Aus den Gedanken gerissen #2

Die Lichter der Stadt spiegelten sich in der dunklen, glatten Fläche des Flusses. Und plötzlich wirkte diese provinzielle Ansammlung von Stein und Stahl und Beton wie eine Metropole unter dem glühenden Nachthimmel. So oft hatte ich hier gestanden in den letzten Jahren – Jahrzehnten – und diesen Anblick meiner Stadt genossen. Und wie oft hatte ich Frauen hierher mitgenommen. Meist, um für den romantischen Ausblick einen Abend oder eine Nacht zu bekommen. So gut wie alle meine Beziehungen begannen hier ernst zu werden und schwierige Affären wurden einfacher. Ich dachte, dieser Ort wäre mein Refugium. Der Platz, an dem ich mich sicher fühlen konnte, im Vorteil wäre. Doch nun blickte ich beinahe schüchtern auf die junge Frau neben mich. Alles an ihr schien in diesem Moment besonders zu sein. Von ihren Zehenspitzen, die mit dem noch warmen Gras spielten, über ihren Oberkörper, der lässig an der Innenwand meines Busses lehnte, bis zu ihrem Blick, der das Lichterschauspiel in der Ferne betrachtete. Stundenlang hatten wir geredet. Hatten die Worte aus dem anderen ausgesaugt, als hätten wir zum ersten Mal eine andere menschliche Stimme gehört. Nun umhüllte uns Schweigen wie ein Mantel aus weicher Seide. Leicht, unsichtbar, kühlend. Wie lange war es her, dass ich mich von einem anderen Menschen so eingenommen gefühlt hatte?Mein Fuß streifte ihren im Gras und unsere Blicke trafen sich. Ihre großen, schönen Augen offen fragend. Würde ich mich von der Berührung zurückziehen? In dem Moment, da ich darüber nachdachte, merkte ich, wie sich ein Lächeln auf mein Gesicht stahl. Und ich hielt ihrem Blick stand, als sie sich aufrichtete und mir näher kam. Eine Hand strich über meine Wange und für einen Wimpernschlag hielt ich die Luft an. Bevor sie mich küsste, konnte ich die Lichter der Stadt in ihren hellen Augen sehen. Weiche Lippen kosteten von meinem Mund, während feine Fingerspitzen über mein Gesicht und meinen Hals fuhren. Ich konnte nicht umhin, sie näher an mich zu ziehen und bevor ich wusste, was ich tat, erkundeten meine Hände ihren Körper. Mit jedem Kuss, jeder Berührung, jedem halb unterdrückten Seufzer, steigerte sie meine Lust. Ich wurde fordernder, je intensiver sie sich an mich presste. Ihr Becken drückte gegen meine Lenden, ich spürte ihr elektrisiertes Zittern, als ich unter ihren BH glitt und ihre Brüste knetete. Sie wollte den Kuss unterbrechen, doch ich drückte ihren Mund zurück auf meinen, aus Furcht, sie könnte es sich anders überlegen und mich allein lassen. Ich wollte sie ganz. Nicht nur ihren Körper, sondern alles von ihr und noch mehr. Ihr Stöhnen, als ich ihre Brustwarzen mit meinen Fingerspitzen liebkoste, trieb mich fast in den Wahnsinn. Sie hatte die Brücke zwischen uns überwunden, ich wollte sie einreißen, damit sie nicht mehr zurück konnte. Ich umfasste sie und hob sie hoch, nur um sie endlich auf den Boden des Wagens zu legen und sie unter mir zu begraben. Sie so zu spüren, ihren Atem, das Beben ihres Körpers, die Hitze ihrer Haut unter meinen Händen, hatte ich nie für möglich gehalten. Als Verdurstender in der Wüste trank ich von ihren Lippen wie von einer Oase und bekam nicht genug, bis sie endlich nackt und offen vor mir lag. Ich atmete ihre Lust nach mir, fraß sie mit gierigen Augen vollkommen auf. Ihre Lippen flehten stumm und ich gab mich ihr hin. Vollkommen.

Verloren

Ich habe meine Sprache verloren.

Es ist nicht so, dass ich nicht mehr schreiben möchte. Ich möchte, ich will – muss sogar, wenn ich ehrlich bin. Aber je mehr ich einfach drauflos schreibe, desto mehr erkenne ich, dass ich meine Sprache verloren habe. Das Gefühl für Worte, Schwingungen von Sätzen. Irgendwo zwischen dem ganzen Chaos, das sich aktuell mein Leben nennt, hat es sich still und leise von mir entfernt. Ohne Abschiedsgruß und Lebewohl.

Was geblieben ist, sind die Selbstzweifel, wenn ich Sätze lese, die ich mir dennoch abgerungen habe. Obwohl ich schon beim Aufschreiben spürte, dass es nicht richtig ist. 

Dialoge so hölzern und undynamisch, dass sie selbst für die gescriptete Realität von RTL zu platt wären.

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich in letzter Zeit nicht lese. Gar nicht. Meine Bücher sind alle bereits in (viele) Kartons gepackt und warten darauf, dass unser Haus fertig gebaut und eingerichtet wird. 

Vielleicht, wenn das alles vorbei ist, kommt ja meine Sprache wieder zu mir zurück? Wenn ich den Duft der alten und neuen Seiten wieder atmen und meine Gedanken zwischen den schier unendlichen gedruckten Zeilen spazieren führen kann? Ich möchte mich wieder selbst kennen lernen. Meine Stimme wiederfinden. Mich als Autorin wiederfinden. 

Ich vermisse mich.

Frühlings Erwachen



Regennasse Fensterscheiben

wasserperlenbehangen

kalt

an meiner heißen Stirn

sanftes Regentropfenklopfen

hallt in meinen Ohren


Lauer Frühlingssonnenstrahl

ich sehne dich herbei



Lodernd in meiner Brust

der Drang nach neuen

Taten

gefesselt noch, verschlossen

verbrennt er langsam, stetig

seine Ketten


Raus will ich

raus aus dieser Enge



Den trüben Staub langer

viel zu langer Winternächte

abwerfen

und Wind und Sonne

und Gras und Erde

wieder sehen, fühlen, schmecken


Kein Kuss brennt heiß genug,

um mich zurückzuhalten



Die glühende Stirn

gelehnt an regennasser

Scheibe

das sanfte Klopfen

in meinen Ohren

ein nicht zu ertragenes Schreien


Ich will sie zerschlagen

und herausbrechen ins Freie

25

Die Mittzwanziger scheinen aktuell ein Thema zu sein in den sozialen Netzwerken und den „Jung“Medien. So brachte ze.tt einen Artikel über eine 25-Jährige Amerikanerin, die Gedichte über ihr tägliches Leben schreibt, kurz, prägnant, witzig und persönlich. Etwas zum Identifizieren und um (über sich selbst) einfach mal zu schmunzeln. 

In meiner Lieblings-Online-Zeitung „bento“ erschien gestern ein Artikel von einer 24-Jährigen über das Erwachsensein. Es ging um farblich zur Tischdeko passende Untersetzer, um Kartoffelgratin, Kontoeröffnungen und Fischbrötchen. Also um die Spießigkeit des Lebens, die einzieht, wenn man älter wird.

Der bento-Artikel war eher mäßig, etwas zu blumig und gedankenversunken in Oberflächlichkeiten, zu aufgesetzt philosophisch und dadurch an Altbackenheit kaum zu überbieten. Der Artikel der ze.tt war interessant und beleuchtete das Leben der Künstlerin Samantha Jayne und ihre Kunst. Man ließ die Künstlerin aus ihrer Sicht sprechen, das machte ihre Einstellung und ihre Lebensart weniger aufdringlich.

Ich bin jetzt seit einigen Wochen 25, habe also die magische Grenze zwischen „fast noch Teenager“ zu „Alter, fast 30“ erreicht. Und manchmal hängt man doch mit den Gedanken in der Vergangenheit und reflektiert darüber, was man sich vor 10 Jahren – mitten in der Pubertät – von seinem derzeitigen Ich gewünscht hatte. In der Regel gehen die Teenie-Träume nicht in Erfüllung. 

Ich zB wollte immer hauptberuflich Schreiben und niemals, unter gar keinen Umständen einen 40h/Woche-Job im Büro haben. Ich wollte Journalistin sein, Autorin, kreativ und abenteuerlustig, wunderschön und begehrenswert, gefeiert in den großen Kreisen von Kunst und Kultur.

So habe ich mir meine Zukunft vorgestellt, als ich 15 war. 

Heute sitze ich 40h/Woche in einem kalten Büro, komme durch das tägliche Pendeln zwischen Wohnort und Arbeitsstätte und der Erziehung meines Kindes kaum noch zum Schreiben. Kreativität herrscht in meinem Kopf als wütendes, überschäumendes, gedankenlähmendes Chaos, das nicht raus kann, weil andere Dinge wichtiger sind, als das andere Ich in mir.

Das andere Ich, das keine Pflichten haben will.

Aber Ich, das primäre und dominante, weiß, dass es Verpflichtungen hat, die keinen Aufschub dulden, dass es nicht nach dem gehen kann, was es gerne möchte, sondern nach dem, was es machen muss. Und dann weint und schreit das andere Ich und manchmal höre ich daraus, die enttäuschte 15-Jährige, die sich ihr Leben doch so ganz anders ausgemalt hatte.

Und ich erkläre ihr, dass es sehr gut ist, wie es ist. Dass man für neue Wünsche und Träume die alten manchmal auf Eis legen muss, weil sie eben zu diesem Zeitpunkt nicht in das aktuelle Lebenskonzept passen. Dass ihre zukünftige kleine Familie das Beste ist, was ihr passieren konnte, trotz des Stress‘ und der nicht gelebten Träume. Denn wenn ich ehrlich zu mir bin, dann weiß ich, dass ich diesen Traum nie so gelebt hätte, wie ich ihn mir damals erträumt hatte. Selbst wenn alles andere vielleicht gepasst hätte und ich die Chance auf diesen Erfolg gehabt hätte. Ich bin nicht der Mensch für ein aufregendes Jetset-Leben, für Partys und oberflächliche Kontaktpflege. Ich bin der Mensch, der abends mit seinen Lieben auf der Couch sitzt und einen Film guckt.

Diese bedingte Rationalität kam zu meinem Erwachsenwerden dazu. Die Fähigkeit, meine nach wie vor sehr dominanten Emotionen auch einmal abzuschalten und etwas einfach nüchtern zu betrachten. Es ist eine schöne Fähigkeit, die ich in Zukunft ausbauen möchte. Auch um mein anderes Ich weiter zu zähmen, wieder in geordnete Bahnen zu lenken und mit ihm gemeinsam irgendwann glücklich zu leben.

Ich habe noch viel zu lernen.

Diese Erkenntnis war die wichtigste der letzten 5 Jahre. Ich bin noch jung. Mit 25 ist man noch sehr jung. Man wird in seinem Leben noch viele Fehler machen, man wird noch oft albern und kindisch sein – mit etwas Glück bis an sein Lebensende. Man wird hinfallen und aufstehen, gute und schlechte Tage haben.

Das Erwachsensein hat gerade erst begonnen. Und ich habe die meiste Zeit noch vor mir. Ich werde mich noch unzählige Male verändern, weiterentwickeln, mein Leben aus anderen Perspektiven betrachten.

Wer weiß, wo ich in 10 Jahren bin? Dann bin ich 35.

Ich wünsche mir für die nächsten 10 Jahre nicht viel an Veränderungen. Außer, dass ich mehr Zeit haben möchte. Für die Familie, vielleicht auch zum Schreiben. In 10 Jahren möchte ich wenigstens 2 Bücher beendet haben. Ob das klappt? Wer weiß? In den letzten 10 Jahren hat es das nicht. Aber es hat sich viel verändert.

Ich bin das Kind unter den Erwachsenen. Ich habe in diesem Lebensabschnitt gerade erst das Laufen gelernt und stolpere und brabble noch vor mich hin. Es ist verrückt zu denken, dass man von Anfang an alles richtig macht. Und es sollte auch nicht verlangt werden. 

Erwachsenwerden ist ein Prozess, der sich durch das ganze Leben zieht und nicht plötzlich einsetzt und genauso plötzlich abschließt.

Junger Kultur- und Medienjournalismus

Vielleicht hat es der ein oder andere schon mitbekommen. Spiegel Online hat seit einiger Zeit sowas wie eine „Jugendseite“, auf der junge Nachwuchsjournalisten über ihre Lebenserfahrungen, Gedanken und Beobachtungen schreiben.

Im Endeffekt kommt es einem vor wie ein großer bunter Blog, in dem so viele Themen aus den aktuellen Trends abgegrast werden, wie möglich. 

Das Konzept ist nicht neu, wurde es doch vom Stern schon in den frühen Nuller-Jahren realisiert, lange vor dem Smartphone-Boom und Social Media. Auch der Zeitverlag brachte mit „ze.tt“eine moderne und jugendlichere Form von sich ins Rennen. Seit Oktober ist nun auch Spiegel Online dabei mit ihrer japanischen Lunchbox.

Prinzipiell finde ich das Prinzip gut, dass man neben den „großen Nachrichten“ auch das thematisiert, was vielleicht global unwichtig, aber dennoch für eine jüngere Generation interessant ist. Gerade im Bereich social media sind die 15- bis 30-Jährigen versierter und sicherer als ein alteingesessener Journalist, der zwar sein Handwerk beherrscht, jedoch nicht mehr den Blick für das Jugendliche hat. Ich kann sogar damit leben, dass die Artikel häufig wenig bis gar nichts mit Journalismus zu tun haben.

Eine Sache fällt mir jedoch immer wieder negativ auf, wenn ich Artikel lese, die sich mit der angeblichen und tatsächlichen Lebensrealität junger Menschen zu beschäftigen scheint: die Einseitigkeit.

Natürlich können die Schreiberlinge bei bento, ze.tt und Co. nur von ihren eigenen Erfahrungen berichten. Heraus kommt jedoch ein avantgardistischer Einheitsbrei einer geisteswissenschaftlichen Elite, deren Weg in den gehobenen Journalismus oder die Kunst- und Kulturszene feststeht. Mitunter gönnerhaft und arrogant erzählen Mittzwanziger, was man im Studium unbedingt erlebt haben muss, von sexuellen Abenteuern, die schon in den 90ern keine Oma mehr die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätte oder von der ewigen Debatte wie weit die digitale Welt unser Leben bestimmen sollte. Individualität wird gefordert, gleichzeitig werden „Randgruppen“ milde belächelt. 

Irgendwo zwischen Veganschick und Wurstgate-Lachern stelle zumindest ich immer wieder fest, dass dies nichts mit meiner Lebensrealität zu tun hat. Und ich liege mit meinen 25 Jahren und meinem am Arm quasi festgewachsenen Smartphone, dem viel zu viel frequentierten Twitteraccount und meinem nicht allzu unterirdischen IQ eigentlich voll in der Zielgruppe.

Woran liegt es also? Daran, dass ich einen Vollzeitjob und ein Kind habe? Dass meine Realität zwischen Bahnfahrten, Büroarbeit und Gute-Nacht-Liedern pendelt? Dass ich es nicht schaffe, die Kraft und die Zeit dafür aufzubringen, jedem Selbstverwirklichungstrend nachzueifern, weil ich genug damit zu tun habe, meine Familie, meine Beziehung und mein Berufsleben am Laufen zu halten? Weil ich arbeiten muss, um überhaupt ein Leben zu leben? 

Die zwanghafte Jugendkultur liegt mir nicht. Ich bin jung, ich habe junge Interessen, bin mitunter kindisch und affig. Aber mit 25, abgeschlossenem Studium, befristeten Arbeitsverträgen und Familie kann ich mich beim besten Willen nicht mehr als Jugendliche sehen. Und ich finde es seltsam, wenn Leute, die älter sind als ich, diesen Schein aufrecht erhalten wollen. Den Geist unbändiger 18-Jähriger trifft man so dennoch nicht.

Paradies

Wasser
es fließt
klar und rein
über meine Hände

Ich starre
auf die Perlen
die von meiner Haut rinnen
und verschwinden
im dunklen Abfluss

Ich fülle
meine Hände
und trinke
bis mein Magen schmerzt

Der Himmel
grau von Regenwolken
sie werfen Schatten
auf das sattgrüne Land
durchzogen von Seen und Flüssen

Und Menschen
und Pflanzen
und Tiere
sie alle trinken

Und ich starre
auf das Wasser
das fließt
überall
zu jeder Zeit

Und ich denke
ist dies
vielleicht
das Paradies?

~ELW, 05.08.2015