Spiegelkabinett

Kaltes Glas

brennt sich in meine Fußsohlen

Und überall

überall um mich

bin ich

Tausend- und millionenfach

starre ich mich an

an mir vorbei

vorüber

und ins Leere

Verzerrt

in grässlichen Fratzen

in lange Gesichter

weinende Augen

schreiende Münder

Masken

Masken wohin ich sehe

Und eine Frage

widerhallt

von allen Spiegeln

Wer ist Ich?

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Verbotene Gedanken

Da sind sie wieder. Ganz plötzlich stehen sie da, die Wörter in der Suchmaschine, die dort nicht stehen sollten.

„sicher“

„schmerzfrei“

„schnell“

„Suizid“

Als ich es realisiere, nicht nur die Worte, sondern auch meinen Gedanken dahinter, lege ich mein Handy beiseite. Erschrocken von mir selbst, fange ich an zu weinen. Das hatten wir doch hinter uns gelassen, sage ich mir. Was willst du denn noch, du bist doch angekommen? Zufrieden und glücklich solltest du sein. In deinem sicheren Job, deinem hübschen Haus mit deiner Familie. Du solltest glücklich sein.

Ich sollte. Ich weiß, ich sollte. Wieso bin ich es dann nicht? Es gibt keinen rationalen Grund für mich, nicht glücklich zu sein. Und die Frage nach dem Warum macht es einfach nur noch schlimmer.

Das Warum zermürbt den letzten Rest meiner Contenance.

Und um es zu vergessen, suche ich nach Bestätigung. Nach der Bestätigung meines Lebens, nach Gefühlen, die ich nicht finde. Wer bin ich eigentlich, mein Glück über das der anderen zu stellen?

Es könnte alles so schön sein, wenn ich jemand anders wäre.

Aber wer will ich sein? Und wer könnte ich sein? Und wer bin ich überhaupt?

Ich möchte doch nur einmal das Gefühl haben, dass ich – einfach ich – ganz ausreichend bin.

Es könnte so schön sein, wenn ich anders wäre.

Mein schuldhaftes Begehren

Ich hatte heute einen Gedanken. Einen Ausblick auf einen Moment, der irgendwann in Zukunft kommen wird. Ein Moment, vor dem ich mich plötzlich ein wenig fürchte. Und ich habe ein schlechtes Gewissen.

Es ist kein Geheimnis. Du bist mein geheimes Verlangen. Ein sündiger Traum. Wunschvorstellung. Mein Waswärewenn-Gedanke. Das funktioniert ganz gut als running gag zwischen uns. Als unausgesprochenes Vielleicht-Vielleichtauchnicht. 

Aber es wird der Moment kommen, an dem ist das Träumen vorbei und du ziehst dich – ganz ernsthaft – zu jemand anderem. Dann wird aus dem Waswärewenn ein Niemals. Und ich wünsche es dir eigentlich so sehr. Dass du glücklich bist, dass du kein Vielleicht bist. Aber gleichzeitig habe ich Angst, dass sich in diesem Moment etwas zwischen uns verändert. Und gerade ich sollte doch eigentlich nicht davon sprechen. Ich sollte ja nicht einmal träumen. Nicht einmal im Waswärewenn. Und tue es doch. 

Die Wolken im Kopf

Da sind Wolken in meinem Kopf. Manchmal sind sie hell und weich wie Watte. Ich kann durch sie nicht nur das Licht hindurchscheinen sehen, sondern sie verschönern es sogar, machen es heller, weicher, wärmer. Im Moment ist da nur eine dunkle Wolke. Sie ist wie ein Schwamm, der alles aufsaugt, auch das Licht. Vor allem das Licht. Und die Gefühle. Ausgenommen die Verzweiflung. Und sie lässt mich im Dunkel sitzen, allein mit dem Schmerz.

Ich weiß, dass da Licht ist und Wärme und Liebe. Aber ich sehe es nicht. Und ich fühle es nicht.

Da ist nur der nagende Zweifel. Selbstzweifel vor allem, der zu Selbsthass erwächst. Weil ich mal wieder am Leben scheitere und alle um mich herum enttäusche. Weil ich nicht so stark sein kann, wie ich müsste – muss. Ich muss stark sein, aber ich bin schwach und klein.

Und der Selbsthass steigert sich, aber ich muss lächeln, lachen, fröhlich sein und weiter machen, egal wie weit sich die Verzweiflung steigert. Es gibt diesen einen Grund, der mich weiter machen lässt.

Ihm fehlen zwei Schneidezähne und er nennt mich „Mama“.

Bitte lass mich nicht ertrinken …

Aus den Gedanken gerissen #2

Die Lichter der Stadt spiegelten sich in der dunklen, glatten Fläche des Flusses. Und plötzlich wirkte diese provinzielle Ansammlung von Stein und Stahl und Beton wie eine Metropole unter dem glühenden Nachthimmel. So oft hatte ich hier gestanden in den letzten Jahren – Jahrzehnten – und diesen Anblick meiner Stadt genossen. Und wie oft hatte ich Frauen hierher mitgenommen. Meist, um für den romantischen Ausblick einen Abend oder eine Nacht zu bekommen. So gut wie alle meine Beziehungen begannen hier ernst zu werden und schwierige Affären wurden einfacher. Ich dachte, dieser Ort wäre mein Refugium. Der Platz, an dem ich mich sicher fühlen konnte, im Vorteil wäre. Doch nun blickte ich beinahe schüchtern auf die junge Frau neben mich. Alles an ihr schien in diesem Moment besonders zu sein. Von ihren Zehenspitzen, die mit dem noch warmen Gras spielten, über ihren Oberkörper, der lässig an der Innenwand meines Busses lehnte, bis zu ihrem Blick, der das Lichterschauspiel in der Ferne betrachtete. Stundenlang hatten wir geredet. Hatten die Worte aus dem anderen ausgesaugt, als hätten wir zum ersten Mal eine andere menschliche Stimme gehört. Nun umhüllte uns Schweigen wie ein Mantel aus weicher Seide. Leicht, unsichtbar, kühlend. Wie lange war es her, dass ich mich von einem anderen Menschen so eingenommen gefühlt hatte?Mein Fuß streifte ihren im Gras und unsere Blicke trafen sich. Ihre großen, schönen Augen offen fragend. Würde ich mich von der Berührung zurückziehen? In dem Moment, da ich darüber nachdachte, merkte ich, wie sich ein Lächeln auf mein Gesicht stahl. Und ich hielt ihrem Blick stand, als sie sich aufrichtete und mir näher kam. Eine Hand strich über meine Wange und für einen Wimpernschlag hielt ich die Luft an. Bevor sie mich küsste, konnte ich die Lichter der Stadt in ihren hellen Augen sehen. Weiche Lippen kosteten von meinem Mund, während feine Fingerspitzen über mein Gesicht und meinen Hals fuhren. Ich konnte nicht umhin, sie näher an mich zu ziehen und bevor ich wusste, was ich tat, erkundeten meine Hände ihren Körper. Mit jedem Kuss, jeder Berührung, jedem halb unterdrückten Seufzer, steigerte sie meine Lust. Ich wurde fordernder, je intensiver sie sich an mich presste. Ihr Becken drückte gegen meine Lenden, ich spürte ihr elektrisiertes Zittern, als ich unter ihren BH glitt und ihre Brüste knetete. Sie wollte den Kuss unterbrechen, doch ich drückte ihren Mund zurück auf meinen, aus Furcht, sie könnte es sich anders überlegen und mich allein lassen. Ich wollte sie ganz. Nicht nur ihren Körper, sondern alles von ihr und noch mehr. Ihr Stöhnen, als ich ihre Brustwarzen mit meinen Fingerspitzen liebkoste, trieb mich fast in den Wahnsinn. Sie hatte die Brücke zwischen uns überwunden, ich wollte sie einreißen, damit sie nicht mehr zurück konnte. Ich umfasste sie und hob sie hoch, nur um sie endlich auf den Boden des Wagens zu legen und sie unter mir zu begraben. Sie so zu spüren, ihren Atem, das Beben ihres Körpers, die Hitze ihrer Haut unter meinen Händen, hatte ich nie für möglich gehalten. Als Verdurstender in der Wüste trank ich von ihren Lippen wie von einer Oase und bekam nicht genug, bis sie endlich nackt und offen vor mir lag. Ich atmete ihre Lust nach mir, fraß sie mit gierigen Augen vollkommen auf. Ihre Lippen flehten stumm und ich gab mich ihr hin. Vollkommen.

Verloren

Ich habe meine Sprache verloren.

Es ist nicht so, dass ich nicht mehr schreiben möchte. Ich möchte, ich will – muss sogar, wenn ich ehrlich bin. Aber je mehr ich einfach drauflos schreibe, desto mehr erkenne ich, dass ich meine Sprache verloren habe. Das Gefühl für Worte, Schwingungen von Sätzen. Irgendwo zwischen dem ganzen Chaos, das sich aktuell mein Leben nennt, hat es sich still und leise von mir entfernt. Ohne Abschiedsgruß und Lebewohl.

Was geblieben ist, sind die Selbstzweifel, wenn ich Sätze lese, die ich mir dennoch abgerungen habe. Obwohl ich schon beim Aufschreiben spürte, dass es nicht richtig ist. 

Dialoge so hölzern und undynamisch, dass sie selbst für die gescriptete Realität von RTL zu platt wären.

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich in letzter Zeit nicht lese. Gar nicht. Meine Bücher sind alle bereits in (viele) Kartons gepackt und warten darauf, dass unser Haus fertig gebaut und eingerichtet wird. 

Vielleicht, wenn das alles vorbei ist, kommt ja meine Sprache wieder zu mir zurück? Wenn ich den Duft der alten und neuen Seiten wieder atmen und meine Gedanken zwischen den schier unendlichen gedruckten Zeilen spazieren führen kann? Ich möchte mich wieder selbst kennen lernen. Meine Stimme wiederfinden. Mich als Autorin wiederfinden. 

Ich vermisse mich.

Frühlings Erwachen



Regennasse Fensterscheiben

wasserperlenbehangen

kalt

an meiner heißen Stirn

sanftes Regentropfenklopfen

hallt in meinen Ohren


Lauer Frühlingssonnenstrahl

ich sehne dich herbei



Lodernd in meiner Brust

der Drang nach neuen

Taten

gefesselt noch, verschlossen

verbrennt er langsam, stetig

seine Ketten


Raus will ich

raus aus dieser Enge



Den trüben Staub langer

viel zu langer Winternächte

abwerfen

und Wind und Sonne

und Gras und Erde

wieder sehen, fühlen, schmecken


Kein Kuss brennt heiß genug,

um mich zurückzuhalten



Die glühende Stirn

gelehnt an regennasser

Scheibe

das sanfte Klopfen

in meinen Ohren

ein nicht zu ertragenes Schreien


Ich will sie zerschlagen

und herausbrechen ins Freie