Mein schuldhaftes Begehren

Ich hatte heute einen Gedanken. Einen Ausblick auf einen Moment, der irgendwann in Zukunft kommen wird. Ein Moment, vor dem ich mich plötzlich ein wenig fürchte. Und ich habe ein schlechtes Gewissen.

Es ist kein Geheimnis. Du bist mein geheimes Verlangen. Ein sündiger Traum. Wunschvorstellung. Mein Waswärewenn-Gedanke. Das funktioniert ganz gut als running gag zwischen uns. Als unausgesprochenes Vielleicht-Vielleichtauchnicht. 

Aber es wird der Moment kommen, an dem ist das Träumen vorbei und du ziehst dich – ganz ernsthaft – zu jemand anderem. Dann wird aus dem Waswärewenn ein Niemals. Und ich wünsche es dir eigentlich so sehr. Dass du glücklich bist, dass du kein Vielleicht bist. Aber gleichzeitig habe ich Angst, dass sich in diesem Moment etwas zwischen uns verändert. Und gerade ich sollte doch eigentlich nicht davon sprechen. Ich sollte ja nicht einmal träumen. Nicht einmal im Waswärewenn. Und tue es doch. 

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Verzerrte Wahrnehmung

Ich hatte schon immer ein problematisches und stark ambivalentes Verhältnis zu meinem Äußeren. „Schon immer“ ist dabei vermutlich übertrieben, aber zumindest seitdem ich mir meiner Weiblichkeit bewusst war.

Ich wurde als Jugendliche oft von Erwachsenen mit Komplimenten bedacht. Im Gegenzug dazu mobbten mich liebe Mitschüler in eine schwere Depression und eine Essstörung mit Aussagen wie „Fetti“, „hässliche Kuh“, „Sauschlampe“, und und und.

Auch nachdem das Mobbing aufhörte, die Schule vorbei war und ich älter wurde, einen Mann kennenlernte, ein Kind bekam, blieb mir die Schuld und das Unwohlsein, welches ich empfand, wenn ich mich in meiner Haut einfach nur einmal wohlfühlte. Hinzu kommt, dass ich den Blick für mich selbst verloren habe.

Ich kann nicht einschätzen, wie ich aussehe oder wirke. Es fiel mir schwer, die starke Gewichtszunahme während und nach der Schwangerschaft einzuschätzen. Fotos von mir habe ich eh immer gehasst, deswegen meide ich sie von vornherein, wo es nur geht. Durch die Essstörung empfand ich mich darüber hinaus immer als „zu dick“, auch als ich zeitweise nur noch knapp 45kg bei 1,68m Körpergröße gewogen habe. Dass ich bei 86kg tatsächlich körperliche Beschwerden durch das reale Übergewicht bekam, war für mich eher ein Segen. Ich konnte auf etwas vertrauen, was ich nicht erst optisch erkennen musste.

Jetzt wiege ich 59kg und plötzlich bekomme ich Kommentare, dass es „zu wenig“ ist. Ich empfinde das natürlich nicht so und meine alte Essstörung flüstert mir höhnisch zu, dass es hier und da und dort weniger sein könnte. Das Problem, dass ich mich selbst nicht sehen kann, bleibt weiter bestehen und es bezieht sich nicht nur auf meinen Körper, sondern auf alles an mir.

Welche Kleidung mir zB steht, kann ich nicht einschätzen. Dass mir rot mehr steht als gelb, weiß ich nur, weil meine Mutter mir das gesagt hat. Ich gehe sehr selten alleine einkaufen, aus Angst, etwas auszusuchen, was gar nicht zu mir passt. (Und weil ich shoppen gehen hasse, wenn ich ehrlich bin, wie kann man sowas als Hobby haben?)

Wenn ich ein Selfie von mir mache, weil ich denke, dass ich doch eigentlich gar nicht so hässlich bin, ist es dasselbe. Im ersten Moment ist es in Ordnung, doch dann springen mich meine optischen Fehler mit aller Macht an. Die Nase ist zu breit, der Mund schief, die Lippen nicht voll, die Haut unrein, die Kieferknochen zu breit, die Haare wie Stroh und wie gucke ich eigentlich schon wieder? Und ich fühle mich schuldig, weil ich für einen flüchtigen Moment der Arroganz und Eitelkeit dachte, ich sei eigentlich annehmbar, vielleicht sogar sowas wie hübsch. Und dann habe ich den Blick wieder verloren und weiß mich nicht einzuordnen.

Natürlich ist das ein absolutes Luxusproblem. Ich möchte das übrigens auch nicht als ein „fishing for compliments“ verstehen. Ich freue mich über Komplimente (wer nicht?), aber am Ende geben sie mir nicht das Gefühl für mich selbst zurück. Ich kann weiterhin nicht meinen Anblick im Spiegel ertragen oder mich selbst auf Fotos. Und das Bedürfnis, mich zu verstecken, bleibt leider auch bestehen.

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Aus den Gedanken gerissen #1

Ab und an habe ich kleine Szenen im Kopf, die zu keiner Geschichte passen und daher auch nirgends zugehörig sind. Ich entscheide mich nun immer öfter dazu, diese einfach aufzuschreiben. Auch wenn sie so beliebig sind. Vielleicht gefällt ja das ein oder andere.

 
„Hör mir zu.“ Seine raue Hand umklammerte meinen Arm. Ich versuchte, mich loszureißen, aber auch jetzt noch hatte er mehr Kraft als ich. „Ich bitte dich. Hör mir zu.“ Es hatte keinen Sinn, mich weiter zu wehren, doch ich wollte nicht hören, was er mir zu sagen hatte. Nicht jetzt. Nicht so. Seine Hände berührten meine Schulterblätter. Sanft. Ich konnte seinen Atem hören. Er war mir näher als jemals zuvor. Meine Kehle schnürte sich zu, doch ich zwang meine Stimme fest und klar zu klingen.

„Egal, was du mir zu sagen hast, kannst du mir auch morgen Abend sagen.“

Er schwieg. Eine Ewigkeit, so kam es mir vor. Er streichelte meine Schultern. Ich konnte seinen Blick erahnen, ohne ihn zu sehen. Die Augenlider niedergeschlagen, ein Lächeln um die Lippen, halb traurig, halb amüsiert.

„Ich will es dir jetzt sagen“, sagte er leise. Erlaubte seiner Stimme das unsichere Zittern, welches ich meiner versagt hatte. „Vielleicht gibt es kein Morgen für mich.“

„Sag das nicht. Es wird gut gehen.“ Es war die blinde Verzweiflung, die so stoisch aus mir sprach. Er wusste das. Der Griff um meine Schultern wurde fester, zwang mich, mich ihm zuzuwenden. Ich konnte die Angst aus meiner Stimme verbannen, doch meine Augen konnten die Lüge nicht vor ihm verbergen.

„Die Ärzte geben mir eine 50 zu 50-Chance, dass die OP gut verläuft. Es kann so viel passieren.“ Sein Lächeln. Dieses Lächeln, das mich wahnsinnig machte. Das ehrliche, blanke Lächeln, das er so selten zeigte. Es machte mir noch mehr Angst. Auch mein energisches Kopfschütteln konnte meine Tränen nicht mehr zurück halten. Ich konnte seine Finger auf meinen Wangen spüren, seine Stirn an meiner.

„Es tut mir so leid“, hauchte er mir entgegen.

„Nein, hör auf, ich will es nicht hören.“ Ich wollte ihn wegstoßen und krallte mich doch fester an ihn. An ihn, den großen Mann, den Fels, der immer Halt versprach und nun in seinen Grundfesten erschüttert hier vor mir stand. Irgendwo zwischen Leben und Tod.

„Es tut mir Leid. Ich liebe dich, weißt du?“

„Lass das, bitte.“

„Ich liebe dich.“

„Hör auf.“

„Nein, ich muss es dir sagen. Ich will es dir sagen, so oft ich noch kann.“ Er zwang mich, ihn anzusehen, seinem flehenden Blick standzuhalten. „Ich liebe dich.“

„Hör gefälligst auf, dich zu verabschieden.“ Ich schrie ihn beinahe an, warf mich ihm entgegen und schluchzte hemmungslos gegen seine Brust. „Hör auf, dich zu verabschieden …“

Eine Weile standen wir so da. Ich versteckte mein verheultes Gesicht in seinem Shirt, er seines in meinem Haar. Ich fühlte, wie wir beide zerbrachen.

„Ich liebe dich auch.“ Meine Stimme war noch belegt, als ich an der Tür stand und zu ihm zurückblickte. Er wirkte so fehl am Platz auf diesem kahlen Krankenhausbett, doch er strahlte inmitten der Scherben, die gerade noch sein Leben waren. Und ich stand plötzlich mitten drin. Aber nein, nicht plötzlich. Langsam hatten sich unsere Leben verbunden. Wir hätten es beinahe nicht bemerkt. Bis jetzt. Meine Lippen legten sich auf seine. Ich weiß nicht, wieso ich noch einmal in seine Arme zurückgefallen war, in seinen Scherben tanzte. Ich wollte es nicht nach Abschied aussehen lassen, doch wenn es einer sein würde, wollte ich ihn unvergesslich machen. Wollte nichts bereuen. Als wir uns voneinander lösten, trafen sich unsere Blicke noch einmal und verloren sich ins Unendliche.

„Bis morgen“, flüsterte ich und strich ihm über die Wange.

„Bis morgen“, flüsterte er, warf sich ins Ungewisse und entließ mich in die Zeit. Ins Morgen.