Aus den Gedanken gerissen #3

Es ist nicht so, dass ich es geplant hätte. Dein Blick, als ich vor deiner Tür stehe, ist unergründlich. Es braucht keiner Worte, dass du begreifst, was ich von dir will. Und doch ist da diese Unsicherheit in mir. Was würdest du tun? Wenn ich deine Wange berühren würde, ganz sanft mit meinen Fingerspitzen die scharfen Konturen deiner Züge nachzeichne. Und dann? Würdest du wollen, dass ich weitergehe? Mich dir nähere und meine Lippen an deinen zum Schweigen bringe, bevor auch nur ein Wort darüber kommt.

Vielleicht erwiderst du den Kuss, vielleicht auch die Berührung. Könntest du mir meine Zweifel nehmen? Meine Angst vor deinem durchdringenden Blick? Vor deinem Urteil über mich. Wenn ich den letzten Stoff von meinen Schultern streife, würdest du mich ansehen oder dich abwenden? Und könntest du über meine Makel hinwegsehen? Könntest du mich begehren, wie ich dich begehre? Mich wollen, wie ich dich will? Ich lege jeden Zentimeter meiner Haut in deine Hände.

Legst du den deinen auch in meine?

Ich würde dich vergessen lassen, was dich gefangen hält. Würde dich mit meinen Fingerspitzen necken, streicheln. Mit meinen Lippen deinen Hals hinab, hinab auf Suche gehen. Auf Knien dann dich in den höchsten Himmel kosen. Würdest du dich leiten lassen? Dich von der Lust und Leidenschaft aus meinem heißen Mund weiter treiben lassen? Wär mein Zungenschlag genug, um dein Feuer zu entfachen? Dass du mich, in deine Arme schließt und mir gibst, was ich so dringend von dir will?

Mein Feuer für dich brennt lichterloh. Wäre es denkbar, dass du mich annimmst, wie ich vor dir stehe? Trotz meiner Fehler und Mangel an Perfektion? Wäre meine Angst, meine Unsicherheit, sicher in deinen Händen?

Und da stehe ich nun unter deinem unergründlichen Blick. Verloren in meinen Gedanken. Ich weiß, dass du die Frauen liebst, dass du sie verehrst und begehrst. Vielleicht liebst du dann – für diese eine Nacht – auch mich?

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Spiegelkabinett

Kaltes Glas

brennt sich in meine Fußsohlen

Und überall

überall um mich

bin ich

Tausend- und millionenfach

starre ich mich an

an mir vorbei

vorüber

und ins Leere

Verzerrt

in grässlichen Fratzen

in lange Gesichter

weinende Augen

schreiende Münder

Masken

Masken wohin ich sehe

Und eine Frage

widerhallt

von allen Spiegeln

Wer ist Ich?

Erotisch(es) Schreiben

Hand auf’s Herz, liebe Schreib-Kolleg*innen: Wer von euch, der Sex und Erotik in seinen Geschichten thematisiert (und wenn nur als Randerscheinung), ist noch nicht darüber verzweifelt? Ich zumindest stöhne jedes Mal, wenn es in meinen Geschichten zu erotischen Momenten kommt, eher aus Frust als aus Lust. Denn ehrlich, es ist wirklich schwer, Erotik auch erotisch auf’s Papier zu bringen.

Man schreibt das Kennenlernen der Figuren, das Näherkommen, anfängliches Interesse. Was dann kommt, ist eigentlich klar, denn (im besten Fall) weiß man ja, wie es sich anfühlen muss zwischen zwei Menschen, die einander zugeneigt sind. Und man will seine Leser*innen dieses erwartungsvolle Kribbeln, das ganze klischeebedingte Programm der sich aufbauenden Leidenschaft hautnah erleben lassen. 

Die schrittweise Überbrückung der Distanz hin zur Intimität. Zuerst durch lange, intensive Blicke. Mit Bedacht gewählte Worte, um Grenzen abzuklopfen und widerspiegelndes Interesse des Partners zu erhoffen. Die ersten, flüchtigen Berührungen. Der erste Kuss! Liebes- oder wenigstens Leidenschaftsgeflüster. Der erste Sex!!! Hurra!!!!! Leidenschaft! Erotik! Vielleicht Liebe! Die Leser*innen sind entzückt und schwitzen ihre Höschen feucht!

Oder gähnen gelangweilt.

Was noch die beste Reaktion wäre, wenn man die ganzen tollen Erotik-Szenen versemmelt hat, auf die man zuvor so stolz war. Im schlimmsten Fall lachen sich die Leser*innen schlapp und dass das kein Einzelfall wäre, beweist zum Beispiel der (wirklich geniale) Twitter-Account germanerotica. Ich liebe diese Seite, weil sie die skurrilsten und witzigsten Abgründe der Erotikliteratur (im weitesten Sinn, manches ist schlicht Porno in Buchstabenform) in Szene setzt. Was hab ich über die Beiträge schon gelacht. Bis ich vor kurzem mit einer neuen Geschichte anfing, in der es gleich im ersten Kapitel zum Sex zwischen den Protagonisten kommen soll.

Ja, ist wichtig für den Plot, aber scheiße … wie schreib ich das denn jetzt vernünftig?

Es ist nicht so, dass ich noch nie eine Sexszene geschrieben hätte. Und wie ich das habe! Die werde ich aber mit Sicherheit niemandem jemals zeigen. Ja, es sind pornöse Kurzgeschichten, von denen ich rede. Kurze Szenen, in denen kleine Fantasien einfach heruntergetippt wurden, ohne auf sprachlichen Stil, Spannungsbogen oder Realismus zu achten. Ich schreibe solche Dinge aus Spaß. Sie sind nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, ich lese sie mir meist nicht einmal mehr durch, wenn sie fertig sind.

Ich bin eigentlich ein schwafeliger Schreiber. Meine Figuren nähern sich einander langsam, die Romanze – obwohl häufig Hauptthema der Geschichte – wird in den Alltag eingeflochten, wie es im Leben halt so ist. Man konzentriert sich ja eher selten 24/7 auf ein potenzielles Loveinterest, sondern hat noch ein Leben drumherum, mit Job, Freunden, Familie, Problemen. Da kann ich das „Kribbeln“ durch Andeutungen und Wartenlassen erzeugen. Und wenn es tatsächlich zum Sex kommt, wird vorher ausgeblendet, wie in einem Film FSK 12. Nicht originell, aber häufig die bessere Lösung, bevor es zu peinlichen Floskeln kommt, die der Story die Stimmung versauen.

Es gibt kaum etwas Schlimmeres, als schlechte Sexszenen in einer ansonsten wundervollen Geschichte. Plötzlich wird der Realismus umgekehrt. Fremde Lippen schmecken nach Erdbeeren, obwohl Mensch kurz zuvor noch lässig an einer Zigarette gezogen hat. Brüste spitzen sich zu zarten Knospen zu, ein Penis ist eine Lanze der Lust, eine Vagina eine Tropfsteinhöhle und alle haben multiple Orgasmen.

Es schüttelt mich, wenn mich Sexszenen komplett aus einer Story reißen. Ich kann sogar mit Fug und Recht behaupten, dass ich, trotz der Vielzahl an Sexszenen, die ich gelesen habe, nicht eine gefunden habe, die ich als rundum gelungen empfunden habe. Vielleicht versuche ich deshalb, das Schreiben solcher Szenen zu vermeiden.

In meiner aktuell geplanten Story werde ich aber leider wohl nicht drum herum kommen. Es geht nicht um Alltag, um die Liebe im Rahmen einer anderen Handlung, sondern nur um das Miteinander zweier Menschen, in deren Leben Sex eine zentrale Rolle spielt. Und ich hadere mit mir. Denn es soll erotisch sein. Nicht pornös. Und schon gar nicht peinlich.

Und ich will den Sex auch beschreiben, denn er ist eine Schlüsselszene. Klingt vielleicht seltsam, aber so ist es. Es geht nicht um die bloße Befriedigung von Lust, sondern um eine erweiterte Art des Kennenlernens, wenn man so will.

Eine bis vor kurzem fremde Hand, die plötzlich ganz liebevoll über deine Wange streicht. Ein Blick, der noch nicht vertraut ist, sich aber intim anfühlt. Lippen auf deinem Mund. Nah, zärtlich. Finger, die die Nähe zu dir suchen, schüchtern vielleicht.

Egal wie viel Erfahrung man schon im Liebesleben gesammelt hat, der erste Sex mit einer neuen Person, ist wohl immer etwas Besonderes. Man möchte, dass es unvergesslich und schön wird. Für einen selbst und für den anderen. Nervosität gehört dazu, doch wenn das Gegenüber es schafft, einem ein sicheres Gefühl zu geben, ist es eine schöne Mischung aus Angst und Erregung.

Und jetzt pack das mal ordentlich in schöne Worte, wenn es dafür eigentlich keine passenden Worte gibt. Noch habe ich keine Lösung für dieses Problem. Ich bin auch nach wie vor auf der Suche nach gut geschriebenen Sexszenen in Büchern oder Kurzgeschichten und werde kaum fündig, trotz der in letzter Zeit stark präsenten „erotischen“ Literatur wie 50 Shades of KeinMannKönnteSoVielKohleHaben. Vielleicht bin ich auch einfach zu wählerisch in solchen Dingen. Aber ich bin ja auch älter und erfahrener geworden. Das hängt bei diesen Themen dann doch irgendwo zusammen. Geschichten von Teenies, die ihre pubertären Wunschvorstellungen niederschreiben, quittiere ich mit einem Lächeln, manchmal einem Kopfschütteln.

Wirkliche Erotik ist heiß, weil sie einen gewissen Realismus nicht vermissen lässt. Man möchte sich, seine Wünsche und Erfahrungen darin wiederfinden. Nur dann springt das Kopfkino erst richtig an. Und Lippen schmecken nun einmal nicht nach Erdbeeren, wenn man nicht vorher Erdbeeren gegessen hat. Eine Vagina ist keine nach Rosen duftende, ewig nasse Höhle. Und ein Penis ist kein eisenharter, gerade emporgerichteter Speer, sondern ein empfindsames Organ. Und es gibt mehr erogene Zonen bei Männern und Frauen, als man glaubt und Sex ist mehr als rein, raus, Höhepunkt, fertig.

Wenn ich weiß, wie ich das alles in hübsche Worte verpacken kann, werde ich mich einmal glücklich und zufrieden zurück lehnen. Bis dahin werdet ihr wohl noch mein Stöhnen hören – vor Frust, nicht Lust.

Aus den Gedanken gerissen #1

Ab und an habe ich kleine Szenen im Kopf, die zu keiner Geschichte passen und daher auch nirgends zugehörig sind. Ich entscheide mich nun immer öfter dazu, diese einfach aufzuschreiben. Auch wenn sie so beliebig sind. Vielleicht gefällt ja das ein oder andere.

 
„Hör mir zu.“ Seine raue Hand umklammerte meinen Arm. Ich versuchte, mich loszureißen, aber auch jetzt noch hatte er mehr Kraft als ich. „Ich bitte dich. Hör mir zu.“ Es hatte keinen Sinn, mich weiter zu wehren, doch ich wollte nicht hören, was er mir zu sagen hatte. Nicht jetzt. Nicht so. Seine Hände berührten meine Schulterblätter. Sanft. Ich konnte seinen Atem hören. Er war mir näher als jemals zuvor. Meine Kehle schnürte sich zu, doch ich zwang meine Stimme fest und klar zu klingen.

„Egal, was du mir zu sagen hast, kannst du mir auch morgen Abend sagen.“

Er schwieg. Eine Ewigkeit, so kam es mir vor. Er streichelte meine Schultern. Ich konnte seinen Blick erahnen, ohne ihn zu sehen. Die Augenlider niedergeschlagen, ein Lächeln um die Lippen, halb traurig, halb amüsiert.

„Ich will es dir jetzt sagen“, sagte er leise. Erlaubte seiner Stimme das unsichere Zittern, welches ich meiner versagt hatte. „Vielleicht gibt es kein Morgen für mich.“

„Sag das nicht. Es wird gut gehen.“ Es war die blinde Verzweiflung, die so stoisch aus mir sprach. Er wusste das. Der Griff um meine Schultern wurde fester, zwang mich, mich ihm zuzuwenden. Ich konnte die Angst aus meiner Stimme verbannen, doch meine Augen konnten die Lüge nicht vor ihm verbergen.

„Die Ärzte geben mir eine 50 zu 50-Chance, dass die OP gut verläuft. Es kann so viel passieren.“ Sein Lächeln. Dieses Lächeln, das mich wahnsinnig machte. Das ehrliche, blanke Lächeln, das er so selten zeigte. Es machte mir noch mehr Angst. Auch mein energisches Kopfschütteln konnte meine Tränen nicht mehr zurück halten. Ich konnte seine Finger auf meinen Wangen spüren, seine Stirn an meiner.

„Es tut mir so leid“, hauchte er mir entgegen.

„Nein, hör auf, ich will es nicht hören.“ Ich wollte ihn wegstoßen und krallte mich doch fester an ihn. An ihn, den großen Mann, den Fels, der immer Halt versprach und nun in seinen Grundfesten erschüttert hier vor mir stand. Irgendwo zwischen Leben und Tod.

„Es tut mir Leid. Ich liebe dich, weißt du?“

„Lass das, bitte.“

„Ich liebe dich.“

„Hör auf.“

„Nein, ich muss es dir sagen. Ich will es dir sagen, so oft ich noch kann.“ Er zwang mich, ihn anzusehen, seinem flehenden Blick standzuhalten. „Ich liebe dich.“

„Hör gefälligst auf, dich zu verabschieden.“ Ich schrie ihn beinahe an, warf mich ihm entgegen und schluchzte hemmungslos gegen seine Brust. „Hör auf, dich zu verabschieden …“

Eine Weile standen wir so da. Ich versteckte mein verheultes Gesicht in seinem Shirt, er seines in meinem Haar. Ich fühlte, wie wir beide zerbrachen.

„Ich liebe dich auch.“ Meine Stimme war noch belegt, als ich an der Tür stand und zu ihm zurückblickte. Er wirkte so fehl am Platz auf diesem kahlen Krankenhausbett, doch er strahlte inmitten der Scherben, die gerade noch sein Leben waren. Und ich stand plötzlich mitten drin. Aber nein, nicht plötzlich. Langsam hatten sich unsere Leben verbunden. Wir hätten es beinahe nicht bemerkt. Bis jetzt. Meine Lippen legten sich auf seine. Ich weiß nicht, wieso ich noch einmal in seine Arme zurückgefallen war, in seinen Scherben tanzte. Ich wollte es nicht nach Abschied aussehen lassen, doch wenn es einer sein würde, wollte ich ihn unvergesslich machen. Wollte nichts bereuen. Als wir uns voneinander lösten, trafen sich unsere Blicke noch einmal und verloren sich ins Unendliche.

„Bis morgen“, flüsterte ich und strich ihm über die Wange.

„Bis morgen“, flüsterte er, warf sich ins Ungewisse und entließ mich in die Zeit. Ins Morgen.

Verloren

Ich habe meine Sprache verloren.

Es ist nicht so, dass ich nicht mehr schreiben möchte. Ich möchte, ich will – muss sogar, wenn ich ehrlich bin. Aber je mehr ich einfach drauflos schreibe, desto mehr erkenne ich, dass ich meine Sprache verloren habe. Das Gefühl für Worte, Schwingungen von Sätzen. Irgendwo zwischen dem ganzen Chaos, das sich aktuell mein Leben nennt, hat es sich still und leise von mir entfernt. Ohne Abschiedsgruß und Lebewohl.

Was geblieben ist, sind die Selbstzweifel, wenn ich Sätze lese, die ich mir dennoch abgerungen habe. Obwohl ich schon beim Aufschreiben spürte, dass es nicht richtig ist. 

Dialoge so hölzern und undynamisch, dass sie selbst für die gescriptete Realität von RTL zu platt wären.

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich in letzter Zeit nicht lese. Gar nicht. Meine Bücher sind alle bereits in (viele) Kartons gepackt und warten darauf, dass unser Haus fertig gebaut und eingerichtet wird. 

Vielleicht, wenn das alles vorbei ist, kommt ja meine Sprache wieder zu mir zurück? Wenn ich den Duft der alten und neuen Seiten wieder atmen und meine Gedanken zwischen den schier unendlichen gedruckten Zeilen spazieren führen kann? Ich möchte mich wieder selbst kennen lernen. Meine Stimme wiederfinden. Mich als Autorin wiederfinden. 

Ich vermisse mich.