen-Mensch.

Ich weiß selbst nicht genau, wieso mich das so getroffen hat, denn es stimmt tatsächlich. Ich tue mich schwer damit, neue Bekanntschaften oder gar Freundschaften zu schließen. Und ich mache auch keinen Hehl daraus, dass mir der Kontakt zu und mit anderen oft nicht leicht fällt. Mich beschäftigen selten dieselben Themen wie andere, weshalb es schwer für mich ist, Gespräche aufrecht zu halten, wenn andere meine Assoziationen und Gedankensprünge nicht nachvollziehen können. Ich bin auch nicht besonders amüsant, was bei ungezwungenen Veranstaltungen dazu führt, dass meine witzig-ironisch gemeinten Kommentare eher Gesprächskiller sind. Darum schweige ich auf Partys lieber und höre zu.

Ich habe nicht D.s Talent, andere einfach mitzunehmen und für mich zu begeistern. Doch nach meinem Gespräch mit ihr, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass mein Problem nicht die Menschen allgemein sind, sondern die falschen Menschen.

Es ist nicht so, dass ich Menschen per se nicht mag. Im Gegenteil, ich finde Menschen sogar sehr faszinierend. Jeder hat seine eigene Geschichte, eigene Beweggründe für sein Handeln. Mit Sicherheit haben D. und ihre Party-Kumpel auch ihre eigenen Hintergründe für ihr Handeln, aber ich kann mich mit diesen Menschen nicht unterhalten. Ich kann nicht tanzen und saufen bis zum Morgen und die ganze Nacht Schlagerhits mitgröhlen. Diese Menschen halten mich für langweilig, aber das ist in Ordnung, ich halte sie ja auch für langweilig. Wenn das Desinteresse auf Gegenseitigkeit beruht, ist es doch eigentlich kein Problem, oder?

Dabei kümmert es mich natürlich trotz allem, was andere Leute über mich denken. Nicht auf die Art, dass ich möglichst auf alle Menschen einen guten Eindruck machen möchte. Für mich ist es nicht wichtig, ob andere mich mögen oder mich toll finden. Aber ich habe ein starkes Bedürfnis danach, anderen Menschen ein gutes Gefühl zu geben, ihre Welt ein kleines bisschen lichter zu machen manchmal.

Dabei kommt es mir nicht darauf an, dass man sich tatsächlich an mich erinnert oder mir innerlich dafür dankt, dass ich so ein netter Mensch bin. Um Gottes Willen, bloß nicht. Das wäre mir wirklich sehr unangenehm. Aber ich freue mich zum Beispiel, wenn ich andere Menschen zum Lächeln bringe oder ihnen einen positiveren Blick auf sich selbst mitgeben kann. Wenn mir Menschen sympathisch sind, ist dieses Bedürfnis, sie lächeln zu sehen, natürlich ungleich höher.

Zum Beispiel bei Herrn S., einem älteren Herren in unserer Nachbarschaft der vor einigen Monaten seine Frau nach langer schwerer Krankheit verloren hat. Wenn ich ihm begegne, dann unterhalten wir uns immer ein bisschen. Er ist Anfang 70, recht mitteilsam und ein bisschen schrullig, wenn man andere Bewohner hier fragt. Aber ich höre ihm gerne zu, er ist ein netter Mensch, einfach und bodenständig, mit einem wundervoll skurrilen Blick auf das Leben. Und wenn er sich dann entschuldigt, weil er mich zu lange aufgehalten hat und er mich anlächelt, wenn ich sage, dass ich mich immer gern mit ihm unterhalte (was stimmt), dann frage ich mich, ob er sich ehrlich darüber freut.

Ich glaube, ich war schon immer besser darin, in anderen Menschen das Schöne und Interessante zu sehen, als in mir selbst. Ich halte mich selbst nicht für einen besonderen Menschen, ich habe keine herausragenden Talente oder viel Bewegendes zu erzählen (mich würde es wundern, wenn überhaupt jemand bis hier hin noch mitliest). Vielleicht beobachte ich andere deswegen so gerne, dann kann ich wenigstens über sie erzählen. Das kommt mit der Autoren-Tätigkeit auch einfach ein bisschen dazu. Menschen beobachten, sich Gedanken über sie machen und erzählen.

Manchmal muss ich noch an R. denken. Er wohnte damals mit seiner Frau und seiner jüngsten Tochter in der Wohnung über meinen Eltern und mir. Zum ersten Mal fielen mir seine Blicke auf, in dem Sommer bevor ich 16 wurde. Das mag für viele jetzt absonderlich, vielleicht sogar verwerflich sein, aber er war kein schlechter Mensch. Ich denke heute, ich war für ihn eine Fantasie, die ihn aus einer Ehe gedanklich ausbrechen ließ, die festgefahren war. In dem Altbau, in dem wir wohnten, konnte ich sie abends oft streiten hören. Wobei „anschreien“ vielleicht das bessere Wort wäre. Nach außen waren sie jedoch ein harmonisches Ehepaar, ganz ruhig und umsichtig.

In unserer Hausgemeinschaft wurde regelmäßig zusammen gefeiert, weshalb ich irgendwann bemerkte, welche Spitzen seine Frau auch in Gesellschaft auf ihn warf. Mit der Zeit wurden seine Blicke merklich häufiger, ja, sehnsüchtiger. Es schmeichelte mir, dass sich dieser erwachsene, gestandene, nicht unattraktive Mann für mich interessierte. Und ich bin nicht stolz darauf, aber irgendwann begann ich, mit ihm zu spielen. Ich wischte in knappen Shorts die Treppe, wenn ich wusste, dass er an mir vorbeigehen würde oder stellte mich oben ohne vor das Badezimmerfenster, wenn er unten im Hof stand. Auf Feiern setzte ich mich ihm gegenüber, sodass er mich ansehen musste – und ich mit meinen Füßen an seinen Beinen hinaufstreichen konnte. Manchmal auch in gefährliche Höhen, meine Augen immer auf seinen.

Es war, nachdem ich bei meinen Eltern ausgezogen war, als ich für die jährliche Silvesterfeier zurückkam und es ein wenig eskalierte. Ich war mittlerweile 19 und hatte ihn quasi 4 quälend lange Jahre becirct. So auch an diesem Abend.

Irgendwann waren wir allein und küssten uns heftig. Er hatte zu viel getrunken und lag in meinen Armen, berührte sehnsüchtig meinen ganzen Körper, als hätte er noch nie einen anderen Menschen gespürt. Er flehte mich an, ihn zu nehmen. Ich wollte es. Und tat es nicht. Stattdessen hielt ich ihn fest an mich gedrückt, strich ihm sanft über den Rücken und redete ihm gut zu. Ich fragte ihn, ob er seine Frau liebte. Nach einer Weile bejahte er es und ich schickte ihn zu ihr nach Hause. Es klingt wie ein Klischee, aber es war die absolut richtige Entscheidung. Sie sind nach wie vor verheiratet, mittlerweile sogar Großeltern und – wie er mir letztes Silvester erzählte – sehr glücklich miteinander. Er denkt trotzdem manchmal noch an mich, sagt er. Ich weiß nicht, ob es stimmt, aber ich freue mich ehrlich für ihn, dass er und seine Frau sich wieder zusammen gerauft haben. Und ich freue mich, dass diese ganze Geschichte offenbar auch etwas Positives für ihn hatte. Er ist selbstbewusster und strahlt damit noch mehr Attraktivität aus, auch wenn er die 50 weit überschritten hat in der Zwischenzeit.

Ich sehe Attraktivität anders als viele andere Menschen, schätze ich. Und ich habe auch einen anderen Blick auf Sex, wenn ich ehrlich bin. Für mich war es immer leicht, Gefühle wie Liebe und sexuelle Anziehungskraft voneinander zu trennen. Sex war für mich immer eine Erweiterung des Kennenlernens. Man kann viel in einem anderen sehen, wenn man mit ihm schläft. Damit meine ich nicht den nackten Körper. Wenn man einen Menschen langsam kennen lernt, mit ihm spricht, ihn beobachtet, Dinge über ihn und seine Vergangenheit erfährt, dann lernt man viele Facetten von ihm kennen. Ein Teil davon sind Masken. Wenn man jemanden ein Stück weit kennengelernt hat und dann mit ihm Sex hat – nicht einfach nur so, sondern intensiv und mit einer gewissen Leidenschaft und Öffnung seiner selbst – dann kann man manchmal hinter die Masken sehen und bekommt einen intimeren Blick auf den Menschen dahinter. Wenn man das möchte und wenn man sich darauf einlässt. Das kann eine sehr schöne Erfahrung sein.

Wenn ich an T. denke, dann stelle ich mir manchmal vor, wie ich hinter seine Fassade blicke. Wir verbringen zwangsläufig viel Zeit miteinander. Das ist in Ordnung, er ist ein Mensch, mit dem man klarkommt, wenn man sich auf ihn einlässt. Was vielen offenbar schwer fällt. Er redet viel und ist recht laut, aber das mag ich. Dadurch fiel es mir leichter, mit ihm warm zu werden. Ich musste mir keine Gesprächsthemen ausdenken, er redete einfach drauflos und begnügte sich damit, wenn ich verhalten antwortete und ansonsten eher schwieg. Ich merkte, als er testen wollte, ob ich ein Klatschweib bin (bin ich nicht, was man mir im Vertrauen erzählt, behalte ich für mich) und wo Themen liegen, bei denen wir komplett konträrer Auffassung sind und die man für die Zukunft lieber meiden sollte.

Mit der Zeit taute ich auf, was nicht schwer fiel, denn es ist einfach mit T. zu sprechen. Er verurteilt einen nicht, wenn man seltsame Gedanken ausspricht. Vielleicht, weil auch er manchmal seltsame Gedanken hat? Oder weil er nur halb zuhört, wenn man mit ihm spricht, wer weiß das schon. Es ist auch nicht unangenehm mit ihm zu schweigen, was seltsam ist, denn die Abwesenheit von Worten kann manchmal belastender sein als das Aussprechen von unangenehmen Dingen. Allmählich lerne ich ihn kennen und stelle doch immer wieder fest, dass es Mauern gibt, die er bewusst oder unbewusst setzt. Auch das ist in Ordnung für mich. Doch dann erzählt er plötzlich wieder Dinge, die mich völlig aus der Bahn werfen, wo ich gerne einhaken, nachfragen würde und es mich dann doch nicht traue.

Ich merke mittlerweile, wenn er nicht reden möchte und ich schweige. Oder wenn er von seinem Gedankenchaos einfach nur einen Teil loswerden möchte, dann sprudeln die Worte nur so aus ihm heraus und ich höre einfach zu. Manchmal denke ich, er braucht etwas Zerstreuung und ich versuche, ihn zum Lachen zu bringen. Er hat ein bellendes Lachen, wenn er Selbstsicherheit ausstrahlen möchte, aber wenn ihn etwas wirklich freut, dann lächelt er ganz still, fast verstohlen in sich hinein. Ich sehe dieses Lächeln gern, weil es ehrlich ist und schön. Doch bei aller Offenheit und lockerem Umgang, wer weiß schon, ob der andere das auch so sieht?

Wenn Menschen mehr sind als Fremde, auch mehr als bloße Bekannte, sind sie damit trotzdem nicht zwangsläufig Freunde. Ich tue mich schwer damit, diese Grenzen von relativer Nähe und Distanz auszumachen. Ab wann kann man von sich aus den anderen etwas Privates fragen, ohne zu aufdringlich oder neugierig zu wirken? Ich möchte keine Last sein oder andere in Bedrängnis bringen. Dann schweige ich wieder. Bei T. merke ich das ganz besonders, einfach weil wir uns oft sehen und weil er mir so viel erzählt hat. Und eben auch Dinge, die mich aus der Bahn werfen. Wenn ich mir dann Sorgen mache, winkt er ab. Meine Sorge macht das nicht kleiner, aber ich frage nicht mehr nach, weil ich mich nicht aufdrängen mag. Dann bleibe ich mit meinen Gedanken lieber für mich und frage mich einmal mehr, was hinter seinen Masken steckt. Ich hätte gern eine Situation, in der er sie fallen lässt. Und ich frage mich manchmal, ob er sie fallen lassen würde für mich? Wohl eher nicht.

Es sind die Menschen, die ich mag und die mir sympathisch sind, an denen ich merke, dass ich eben doch ein „Menschen-Mensch“ bin, nur eben anders als andere. Ein wenig begrenzter vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Ich möchte mein Gegenüber nicht nur oberflächlich kennen, sondern tiefer in sein Wesen blicken. Es mag egoistisch klingen, aber die Hoffnung, dass es Menschen gibt, die mit einem Lächeln an mich denken, macht mich ein bisschen glücklich. Ich möchte Menschen gern berühren. Mit meinen Geschichten zum Beispiel. Oder damit, dass ich ihnen zuhöre, wenn sie das Bedürfnis haben, zu erzählen, wie bei Herrn S. Oder dass ich ihnen zeige, dass sie attraktiv sind und daraus ein wenig Selbstvertrauen schöpfen können, wie bei R. Oder dass ich einfach versuche, sie zu verstehen, wenn andere sich diese Mühe nicht machen wollen, wie bei T.

Ich bin kein guter Mensch, nicht selbstlos oder edel. Menschen strengen mich an, das gebe ich zu. Aber aus den richtigen Menschen kann ich viel Kraft schöpfen. Deswegen denke ich, dass D. Unrecht hat. Ich bin ein Menschen-Mensch.

Fühlen?

Es lähmt mich. Je älter ich werde, je mehr Verantwortung ich trage, je mehr Menschen auf mich und meine Entscheidungen angewiesen sind, desto mehr lähmt es mich.

Da ist immer diese Angst in mir. Immer präsent, mal lauter, mal leiser.

Im Moment schreit sie mir täglich in die Ohren und zerreißt alle meine inneren Organe.

Es tut so weh.

Manchmal habe ich das Gefühl gar nichts mehr zu spüren, außer dieser blinden Verzweiflung in mir und der Frage: wann hört das endlich auf????

Ich habe so viel, wofür es sich zu leben lohnt, einen liebenden Mann, ein wundervolles Kind, einen Job. Aber da ist immer dieses Ding in mir, dem das alles scheißegal ist. Ich mache meine Arbeit schlecht, kapsele mich von meiner Familie ab. Ich bin mir dessen bewusst, aber ich ändere es nicht. Immer, wenn ich es versuche, schreit meine Angst in mir: STOPP!!!! Und eine fiese ätzende Stimme in meinem Kopf flüstert: „Wenn du nicht funktionierst, bist du nichts wert. Wenn du es zugibst, bist du Abschaum.“

Ich hasse mich dafür, dass ich so denke und fühle, was alles nur noch schlimmer macht. Ich verletze mich selbst, seelisch und körperlich, um mich zu beruhigen, mich daran zu erinnern, dass ich lebe. Aber was ist dieses Leben denn wert, wenn ich immer alle Menschen in meiner Umgebung pausenlos enttäusche.

Andere Menschen stehen so viel Schlimmes durch und kämpfen weiter. Aber ich kann nicht mehr. 

Ich schaffe es nicht heraus.

Kurzgeschichten

Ich gebe es zu, so ganz uneigennützig ist dieses Thema nicht. Aber abseits der Tatsache, dass ich selber Hobbyautorin bin und gern Kurzgeschichten schreibe, lese ich sie auch gern von anderen Autoren. Mein liebster Kurzgeschichten-Band, welcher bei mir im Regal steht, ist wohl „Blinde Weide, schlafende Frau“ von Haruki Murakami. Aber nicht nur die Geschichten namhafter Autoren reizen mich. 

Als langjähriger User von fanfiktion.de und generell als Internet-Mensch, lese ich viel, was frei im Netz verfügbar ist. Auf Blogs, Autorenseiten, etc pp. Darunter ist natürlich viel Schund oder auch mittelmäßiges, aber manchmal … Manchmal gibt es Autoren, deren Geschichten so berührend, deren Sprache so intensiv ist, das man nicht aufhören kann, zu lesen. Und in diesen Momenten denke ich mir: Diese Geschichten gehören gedruckt. Nicht einfach nur so, sondern als ein wunderschönes Buch, mit Cover, dem Geruch neuer Seiten. Ich wünsche mir dann, dass diese Geschichten gelesen werden. Von möglichst vielen Menschen überall. Und ich will sie haben. Besitzen. Mir ins Regal stellen, wo sie immer verfügbar sind.

Ich bin kein Freund von ebooks. Es tut mir leid, aber ich bin ein Mensch, der nach wie vor am liebsten Seiten in den Händen hält. Obwohl ich schon eine Art eigenständige symbiotische Lebensform mit meinem Handy darstelle. Ein Buch ist ein Buch und das kann niemand ersetzen. 

Leider ist der deutsche Buchmarkt fest der Meinung, das Kurzgeschichten keinen Markt haben. Es sei denn es sind Kurzgeschichten berühmter Autoren oder gesponsorte Anthologien. Ich finde das nicht nur sehr schade, sondern auch irgendwie unverständlich. In einer Gesellschaft, die immer schneller wird, sollte man meinen, dass es mehr Menschen gibt, die Kurzgeschichtenbände zu schätzen wissen. Gute Literatur komprimiert. In anderen Ländern sind Kurzgeschichtenbände fester Bestandteil des Buchmarktes. 

Auch Zeitschriften, welche diese Sparte bedienen, sind nicht oft anzutreffen. Die Chance auf eine Publikation für unbekannte Autoren gestaltet sich zum Hürdenlauf, dessen Erfolg nicht selten etwas mit Glück anstatt können zu tun hat.

Ich weiß, dass es in manchen Genres, wie im Bereich Sci-Fi und Fantasy, kleine Verlage gibt, die dies anders handhaben. Aber wieso nicht die großen Verlage? Diejenigen, die die Reichweite, die Marketingmöglichkeiten haben, die Kurzgeschichte auch in Deutschland zu etablieren?

Oder gäbe es in Deutschland _tatsächlich_ keinen Markt für Kurzgeschichten? Bin ich die einzige, der es so ergeht? Die einzige, die gerne in kurzen Episoden schöner Worte und Ideen versinkt? Das ist schade, denn Kurzgeschichten sind meiner Meinung nach ein wichtiger Bestandteil der Literatur und manchmal intensiver, vielsagender und runder als ein Roman.

Was zählt, ist der Schein

Abiturzeugnis mit Bestnote, Modulscheine an der Uni, der Meisterbrief, die Doktorandenurkunde. Ja, diese Dinge sind wichtig. Und in Deutschland scheinen sie wichtiger als Können oder Kreativität.

Doch sagen diese Blätter Papier grundsätzlich etwas über die Qualifikation eines Menschen aus? Über seine Leistung? Seine Intelligenz?

Denn seien wir mal ehrlich: Es gibt ungezählte Menschen da draußen, die ein Abitur, Studium oder ähnliches vorzuweisen haben, aber in einem Gespräch merkt man, dass da zwischen den Ohren einfach nicht viel ist. Und es gibt die Menschen, die etwas können, es sich vielleicht selbst beigebracht haben und uns beeindrucken, weil sie sich durchkämpfen – ganz ohne Zertifikat.

Ich frage mich vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse, was aus der jungen, revolutionären Bildungselite geworden ist, die es früher gegeben hat? Wo sind die Träumer und Denker, die von einer besseren Welt fantasieren? Und im gleichen Moment frage ich mich, wieso ich nicht dazu gehöre? Ganz einfach: Ich weiß, dass ich es mir nicht leisten kann.

Als Student hetzt man heute hauptsächlich Modulscheinen und Creditpoints hinterher, gibt Seminararbeiten ab zu möglichst klangvollen Themen und freut sich, wenn man in seiner spärlichen Freizeit die neue Staffel seiner Lieblingsserie auf Netflix schauen kann. Und das möglichst ohne die Regelstudienzeit zu überziehen. Denn nicht nur, dass das Studium teuer ist, es macht bei späteren Bewerbungen auch keinen guten Eindruck, wenn man statt der ausgewiesenen sechs tatsächlich neun Semester an seinem Bachelor studiert hat.

Und Engagement daneben?

Politische Partizipation in allen Ehren, doch dafür haben wir die Politikwissenschaftsstudenten. Und ermüdende Kreisdiskussionen über globale Themen führen dann doch eher die Philosophen. Die können dann alles in einem Essay für das Seminar „Philosophie im neuzeitlichen Kontext“ verwursten und für die Erkenntnis „wir wissen, dass wir am Ende nichts wissen“ noch ein paar Punkte beim Prof sammeln. Der Rest hashtaggt dann mal bei facebook, twitter und Instagram „Refugees welcome“ und legt sich gleichzeitig mit seinem Maschinenbauabschluss ins Zeug. Denn wer weiß schon, ob unter den Flüchtlingen nicht der ein oder andere gut ausgebildete Maschinenbauer ist? Die ohnehin nicht sichere Zukunft scheint noch unsicherer zu werden.

Und plötzlich scheint „Die Junge Union“ wie eine grandiose Möglichkeit, seine Zukunft zu sichern, auch wenn man dafür graue Jacketts und mintgrüne Hemden tragen muss. Auf die Krawatte wird bis 32 verzichtet und die Haare nicht zu frech gegelt, damit nicht auffällt, das 32 gar nicht mehr so jung ist und sich die Lebensideologie zu einem 22-Jährigen doch ganz schön unterscheidet. Macht aber nichts, denn am Ende sind wir ja alle „Muttis“ Kinder und keiner scheint sich zu fragen, was nach „Mutti“ eigentlich kommen soll.

Denn keiner der nachgezogenen, alten Jugend kann durch eine besondere Ausstrahlung oder Eloquenz auf sich aufmerksam machen. Wie auch? Seit der Schulzeit wurde ja größten Wert darauf gelegt, möglichst gute Leistungen zu erhalten, indem man sich den gegebenen Umständen reibungslos unterordnet. Platz für Individualität oder gar Ideen war nie vorhanden.

Geschweige denn für Kreativität.

Überhaupt. Kreativ sein, ist brotlose Kunst. Und hast du keinen Verwandten, der deinem Nachnamen nicht einen gewissen Wiedererkennungswert garantiert, hast du eigentlich schon verloren. Und die Buchmärkte wundern sich, weshalb ihnen keiner mehr den Einheitsbrei abkaufen will, den sie in ihre Bestsellerlisten pressen. Doch nach der hundertsten Neuerfindung von der Wanderhure, schwedischen Krimis, gossensprachigen wohlstandverwahrlosten Jugendlichen und dem 6.000. „Wie finde ich den richtigen Mann?“-Ratgeber/lustige Szenengeschichte, sehnt man sich danach, seinen Kopf in die Kloschüssel zu halten und zu spülen. Lange zu spülen.

Und dann sieht man Bilder von neu errichteten Grenzzäunen mitten in der EU, von frustrierten Menschen, die sich von ihren Politikern verkauft und von den Medien belogen fühlen, von Tränengas gegen Flüchtlinge, von gefeierten Holocaustleugnern und Nationalisten, die ihre eigene Sprache zwar nicht beherrschen, sie aber vor „Verunreinigung“ beschützen wollen.

Eine Freundin schreibt bei facebook über die Anzahl ihrer Creditpoints. Nestlé will sein Image aufpolieren. Wirtschaftsflüchtling und Gutmensch sind nun Schimpfworte, doch die Werbung für die Welthungerhilfe auf Sat1 Gold treibt den Hausfrauen die Tränen in die Augen. Auf Youtube verkaufen junge Leute ihren überteuerten Beautykram an 14-Jährige, denen ihr Aussehen wichtiger ist, als ihr Verstand.

Dazwischen liegt der kleine Aylan mit seinem kalten Gesicht im Sand, am Meer, wo mein Sohn vielleicht Sandburgen bauen würde und mit seinen Schwimmflügeln im Wasser geplanscht hätte.

Und DagiBee wird heute 21 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch.

Kalter Abendwind im Juli

Es ist Sommer. Sagt zumindest der Kalender. Doch der Himmel ist bewölkt und das Rauschen der Bäume im kalten Wind durchdringt die stille des frühen Abends. 

Es war ein langer Arbeitstag und nun sitze ich hier auf meiner Couch, ein Glas Radler vor mir, der Fernseher läuft leise im Hintergrund. Ich fröstele ein wenig. Die Balkontür steht offen und der kühle Abendwind weht herein. Doch ich schließe die Tür nicht. Die Luft ist angenehm, macht mich trotz der Kälte schläfrig, entspannt meinen Körper und vor allem meinen Geist. 

Ich beobachte die Wolken vor dem dunkler werdenden Himmel. Meine Augen werden schwer und meine Gedanken träge. Müder Körper, müder Geist. Das Rauschen des Windes, der Hauch einer ungewöhnlich kalten Julinacht.
ELW

Zugfahrten mit Johnny Cash

Natürlich sitzt Johnny Cash nicht wirklich neben mir. Das wäre ja auch irgendwie verrückt. Aber seine Stimme fährt mit. Diese tiefe, dunkle Melancholie, die sie in sich trägt und den ersten Uni-Tag ein bisschen erträglicher macht.

Eigentlich könnte ich sinnvolleres machen. „The Fault in our Stars“ von John Green liegt in meiner Tasche und will endlich gelesen werden. Ich könnte auch mein Netbook rausholen und schreiben. Immerhin hab ich fast 3 Stunden Zeit. Aber ob es nun an den Kopfschmerzen der nagenden Erkältung liegt oder an der allgemeinen Lethargie, die mich an Tagen wie heute erfüllt … Ich sitze einfach nur hier, lausche „Daddy sang Bass“ und beobachte, wie vor dem dreckigen Zugfenster die Landschaft vorbeifliegt und die Sonne immer höher steigt.

Ich sollte das eh noch ein bisschen genießen. Nicht mehr lang und ich fahre morgens im Dunkeln los und fahre abends im Dunkeln heim. Es wird kälter, trüber, nasser.

Ich hoffe auf einen goldenen Oktober, um den Winter zu überstehen. Es bleibt abzuwarten. Heute scheint die Sonne, aber wer weiß? Morgen könnte es schon wieder regnen.
Johnny singt für mich „Hurt“. Ein Vorbote dessen, was demnächst auf mich zukommt? Es scheint alles möglich.